Johann Hinrich Claussen über Corona-Seelsorge

Es steht die Menschlichkeit des Sterbens infrage
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jhc

epd: Beerdigungen sind zurzeit nur im kleinsten Familienkreis erlaubt, die Trauerfeier darf nur im Freien direkt am Grab in reduzierter Form stattfinden. Trauergespräche sollen die Pfarrerinnen und Pfarrer nur telefonisch führen. Was bedeutet dies für die Angehörigen?

Johann Hinrich Claussen: Man kann in Notzeiten vieles überbrücken, aber für eine richtige Beerdigung braucht es vorher ein gutes Gespräch. Das gehört eigentlich zu einer würdevollen Bestattungskultur, die dann in eine angemessene Feier mündet. Wir erleben schon vor Corona in vielen Großstädten, dass bei 50 Prozent der Menschen nach dem Lebensende gar nichts mehr passiert. Jetzt stellen viele Menschen fest, was für ein Verlust das eigentlich ist. Man sieht endlich, dass eine gute Bestattungskultur bedeutsam, heilsam und für eine Kultur insgesamt lebensnotwendig ist.

Auch geschlossene Kapellen und Trauerhallen sind ein Problem, denn diese sind seelsorgerlich geschützte Räume. Dort können vertrauliche Dinge gesagt werden, ältere Menschen können sitzen und zuhören, es kann Musik erklingen. Auch dort kann Abstand gehalten werden, oft besser als auf einem Gräberfeld. Trauergemeinden sind sehr diszipliniert und halten sich an die Regeln des Kontaktschutzes. Daher müsste es jetzt eigentlich möglich sein, einen guten rituellen Abschied zu nehmen. Es ist sehr wichtig, dass der Akt des Abschiednehmens auch körperlich und gemeinschaftlich erfolgt. Damit konfrontiert man sich auch mit der eigenen Endlichkeit, die Menschen können einander stärken und sich Trost zusprechen.

Der Abschied einer Person betrifft zudem nicht nur die Kernfamilie und den allerengsten Kreis. Tote und Verstorbene haben einen viel größeren Umkreis, von dem oft die eigenen Kinder nichts wissen. Deshalb gehört zu einer guten Beerdigung für mich auch eine gewisse Art der Öffentlichkeit. Das muss keine Massenveranstaltung sein, aber Nachbarn oder Kollegen sollten die Gelegenheit haben, dabei zu sein.

Können Trauerfeiern später nachgeholt werden?

Claussen: So hart das klingt: Einen Ostergottesdienst kann man auch in einem Jahr wieder feiern, aber eine Beerdigung eben nicht. Auch eine Hochzeit kann man verlegen, eine Beerdigung nicht. Das sind Dinge, die lassen sich schwer nachholen. Es gibt natürlich die späteren Gedenkgottesdienste, aber dann sind die Menschen oft schon in einer ganz anderen Trauerphase. Der eigentliche, körperliche, gemeinschaftliche, rituelle Abschied ist dann nicht mehr möglich

Wo liegen zurzeit die Probleme bei der Sterbebegleitung?

Claussen: Wir wissen aus unserer langjährigen Arbeit mit vor allem hochbetagten und demenziell veränderten Menschen, dass diese vor allen Dingen Nähe, ein zugewandtes Gesicht und Berührung brauchen. Manchmal frage ich mich und fragen sich immer mehr Menschen, ob wir nicht in die Gefahr geraten, Menschen zu Tode zu retten, deren Lebensende absehbar ist. Natürlich darf niemand ein Coronavirus durch ein ganzes Altenheim tragen. Aber dass Menschen, die offenkundig am Ende ihres Lebens stehen, von Angehörigen oder Seelsorgern keinen Besuch empfangen dürfen, das ist schon eine sehr harte Maßnahme, die man nicht auf Dauer aufrechterhalten kann. Da steht einfach die Menschlichkeit des Sterbens infrage.

Gibt es noch weitere Argumente für eine Lockerung der rigorosen Kontaktsperre?

Claussen: Ja, ich merke, wie hoch die Kosten der Social-Distancing-Maßnahmen sind. Anders als andere Dinge lassen diese sich später nicht wieder gutmachen.

Wie lauten Ihre Vorschläge für die nächsten Wochen?

Claussen: Ich habe keine fertigen Rezepte. Ich plädiere aber dafür, dass man die beiden Barmherzigkeiten miteinander ausbalanciert, diese harte Barmherzigkeit der Kontaktvermeidung und die weiche Barmherzigkeit der Begleitung im Sterben und aus dem Leben hinaus. Da muss es bessere Formen geben als die jetzige strenge Form. Danach müssen wir suchen und das können wir als Kirche natürlich nicht alleine machen. Aber wenn jetzt die Diskussion beginnt, wo wir anfangen, aus der Distanz in die Begegnung zu gehen, da sollte auch die Kirche ihre Stimme erheben und sagen: Hier haben wir einen Dienst zu tun, der wichtig ist! Und den können wir nur tun, wenn mehr Spielraum da ist.

Gespräch: Stephan Cezanne (epd)

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