Die russischen Angriffe auf ukrainische Kulturgüter dürfen nicht übersehen werden, fordert Johann Hinrich Claussen

Eine andere Art von Christenverfolgung
kirchenzerstörung in der ukraine

jhc

Diese Website sollten sich alle ansehen. Besonders diejenigen, die unsicher sind, ob der Westen die Ukraine noch länger unterstützen sollte. Oder diejenigen, die fragen, ob die Kosten der Sanktionen gegen Russland nicht zu hoch sind. Es ist eine Website des ukrainischen Kulturministeriums.

Die Website listet auf, welche Kulturdenkmäler von den russischen Angreifern beschädigt oder zerstört worden sind. Akkurat werden sie aufgeführt. Die vorläufig aktuelle Zahl lautet: 461. Aber wie so oft bei Zahlen: Die bloße Nummer erklärt wenig. Doch wenn man sich die einzelnen Bilder und konkreten Geschichten anschaut, erschrickt man über das Ausmaß der Grausamkeit. Wichtig ist, dass es sich hierbei nicht um zufällige Kollateralschäden handelt, sondern um die gewünschte Folge gezielter Aggression. Denn Russland will die Ukraine als eigenständige Nation, als Volk mit eigener Geschichte und Kultur vernichten.

Da ist es nicht verwunderlich, aber dennoch besonders erschreckend, dass vor allem Sakralbauten unter den beschädigten und zerstörten Kulturgütern sind. Denn sie stehen in besonderer Weise für die nationale, kulturelle und spirituelle Identität der Ukraine. Und sie soll nach Putins Willen nicht sein.

Also werden sie beschossen und zerbombt. Von Bomben und Raketen. Man muss dies als eine Art Christenverfolgung bezeichnen. Einen Widerspruch zu seiner nationalreligiösen Ideologie der „Russischen Welt“ und seiner betonten Nähe zur russisch-orthodoxen Kirche wird Putin darin nicht erkennen. Dies ist ja Teil seiner Vorstellung einer imperialen russischen Orthodoxie. Und so werden es seine russisch-orthodoxen Mittäter auch sehen. Das ist allerdings insofern dreist, als die Leitung der russisch-orthodoxen Kirche – wie mir der Ostkirchenkundler Reinhard Flogaus kürzlich in meinem Podcast erklärte – seit einiger Zeit versucht, sich als Opfer von moderner Christenverfolgung (durch böse säkulare Kräfte) darzustellen. Über die antichristliche Gewalt, für die sie selbst verantwortlich sind, schweigen sie lieber.

Die Website gibt übrigens ein wichtiges Zeugnis davon, wie vielfältig die ukrainische „Identität“ ist. Denn auch die zerstörten Gebetsräume von kleinen, zum Beispiel evangelischen Kirchen, sind aufgeführt. Aber auch Synagogen und jüdische Friedhöfe. Sie alle bilden nun eine Ökumene der Trauer und des Zorns. Ihr sollte die volle und vorbehaltlose Solidarität der Kirchen, aber auch der Kulturwelt in Deutschland gelten.

P.S.: Der Radio-Essayist Burkhard Reinartz hat für den WDR eine sehr feine Sendung über die Seele gemacht, unbedingt hörenswert.

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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