Johann Hinrich Claussen über Camera Obscura

Johann Hinrich Claussen über Camera Obscura
Danke, Spotify!
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Foto: privat

Für gewöhnlich orientiere ich mich an dem Merksatz: „Alte Technik – gute Technik / neue Technik – böse Technik“. Deshalb schreibe ich Emails, bin aber in diesem amerikanischen Gesichtsbuch nicht anzutreffen. Doch manchmal erfasst sogar mich der Rausch des Neuen. So verdanke ich dem Streamingdienst Spotify ein großes Glück – um nicht zu sagen: fast ein Offenbarungserlebnis. Und das kam so:

Manchmal teste ich auf Spotify Neuerscheinungen. Im Anschluss werden mir dann Songs vorgeschlagen, von denen der Algorithmus annimmt, dass sie mir gefallen könnten. Eigentlich mag ich es nicht, so bevormundet zu werden, und schalte ab. Aber dann geschah es. Ich hatte mir gerade das neue Album der Delines angehört (recht gut, ein bisschen langweilig), dann aber erreichte mich eine Musik wie aus dem Himmel. Spotify stellte mir eine Band vor, die eigentlich längst meine Lieblingsband hätte sein müssen. Denn sie bietet alles und dies im Übermaß, was ich an Popmusik liebe: einen eigenen Ton, unverwechselbare Melodien, Witz und Melancholie. Aber ich hatte sie in all den Jahren ihres Bestehens nie wahrgenommen. Dabei hatte sogar der hochverehrte Radio-DJ John Peel sie vor seinem Tod noch eindringlich empfohlen.

So habe ich mir die fünf Alben besorgt, die die schottische Indieband „Camera Obscura“ zwischen 1996 und 2015 veröffentlicht hat. Ich höre sie jeden Tag, wieder und wieder, kann gar nicht aufhören. Es ist vor allem die Stimme der Sängerin und Songwriterin Traceyanne Campbell, die mich bannt und verzückt. Ich kann ihren Zauber nicht beschreiben und empfehle stattdessen als Einstiegsdroge das Video zu meinem Lieblingsstückt „Let’s get out of this country“. Danach wird man alle anderen Lieder auch hören wollen und nicht mehr aufhören können. Merke: Nicht jede Sucht ist schädlich.

Es ist todtraurig, dass diese wunderbare Band keine Musik mehr zusammen macht, seitdem die Keyboarderin Carey Lander an Knochenkrebs gestorben ist. Aber die Sängerin hat gerade mit Daniel Coughlan das Duo „Tracyanne & Danny“ gegründet und ein wiederum sehr schönes Album veröffentlicht. Das wunderbare Lied „Alabama“ haben sie Carey Lander gewidmet.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.