Johann Hinrich Claussen über alt-neue Parolen

Johann Hinrich Claussen über alt-neue Parolen
Wer sind denn nun die Mörder?
tucholsky.jpg

privat

Das obige Bild zeigt ein Haus, an dem ich stets auf meinem Weg ins Büro vorbeikomme. Es ist eines der letzten seiner Art. Ach, die alte, schäbige Hausbesetzer-Herrlichkeit – dahin, dahin. „Unwiederbringlich!“, hätte Theodor Fontane gesagt. Stück für Stück werden diese Manifestationen des Berliner Widerstandsgeistes geräumt, verkauft, abgerissen oder luxussaniert. Doch dieses steht noch da, mitten in der Stadt.

Interessant nur ist, wie der Verfall der Fassade eine der alten Parolen verwandelt hat. Vor vielen Jahren hatten die Bewohner dieses Hauses den berühmten Tucholsky-Spruch „Soldaten sind Mörder“ auf eine Außenwand gepinselt. Nun hat der Zahn der Zeit die ersten drei Buchstaben abgenagt – und ich lese auf meinem morgendlichen Arbeitsweg: „Daten sind Mörder“.

Das kann man wohl als zeitgemäße Verwandlung eines Klassikers bezeichnen.

Übrigens, liebe Tucholsky-Fans, wenn Sie erfahren wollen, wie präzise und engagiert einige Soldaten heute für die Demokratie streiten, gebe ich Ihnen zwei Lektüre-Hinweise:

1. Klaus Wittmann hat in einem vielbeachteten „Offenen Brief“ an einen Kameraden, der sich für die AfD um ein staatliches Amt bewirbt, gezeigt, wie man „mit Rechten reden“ kann: offen, präzise, mutig und bei aller Schärfe doch gesprächsbereit.

2. In einem Blog der „Gesellschaft für Sicherheitspolitik“ hat Kersten Lahl ein verteidigungspolitisches Papier der AfD auseinandergenommen. Dabei zeigt er, was Sprachkritik zu leisten vermag. Er nimmt sich nämlich besonders eine Formulierung aus diesem Papier vor, nach der es darum gehen müsse, die „Befähigung und Motivation jedes einzelnen Soldaten zum unerbittlichen Kampf im Gefecht“ zu befördern. Lahl legt dar, in welche antihumanen Abgründe solche "unerbittlichen" Sprüche weisen und wie sehr sie den soldatischen Tugenden einer demokratischen Bundeswehr widersprechen

P.S.: Gemeinsam mit meinem Kollegen Klaus-Martin Bresgott habe ich für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ein Fontane-Buch veröffentlich: Wir haben auf seinen Spuren zwölf Orte und Kirchen besucht und geschaut, welche Geschichten uns dort erwarten. Die „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ haben freundlich darüber berichtet.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
54 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
Claudius Grigat
25 Beiträge

Schön bunt ist das Familienleben, manchmal auch zu bunt. Geschichten aus dem turbulenten Alltag von Claudius Grigat

Text:
Johann Hinrich Claussen
112 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
Franz Alt
76 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Dominique Bielmeier, Dorothea Heintze, Anne Buhrfeind
22 Beiträge

Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.