Thomas Rheindorf über ein Gedicht, das tief in die Herzen der Hochwasseropfer dringt

Issis Gedicht
Thomas Rheindorf Hochwasser Gedicht

Thomas Rheindorf

Das Ahrtor ist ein Wahrzeichen der Stadt. Im Krieg wurde es durch Bomben beschädigt und anschließend wieder aufgebaut. Auch jetzt brennt der Wunsch nach Wiederaufbau in der Stadt.

Thomas Rheindorf Hochwasser Gedicht

Ich lese ein Gedicht in der Zeitung. Dann höre ich es sonntags im Gottesdienst. Vorgetragen von der Autorin. Einfache Worte, wuchtige Wirkung. Sie haben die Herzen der Opfer getroffen.

Als er noch nicht davongeschwommen war, landeten in meinem Briefkasten wöchentlich drei Käseblätter. Wenn ein neues da war, habe ich mich darüber gefreut, weil sich ein kleines Ritual anschloss: In den Prospektbeilagen, die das Heftchen an Volumen um ein Vielfaches übertreffen, kann man studieren, was die Discounter so als Aktionsware anbieten, und dann im Blatt selbst erkunden, ob jemand gestorben ist, den ich kannte. Früher war das die Leidenschaft meiner Oma – ich merke, man wir nicht jünger.

In Zukunft möchte ich respektvoll Lokalzeitungen sagen, denn durch das Hochwasser haben sie – kleiner Wortwitz – Auftrieb erhalten, qualitativ gesehen. Jetzt geht es um wirkliche Schicksale und großartige Initiativen. Das spornt die Lokalreporter spürbar an. Heute war das wieder der Fall. Ich schüttelte also die Prospekte heraus und blätterte in der Zeitung.

Gleich auf Seite drei finde ich ein Gedicht. Gedichte sind in solchen Blättchen selten literaturpreisverdächtig, manchmal unfreiwillig komisch, manchmal mundartlich. Hier ist es anders, ich kenne die Autorin: Ilse-Dore Schöpke, ihre Freundinnen nennen sie Issi. Wenn sie mir auf der Straße entgegenkommt, wechsele ich die Seite – wenn ich auf der bin, auf der sie nicht ist. Denn es ist immer erfrischend, ein paar Worte mit ihr zu wechseln.

Irgendwann hat sie zu dichten begonnen

Issi ist jetzt über achtzig, doch nur auf dem Papier. Achtzig ist das neue sechzig, wer sie kennt, wird das unterschreiben. Sie stammt aus dem Vogtland und zog vor Jahren aus Chemnitz nach Ahrweiler. Issi ist evangelisch und mag ganz normale Gottesdienste am Sonntagmorgen. Vor etlichen Jahren meldete sie sich als Lektorin. Den rheinischen Singsang hat sie nie angenommen, ihre eigene Herkunft ist beim Sprechen allenfalls zart zu hören. Issi nimmt Lesen ernst. Sie will die Texte vorher per Mail haben, druckt sie sich augenfreundlich aus und übt. Manchmal fragt sie nach der Aussprache eines biblischen Ortes oder Namens. Sie will, dass verstanden wird, was sie vorträgt. Aufgeregt wirkt sie nie.

Irgendwann hat sie zu dichten begonnen. Kleine Sachen, die ihr im Kopf herum gingen. Erst für die Schublade. Sie las Freundinnen etwas vor. Die waren angetan. Eine sagte: Schick das mal an die Zeitung. Issi tat es, war erstaunt, dass es gedruckt wurde. Noch erstaunter, als der Redakteur anrief und sie ermutigte, mehr zu schicken, wenn sie wieder mal was habe. Sie hat. Wenn Issi etwas erlebt und es bewegt sie, dann entstehen die Reime im Kopf.

Issis Haus wurde vom Hochwasser verschont. Ihre Wohnung liegt auf einer kleinen „Insel“ von Häusern, zu denen das Wasser nicht kam. Vielleicht gerade darum bewegt es sie so. Ich treffe sie freitags auf der Straße: „Ich habe Ihr Gedicht gelesen“, sage ich, „Wollen Sie das nicht am Sonntag im Gottesdienst vorlesen, statt Fürbitten?“ Sie will. Am Sonntag geht sie nach dem Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ ans Mikro.

„Ich bin durch die Stadt gegangen, und konnte nachts nicht schlafen, wegen der Bilder in meinem Kopf. Dann habe ich mich hingesetzt und dieses Gedicht geschrieben. Dann konnte ich einschlafen“, erklärt sie. Und beginnt: „Ahrweiler steht wieder auf...“ Die Stimme bricht, erstirbt. Issi schluckt. Dann trägt sie vor. Erst bebend, am Ende mit einer Spur Trotz:

Ahrweiler steht wieder auf!

Unvergesslich – diese Nacht!

Naturgewalt hat aus der Ahr ein Monster gemacht.

Menschen, Tiere, Autos, Häuser und Brücken können den entfesselten Gewalten nicht das Geringste entgegenhalten.

Das Schlimmste, wir müssen nach diesen Tagen

viele Menschenleben beklagen!

Und so viele haben kein Zuhause mehr,

von überall kam schnellstens Hilfe her.

Aus dem ganzen Land kamen mit Baugeräten viele Leute,

sie helfen den tapferen Ahrweilern bis heute.

Es zeigt sich im Ahrtal weit und breit

Für diesen Beistand große Dankbarkeit.

Ich gehe durch’s Städtchen –

die Häuser schau’n mich mit toten Augen an,

sodass ich mich der Tränen nicht erwehren kann.

Mit dem Neuaufbau werden Jahre vergeh’n,

und sicher wird es anders, aber auch wieder schön!

Wer helfen kann, hilft und wir hoffen darauf:

„Unser geliebtes Ahrweiler steht wieder auf“!

 

Schweigen. Schließlich leiser Applaus.

 

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Thomas Rheindorf
Gummistiefel, Handschuhe, Schutzbrille und Schaufel gehören jetzt zum Alltag von Thomas Rheindorf. Sein Familienhaus in Bad Neuenahr, in dem er mit seiner Frau und den vier Kindern lebte, versank im Hochwasser metertief im Schlamm. Der Pastor ist auch als Seelsorger im Einsatz. Die Hilfsbereitschaft ist riesig im Tal – genauso riesig wie das Entsetzen und die Trauer.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
Johann Hinrich Claussen
220 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
16 Beiträge

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Text:
Susanne Breit-Keßler
144 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
3 Beiträge

Die afghanische Frauenrechtlerin Tahora Husaini hat in Berlin Zuflucht gefunden. Oft ist sie mit ihren Gedanken in ihrer Heimat, bei ihrer Familie, bei den hochragenden Bergen um Kabul. In ihrem Blog nimmt sie uns mit.

Text:
29 Beiträge

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Text:
Franz Alt
186 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Hanna Lucassen
35 Beiträge

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.