Thomas Rheindorf über den zerstörten Friedhof von Altenahr

Keine Ruhe für die Toten
Thomas Rheindorf Hochwasser Friedhof

Thomas Rheindorf

Der Altenahrer Friedhof war ein Hort von Ordnung und liebevollen Gedenkens in einer wild-romantischen Landschaft. Er ist es nicht länger.

Thomas Rheindorf Hochwasser Friedhof

Früher kam ich gerne nach Altenahr. Auch auf den Friedhof. Jetzt ist der Ort der Ruhe zur wüsten Stätte geworden.

Seilbahnstraße ist ein lustiger Name für eine Straße, die zu keiner Seilbahn führt. Früher lag am Ende der Straße die Talstation einer kleinen Sesselbahn. Von hier konnte man sich über die Ahr hinauf auf die Höhe befördern lassen. Irgendwann stand die Seilbahn still. Die bunten Sesselchen schaukelten noch im Wind. Viel später kam ein Hubschrauber und nahm den Stützpfeiler mit, über den das Seil gelaufen war. Seither ist die Seilbahnstraße eine Straße ohne Seilbahn. In ihr wehte ein leichter Hauch von vergangenen Zeiten.

Die Sackgasse liegt in Altenahr. Altenahr ist ein wenig aus der Zeit gefallen. In den sechziger Jahren kam man im Herbst mit Sonderzügen aus dem Ruhrgebiet hierher, um Wein  – nun ja – zu trinken. Das Motto dieser Jahre „Wenn du an der Ahr warst und weißt, dass du an der Ahr warst, warst du nicht an der Ahr“ hat sich bis heute überliefert. Später kam eine neue Generation Winzer, die machten eine neue Art Wein. Wein für Studienräte, nicht für Kumpel. Manches blieb übrig aus der Zeit der Feuchtfröhlichkeit. Besonders in der Seilbahnstraße. Hier ist auch der Friedhof des Ortes.

Es war wild und romantisch

Dorthin bin ich immer gerne gekommen um zu beerdigen, denn die Altenahrer mögen, wie ich, Sargbestattungen. Sie sind konservativ in dieser Frage, tragen schwarz, und wer die verstorbene Person gekannt hat oder jemanden aus der näheren Familie, der kommt. Es war schön, hinter einem Eichensarg mit Blumengesteck durch die Kulisse des Ahrtals zu laufen, wo es wild und romantisch ist und Sargträgern zuzusehen, wie sie unter den knappen Kommandos des Bestatters den Sarg an dicken Tauen leise keuchend in die Erde ablassen.

Kreuzberg bei Altenahr war einmal ein bedeutender Eisenbahnstützpunkt. Die Bahn brachte Protestanten ins Ahrtal. Eine von ihnen hatte mit der Seilbahn zu tun, ein anderer wusste eine riesige Brücke hoch über dem Tal zu verhindern. Es waren allesamt lebensgesättigte Biographien, die wir dort mit einem Erdwurf verabschiedeten. All das war vor dem Hochwasser.

Nun liegt der Friedhof selber wie unterm Leichentuch. Notdürftig hergerichtet, doch ohne Grün. Ohne Blumen. Ohne Kerzen. Die Gräber, die noch stehen, stehen starr und grau in Reihe. Dazwischen tiefe planierte Senken. Bronzene Grableuchter sind bei der Kapelle gesammelt wie Altmetall.

Das Gefühl völligen Ausgeliefertseins

§168 StGB stellt die Störung der Totenruhe unter Strafe. Der Paragraph soll das Pietätsgefühl im Allgemeinen und das der Angehörigen im Besonderen schützen. Recht richtet sich immer nur an oder gegen Menschen, auf die Natur ist es nicht anwendbar: Der Fluss kommt straffrei davon. Die Polizei will es vertraulich behandelt wissen, doch die Menschen am Ort wissen es ohnehin: In der Seilbahnstraße sind Tote aus ihren Gräbern fortgespült worden. Das hat nichts gemein mit dem Thrill von Zombiefilmen, es potenziert vielmehr das Grauen des Hochwassers und seiner Opfer. Und vermittelt das Gefühl völligen Ausgeliefertseins. Vielleicht gelingt es, dem Wüten der entfesselten Naturkräfte die Mittel des menschlichen Verstands entgegenzusetzen und die wiedergefundenen Toten mittels ihrer DNA identifizieren. Das wäre gut, dann könnten sie wieder dort ihre Ruhe finden, wo sie ihren Platz hatten. Doch bis eine Trauergesellschaft sich wieder beruhigt dem Totenkaffee zuwenden wird, weil jemand ewigen Frieden gefunden hat, wird es dauern. Die Seilbahnstraße in Altenahr ist kein Ort romantischer Unschuld mehr: Der Friedhof ist tot und muss erst wieder auferstehen.

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Über diesen Blog

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Thomas Rheindorf
Gummistiefel, Handschuhe, Schutzbrille und Schaufel gehören jetzt zum Alltag von Thomas Rheindorf. Sein Familienhaus in Bad Neuenahr, in dem er mit seiner Frau und den vier Kindern lebte, versank im Hochwasser metertief im Schlamm. Der Pastor ist auch als Seelsorger im Einsatz. Die Hilfsbereitschaft ist riesig im Tal – genauso riesig wie das Entsetzen und die Trauer.

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