Claudius Grigat über Fahr- und andere Geschäfte

Claudius Grigat über Fahr- und andere Geschäfte
Rummel forever
Rummelplatz von oben

Foto: Claudius Grigat

So sieht ein Rummeplatz von oben aus, aus dem Riesenrad heraus. In dem wird einem wenigstens nicht schlecht.

Rummelplatz von oben

Es waren immer die tollsten Tage, ach, wenn sie doch ewig gedauert hätten: Die Tage, an denen wir als Kinder auf diese eine Art von Veranstaltungen durften, die wir so liebten. Egal, wie sie auch hießen – Kerb, Kirmes, Kirchweih, Markt, Nachbarschafts-, Freundschafts- oder Stadtfest – Hauptsache, es gab einen Rummelplatz.

Ich verstehe darunter die Ansammlung von mindestens zwei Karussells beziehungsweise Fahrgeschäften, mehreren Grill-, Popcorn-, Mandel- und Plastikspielzeugbuden und mindestens einer Attraktion wie Dosenwerfen oder Riesenplüschtierverlosungunddochimmernietenbekommen.

Autoscooter bis zum Abwinken

Besonders in Erinnerung geblieben sind mir dabei speziell zwei Events: Zum einen ein Markt, der mit besonders alten Karussells aufwarten konnte, darunter eine Oldtimerbahn, eine echte Schiffsschaukel und ein Kinderkettenkarussell mit einer alten automatischen Spielorgel. Zum anderen war da dieses deutsch-amerikanische Freundschaftsfest auf dem Gelände der in der Nähe meines damaligen Wohnorts stationierten US-Streitkräfte, auf dem ich das erste Mal "American Icecream" im Halbliterbecher aß. Also den Halbliterbecher leer aß. Vor allem aber war der Vater meines besten Freundes damals als Ingenieur bei der Army beschäftigt, sozusagen als deutscher Gastarbeiter. Als solcher war er unter anderem auch der Zuständige für die Überprüfung der Sicherheit der Fahrgeschäfte auf dem Gelände. Und als solcher wiederum bekam er vom Betreiber des Autoscooters eine Unmenge an Plastikchips zugesteckt, mit denen man die Fahrzeuge in Gang setzte. Es müssen mindestens 1.000 Stück gewesen sein - zumindest hätte ich nach jenen zwei Tagen den Führerschein bestimmt mit verbundenen Augen machen können, wenn man mich nur gelassen hätte.

Kein Riesenplüschtier

Natürlich gehen wir, solcherart geprägt, mit unseren Kindern heute auch hin und wieder "auf den Rummel". Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass sich so einiges geändert hat in der Zwischenzeit. Und zwar nicht zum Besten! Oder gab es früher schon solch eine Vielzahl an Karussells, bei denen mir entweder schon vom Zuschauen schlecht wird oder die mir so viel Angst einjagen, dass ich auf keinen Fall meine Kinder damit fahren lassen würde? Und haben die Würstchen und Pommes auf dem Rummel auch früher schon immer so vor Fett getrieft und eher mittelmäßig geschmeckt? Nein, oder? Die waren himmlisch, genau wie das noch warme, frische Popcorn. Und waren die Plastikspielsachen, die Zuckerwatte und das Entenfischen früher wirklich auch so unfassbar kostspielig? (Immerhin hatten wir unlängst einen pädagogischen Erfolg, als mein Sohn zutiefst frustriert von der Riesenplüschtierverlosungunddochimmernietenbekommen-Aktion zurück kam und mit Einsatz seines gesamten verbliebenen Taschengelds eben kein Riesenplüschtier sondern nur einen Plastiktrostpreis bekommen hatte, der nach genau 48 Minuten kaputt war, woraufhin er beschloss, künftig seine Finanzmittel nur noch in frisches, noch warmes Popcorn zu investieren.)

Dafür Raffaelomandeln

Aber, in der Tat, es hat sich noch mehr verändert. Zwei Dingen davon stehe ich eher indifferent gegenüber: Es gibt jetzt auch Handyhüllen auf dem Rummel, natürlich unfassbar kostspielig, und es gibt nicht mehr einfach nur "gebrannte Mandeln", sondern es gibt mindestens vier oder mehr Nusskernsorten und die wiederum in mindestens acht Geschmacksrichtungen, von "Raffaelo" bis "Schlumpf".

Und eine Veränderung schließlich kann ich sogar uneingeschränkt gut heißen: Es gibt jetzt auch Döner zu kaufen! Natürlich fetttriefend und eher mittelmäßig schmeckend…

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Über diesen Blog

Schön bunt ist das Familienleben, manchmal auch zu bunt. Geschichten aus dem turbulenten Alltag von Claudius Grigat

Claudius Grigat
Claudius Grigat lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern am Stadtrand – sehr normal. Aber was ist schon normal, wenn es um Kindersachen geht? Wenn man zum Beispiel entdeckt, dass zwei verschiedene Socken cool sind, Barbies nicht stehen können und das Leben kein Ponyhof, der Ponyhof aber das Leben ist… Den Dingen auf den Grund zu gehen ist für ihn als Journalist und als Papa immer wieder eine schöne Herausforderung.

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Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.