Experten haben empfohlen, die „Wittenberger Sau“ abzunehmen – die Hintergründe erklärt Johann Hinrich Claussen

Anders sichtbar machen
schmährelief

stadtkirche wittenberg

Der Fall beschäftigt die Öffentlichkeit, weit über Deutschland hinaus, seit Jahren. Nun hat ein Expertengremium, dem ich angehöre, eine Lösung empfohlen. Sie ist bestimmt nicht perfekt. Aber hier geht es ja auch um eine geschichtliche Erblast, die sich nicht wiedergutmachen lässt. Immerhin hoffen wir, einen sinnvollen Weg mit mehreren Schritten aufzuzeigen.

Inzwischen kennen viele die judenfeindliche Schmähskulptur an der Wittenberger Stadtkirche, Luthers Predigtkirche. Sie stammt aus dem Mittelalter, wurde vom alten Luther giftig aufgeladen, wurde von der Kirchengemeinde noch zu DDR-Zeiten mit einem Gegendenkmal und später mit einer Informationstafel kritisch kommentiert, doch spätestens mit dem Reformationsjubiläum 2017 wurde die Forderung immer lauter, sie abzunehmen.

In einer Tagung vor zwei Jahren wurde die Bedeutung der Schmähskulptur im Zusammenhang ähnlicher Bildwerke diskutiert (hier kann man die Dokumentation herunterladen). In einer zweiten Tagung im vergangenen Dezember haben wir darüber diskutiert, wie man mit diesem und vergleichbaren Objekten umgehen sollte (hier kann man die Dokumentation „Bilderverbot? Zum Umgang mit antisemitischen Bildern an und in Kirchen“ bestellen).

Nun hat ein Expertengremium, dem Vertreter der evangelischen Kirche, des Zentralrats der Juden, des Denkmalschutzes und des Landes Sachsen-Anhalt angehören, nach intensiver Beratung eine Empfehlung ausgesprochen. Sie versucht zwei Gedanken miteinander zu verbinden: Zum einen soll das Schandbild nicht mehr an seinem bisherigen Ort zu sehen sein. Denn es ist eine Schmähung jüdischer Menschen und zugleich ein Sakrileg, nämlich eine Beleidigung des Gottesnamens. Zum anderen soll es in unmittelbarer Nähe auf andere Weise zu sehen sein. Denn die Auseinandersetzung darf nicht aufhören. Mit beiden Gedanken wollen wir die in den Medien gehandelte Alternative „Dranlassen oder Abmachen“ überwinden. Denn sie greift zu kurz.

Am besten erscheint es uns, das Schandbild von der Kirche abzunehmen. Das ist ein klares Zeichen, eine unmissverständliche Distanzierung. Zugleich soll das Problem, das dieses Bild repräsentiert, nicht zum Verschwinden gebracht werden. Im Gegenteil, in unmittelbarer Nähe (und nicht in einem weit entfernten Museum) soll die Skulptur ausgestellt und im Kontext der Geschichte christlicher Judenfeindschaft erklärt werden. (Dafür gibt es erste Ideen.) Damit soll eine angemessene Auseinandersetzung ermöglicht werden.

(Etwas Vergleichbares hat vor kurzem die Evangelische Stiftung Alsterdorf in Hamburg mit ihrem Problembild getan.)

Allerdings sind noch einige Fragen zu klären. Die technische Machbarkeit muss geprüft werden. Denn das historische Objekt soll ja beim Abnehmen nicht beschädigt oder gar zerstört werden. Ein neuer Ort muss gefunden und gestaltet werden. Auch der alte Ort muss neugestaltet werden, denn die entstehende Lücke sollte nicht einfach gefüllt und geweißt werden, sondern irgendwie kenntlich bleiben. Es muss geklärt werden, was aus dem alten Gegendenkmal werden soll. Vor allem aber muss der Kirchgemeinderat eine Entscheidung treffen, denn wir haben ja nur eine Empfehlung ausgesprochen.

Gibt es Alternativen? Natürlich, zum Beispiel eine Verhüllung am originalen Ort und eine „enthüllende“ Dokumentation gleich in der Nähe. Oder eine künstlerische Intervention, die die Wirkung des alten Bildes mit Hilfe eines neuen bricht. Lange habe ich dies für die besten Gedankenrichtungen gehalten. Doch inzwischen erscheinen sie mir als zu kompliziert, zu geistreich. Auch droht, dass es hier zu einer „Übermöblierung“ dieses Ortes kommt (Schmährelief + Gegendenkmal + Informationssäule + neues Kunstwerk, und dann ist da auch noch eine große Zeder). Schließlich wird so der Macht des alten Bildes nicht klar genug widersprochen. Außerdem müsste das Gegenbild ein Kunstwerk, also deutungsoffen und nicht-didaktisch sein, bliebe notwendigerweise ambivalent.

Deshalb bin ich für unsere Empfehlung. Es hat Zeit gebraucht, um sie zu erarbeiten. Ich selbst habe diese Zeit gebraucht. Aber es ist eine Empfehlung, die aus einem gemeinsamen Nachdenken folgt. Sie ist deshalb auch keine Reaktion auf die Gerichtsverfahren zur Skulptur, die immer noch nicht abgeschlossen sind. Sie hat auch nichts mit dem Antisemitismus-Skandal auf der Documenta zu tun, wie ein, zwei Journalisten meinten. Es handelt sich doch um völlig unterschiedliche Fälle.

Bin ich jetzt also fertig mit diesem Problem? Natürlich nicht. Gestern las ich einen sehr klugen Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ der israelischen Kunsthistorikerin Galit Noga-Banai über ihren Besuch bei den Oberammergauer Passionsspielen. Er endet mit einem Absatz, bei dem ich an die Wittenberger Sau denken musste, auch wenn sich diese nur sehr bedingt mit den Passionsspielen vergleichen lässt. Galit Noga-Banai schreibt: „Ich sehe es als meine Verantwortung, meinen Studenten und meinen Kindern die christliche Kunst und das christliche Narrativ nahezubringen, so wie es in der Verantwortung der Deutschen liegt, diese Kunstwerke dort zu belassen, wo sie hingehören. Denn sie sind nicht nur Kunstwerke, sondern sichtbare und sehr spezielle geschichtliche Zeugnisse, die zumindest in mir als jüdischer Kunsthistorikerin die Leidenschaft geweckt haben, mehr über die Heimat meiner Großeltern zu erfahren, auch wenn diese Großeltern nie in Oberammergau waren.“

Zum Schluss: Unsere Empfehlung bezieht sich nur auf dieses eine antijüdische Bildwerk, für andere können und müssen jeweils eigene Formen des Umgangs gefunden oder weiterentwickelt werden.

P.S.: „Ein Weltkirchenrat und eine Welt voller Krisen“ – darüber spreche ich in meinem Podcast mit der Theologin Ellen Ueberschär. Sie hat davor gewarnt, dass die Führung der russisch-orthodoxen Kirche die Versammlung des Weltkirchenrats im September in Karlsruhe missbrauchen könnte. Auch über einen kirchlichen Antisemitismus gegen Israel diskutieren wir.

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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