Johann Hinrich Claussen über Bibel und Koran

Johann Hinrich Claussen über Bibel und Koran
Wie Orgel und Glocke
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privat

Manchmal liegt ein Thema so in der Luft, dass darüber zeitgleich an weit entfernten Orten fast identische Bücher geschrieben werden. Im vergangenen Jahr haben die deutsche Autorin Sibylle Lewitscharoff und der Exil-Iraker Najem Wali die Bibel mit dem Koran verglichen. Unter dem Titel „Abraham trifft Ibrahim“ untersuchten sie, wie hier und dort gemeinsame „Heldinnen“ und „Helden“ wie Eva, Abraham, Moses oder Maria dargestellt werden. Ebenfalls vor einem Jahr veröffentlichte der Theologe und Sprachwissenschaftler Jack Miles in den USA ein sehr ähnliches Buch. Jetzt ist „Gott im Koran“ auf Deutsch erschienen. Auch er will den Islam und sein Gottesbild dadurch besser verstehen, dass er die menschlichen Figuren betrachtet, die im Koran – und vorher in der Bibel – vorkommen.

Die für mich entscheidende Einsicht aus beiden Büchern besteht darin: Überall dort, wo die Bibel zwiespältige, abgründige, deutungsoffene Geschichten erzählt, stellt der Koran eine in sich geschlossene, theologisch unanstößige Lehre vor. Abrahams-Ibrahims grausiges Vorhaben, seinen Sohn Isaak zu opfern, war von Gott gar nicht so gemeint; Hiob-Ayyub ist kein an Gott Verzweifelnder und mit Gott Kämpfender, sondern ein im Leiden vorbildlich Geduldiger; Maria-Maryam hatte keinen Ehemann, sondern empfing ihren Sohn auf rein wundersame Weise; Jesus-Isa ist gar nicht wirklich am Kreuz gestorben.

Der Koran erscheint so als eine Bibelrevision. Er übernimmt den Erzählstoff der Juden und Christen, um ihn einer radikalen Vereinfachung zu unterziehen. Darin liegt eine prophetische Tat. Die Kreativität von Propheten besteht ja nicht darin, dass sie etwas bisher Unbekanntes verkünden würden, sondern sie wählen aus dem reichen, bunten Traditionsfundus, der ihnen vorliegt, das Eine aus, was sie unbedingt angeht. Aus der konsequenten Konzentration auf dieses eine Traditionsstück entsteht dann etwas Neues. So haben der Prophet Mohammed und seine Schüler aus dem Judentum und Christentum das einzige genommen, was ihnen allein heilig war: den Glauben an den einen und einzigen, allmächtigen und barmherzigen Gott. Was ihnen problematisch erschien, ließen sie fort: den jüdischen Erwählungs- und den christlichen Erlösungsglauben.

Doch kann man fragen, ob dem Koran die Vereinfachung der Bibel nicht allzu gut gelungen ist. Denn er ist kein Erzählwerk mehr. Wo die Bibel widersprüchliche, erstaunliche, erschütternde Geschichten erzählt, verkündet der Koran immer nur dieselbe religiös-moralische Botschaft: Es gibt nur einen Gott, Mohammed ist sein Prophet, der Mensch soll sich ihm unterwerfen. Die Bibel ist hier in Ordnung gebracht, ihre Spannung aufgehoben. Der Gott des Koran erscheint so als einer, der er immer schon war und sein wird: der absolut Absolute. Auch birgt er keine Paradoxien, die es auszuloten gälte. Das hat nicht nur literarische Folgen, sondern dürfte sich auf das religiöse Selbstverständnis auswirken. Ein geschlossener Gottesbegriff wie der des Korans gewährt dem Gläubigen und seiner Gemeinschaft sicherlich eine feste Orientierung. Religion ist hier folgerichtig „Islam“, also „Hingabe“. Einer Religion jedoch, die sich im Ernst aus den Geschichten der Bibel speist, ist auch die Auflehnung gegen Gott eingeschrieben. Sie kann nicht glauben, ohne zu zweifeln, Gott nicht verehren, ohne ihn anzuklagen. In dieser inneren Gebrochenheit kann man eine Voraussetzung dafür sehen, dass der Gläubige seinem Gott mit einer gewissen Freiheit gegenübersteht.

So kann man auf den Gedanken kommen, Koran und Bibel verhielten sich zueinander wie Glocke und Orgel: hier ein monumentaler Klangkörper mit nur einem, aber grandiosen Ton – dort eine kaum überschaubare Vielzahl von Registern an Stimmen und Stimmungen, hier erhabene, Ehrfurcht gebietende Monotonie – dort verwirrende, erregende Polyphonie.

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