Johann Hinrich Claussen über Afghanistan

Nichts gut?
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Nicht nur ich werde in diesen Tagen an eine alte Predigt erinnert. Sie wissen schon. Manche Schlagzeilen greifen einen Satz aus ihr wieder auf. Für mich verbinden sich damit eine Erinnerung an meinen Vater sowie eine Reihe dunkler Fragen.

Ich weiß gar nicht mehr, wann es war. Mein Vater rief mich aus Berlin an, um mir zum Neuem (welchem?) Jahr zu gratulieren und von einem Gottesdienst zu erzählen: habe ihm alles gut gefallen, auch die Predigt, sehr bedenkenswert. Zum Hintergrund: Mein Vater war nicht verdächtig, linkspazifistischen Träumen zu folgen.

Dann überrollte eine Empörungswelle die Predigerin und meine Kirche. So richtig kriege ich es nicht mehr zusammen, aber es lief in etwa so: Ein Journalist sah das Potential, die stille Zeit zwischen den Jahren aufzumischen, zog einen einzelnen Satz aus der Predigt, sammelte kritische Statements von Politikern ein, schon brach ein Sturm los. Die Kollegin musste in der Folge, wenn ich mich recht entsinne, zum damaligen Verteidigungsminister pilgern, einem der ganz großen Staatslenker, die die deutsche Nation hervorgebracht hat (sein Name ist mir leider gerade entfallen). Was genau in ihrer Predigt stand, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich hätte ich es anders gesagt, egal. Ich erinnere mich aber ziemlich genau, dass ich in den Folgejahren wieder und wieder von zornigen Menschen auf diesen einen Satz angesprochen wurde und mich dafür rechtfertigen musste. Jedes Mal war ich ratlos und staunte über diese so nachhaltige Empörungsbereitschaft. Stillen konnte ich sie nicht. Mir fiel dazu nichts ein.

Niemand soll nachher Recht gehabt haben. Aber ein paar Fragen darf man schon stellen. Zum Beispiel: Warum waren die Verantwortlichen von den jüngsten Entwicklungen in Afghanistan eigentlich überrascht? Regelmäßige Zeitungslektüre hätte sie darauf vorbereiten können. Warum waren sie auf nichts vorbereitet? An Personalmangel in den zuständigen Stellen wird es nicht gelegen haben. Oder: Was werden die Menschen in Afghanistan jetzt von ihren sogenannten Freunden in Deutschland denken? Was werden die Menschen in Deutschland empfinden, die einen Angehörigen bei einem Einsatz dort verloren haben? Wie blicken jetzt diejenigen, die dort gedient haben, auf diese Zeit zurück?

Eine Frage beunruhigt mich besonders: Warum hat es keine ernsthafte, ehrliche Debatte über diesen Krieg gegeben? Oder habe ich etwas verpasst? Gab es in all den Jahren je eine seriöse Diskussion im Bundestag? War dieser Krieg auch nur in einem der ungezählten Wahlkämpfe ein kontroverses Thema? Ich mag mich täuschen und lasse mich gern eines Besseren belehren, aber ich kann mich an nichts Substantielles erinnern – nur halt an die endlose Empörung über diesen einen Predigtsatz. Sonst nichts.

Ob es jetzt zu einer gehaltvollen politischen Debatte kommt? Eher nein, es ist ja Wahlkampf. Ob der Bundestag darüber diskutieren wird? Ach nein, geht nicht, ist ja Sommerpause.

P.S. Kennen Sie die „Tanckstelle“? Das ist ein schöner YouTube-Interview-Kanal der Musik-Journalistin Fanny Tanck. Gerade war ich dort zu Besuch.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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