Claudius Grigat über Buchstaben und Elementarpädagogik

Claudius Grigat über Buchstaben und Elementarpädagogik
Konzeptkunst
Zwei kaputte Autos

Foto: Claudius Grigat

Zwei kaputte Autos

Früheste Erinnerungen an die Schule, außer der Schulmilch beim Hausmeister: Heimatkunde und Schwungübungen, das kleine Einmaleins und das Schönschreibheft. Dabei kann Elementarpädagogik so spannend sein. Und so erfolgreich, wenn sie die Kids abholt in ihrer Lebenswelt und mitnimmt, sie interessiert und im besten Fall sogar begeistert für das, was es zu entdecken und zu lernen gibt. Heute ist man damit tatsächlich ein ganzes Stück weiter in unseren Grundschulen, so scheint mir - auch in denen ohne explizit reformpädagogisches Konzept. Immer wieder wird versucht, die Kinder mit Spaß an den Stoff heranzuführen, sie einzubinden, das Neue mit ihren bereits gemachten Erfahrungen zu verknüpfen und dies zu vertiefen.

Beispiel gefällig? Unser Sohn hat auch nach den ersten Monaten immer noch Lust, in die Schule zu gehen. Das finde ich, besonders bei ihm, nicht selbstverständlich. Es sind die kleinen Dinge, die ihn fordern und freuen. Bei jedem Buchstaben, der neu eingeführt wird zum Beispiel, üben die Kinder der Klasse 1c das Schreiben (das ja am Anfang eher ein Malen ist). Sie schneiden aber auch zuhause aus einer Zeitung ein Wort aus, das mit diesem Buchstaben anfängt und bringen es mit in den Unterricht. Gut, dass wir außer der Tageszeitung auf dem Tablet auch noch Zeitschriften aus Papier abonniert haben und Werbeblättchen im Briefkasten stecken. Vor allem aber machen sie eine Ausstellung in der Klasse zum jeweiligen Buchtstaben, bis der nächste dran ist. Die Ausstellung besteht aus den Dingen, die die Kinder mitbringen, die mit dem jeweiligen Buchtsaben anfangen. Beim "W" zum Beispiel gab es einen Wolf als Kuscheltier, ein Paar Wanderschuhe, ein Witzebuch und einen Wecker, beim "A" einen Affen als Kuscheltier, einen Apfel, eine Armbanduhr undsoweiter. Die Kinder sind dabei stets bemüht, Dinge zu finden, die ihnen etwas bedeuten, die etwas aus ihrem Alltag erzählen und/oder auch solche, die vielleicht nicht gleich dutzendfach auch von den anderen mitgebracht werden.

Diese Autos fangen mit "U" an?

Das hat mein Sohn neulich übrigens definitiv geschafft. Das "U" war neu, der Auftrag für das Einsammeln der Exponate für die Ausstellung an die kleinen KuratorInnen war entsprechend ergangen. Zuhause verschwindet mein Sohn auf die Frage "Und, was bringst du mit?" in seinem Zimmer. Es vergehen einige Augenblicke, dann hören wir es ächzen und dann leise krachen und knacken. Ganz offenbar ist dort in seinem Reich gerade etwas Anstrengendes geschehen. Und – oh je – scheinbar, ist dabei etwas kaputt gegangen. Als der kleine ABC-Schütze wieder auftaucht, ist er aber gar nicht traurig oder zerknirscht. Hochzufrieden präsentiert er zwei seiner kleinen Modellautos. Die sind ganz offensichtlich zerstört worden: Das Dach ist eingedrückt bei beiden, die Kunststoffscheibe gesplittert (siehe Bild). Er aber strahlt. Schließlich spreche ich die Frage aus, die zentnerschwer in der Luft liegt: "Okay, "Auto" fängt nicht mit "U" an, "Matchbox" auch nicht. "Modell- oder Miniauto" haben auch ein "M" am Anfang. "Wagen" beginnt mit "W", "Fahrzeug" mit "F". Was zum Henker also hast du dir jetzt dabei gedacht?" "Unfall!" grinst mein Sohn.

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Claudius Grigat
Claudius Grigat lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern am Stadtrand – sehr normal. Aber was ist schon normal, wenn es um Kindersachen geht? Wenn man zum Beispiel entdeckt, dass zwei verschiedene Socken cool sind, Barbies nicht stehen können und das Leben kein Ponyhof, der Ponyhof aber das Leben ist… Den Dingen auf den Grund zu gehen ist für ihn als Journalist und als Papa immer wieder eine schöne Herausforderung.

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