Johann Hinrich Claussen über Bausünden

Einsamkeitsarchitektur
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jhc

Es bleibt ja nicht viel mehr an Freizeitbeschäftigung, als in der eigenen Nachbarschaft spazieren zu gehen. Inzwischen meint man, das meiste zu kennen: die Straßen, Häuser, geschlossene Geschäfte und überquellende Altpapiercontainer. Doch hier kommt ein Hinweis, wie der Gang durchs Quartier zu einer aufregenden Entdeckungsreise werden kann.

Um mir mitten im unaufhörlichen Trübsinn eine dringend benötigte Erheiterung zu verschaffen, hat mir eine vertraute Person ein Fotobuch über Bausünden geschenkt. Turit Fröbe zeigt in „Eigenwillige Eigenheime“ mit zart-ironischer Menschenfreundlichkeit, was beim Hausbau alles schief gehen kann. Man staunt und staunt über die unerschöpflichen Ströme des schlechten Geschmacks, die sich über unser ganzes, eigentlich schönes Land ergießen.

Man kann sich von diesem Buch inspirieren lassen, sich selbst in der eigenen Nachbarschaft nach Bausünden umzusehen. Das schärft den Blick und schenkt ein bisschen Fröhlichkeit. Doch empfehle ich, es sich dabei nicht zu leicht zu machen. Über kleinbürgerliche Spießigkeit zu spotten, ist billig. Anspruchsvoller ist es, sich bei den Neubauten der sehr Reichen umzusehen. Dies habe ich jetzt mal versucht.

Die größte Bausünde meiner Nachbarschaft in Hamburg ist ein riesiges Areal höchstpreisiger Wohnanlagen direkt an der Außenalster. Sie ist so gestaltet, dass man von weiter Ferne erkennen muss: „Das war aber bestimmt ganz schön teuer!“ Strahlend weiß wie frisch gebleichte dritte Zähne spreizen sich „halb-Bauhaus/halb-Klassizismus“-artige Häuser in den öffentlichen Raum. Gegeizt wurde hier offenkundig mit eigenständigem Gestaltungswillen. Geiz ist überhaupt auf eine paradoxe Weise das auffälligste Kennzeichen. Nichts hier wirkt freigebig, lässig, verschwenderisch elegant. Das zeigt sich besonders an der ängstlichen Selbstisolation der Anlage. Überall Schranken, Gitter, Zäune. An einer Ecke stehen drei Verbotsschilder: Zutritt und Aufenthalt verboten! Und Spielen natürlich auch! Dabei wäre kein normaler Mensch auf die Idee gekommen, hier zu verweilen. Kein gesundes Kind würde hier spielen wollen. Alles viel zu verschlossen, leer, kalt, weiß, unlebendig, einsam. Das freie, beiläufige Sich-Begegnen ist unmöglich gemacht. Was einen vitalen urbanen Raum ausmacht, kann nicht stattfinden. Was man hier bestaunen kann, ist Einsamkeitsarchitektur.

Das gibt dem Begriff „Bausünde“ eine theologische Bedeutung. „Sünde“ ist nämlich nicht bloß etwas Böses und Verdammungswürdiges, sondern hat im Kern mit Angst und Traurigkeit zu tun. Sie ist nach Martin Luther im Kern ein „In-sich-Verdrehtsein“. So etwas kann man offenkundig auch bauen.

P.S.: Und wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, in Ihrer Nachbarschaft auf eine interessante Bausünde stoßen, schicken Sie mir doch ein Bild mit kurzer Erklärung. Aus den Einsendungen wird - ohne notarielle Beteiligung - ein Exemplar ausgewählt!

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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