Thomas Rheindorf aus Bad Neuenahr über ein Glas Wein, sein Haus im Hochwasser und Notfallseelsorge

Blanc de noir von der Ahr, gut gekühlt
Thomas Rheindorf  Hochwasser Weingläser

Thomas Rheindorf

Auf den ersten Blick könnte man denken - eine wilde Party. Doch dann erkennt man die Schlammstreifen an der Wand...

HOchwasser Weingläser

Die Ahr bei uns im Haus? Das war eine groteske Vorstellung für mich, bis zum 14. Juli diesen Jahres. Doch dann versank innerhalb weniger Stunden unser Haus im Schlamm.

14. Juli 2021, ein Mittwoch, war im Ahrtal ein regnerischer Tag. So wie die Tage zuvor. Gegen Abend hörte der Regen auf. Die Warnung vor Starkregen blieb bestehen, noch waren wir entspannt.

Sicher, Wasser war schon jetzt immer mal wieder durch ein morsches Fenster in den Kellerraum unseres Hauses gelaufen, wo eine nagelneue, hochmoderne Heizungsanlage stand, die vor einigen Tagen fertig geworden war. Doch dieses Wasser fand seinen Weg zu einem Bodenablauf.

Aus dem normal guten Nachbar wurde der gute Nachbar

Irgendwann später wurde es auf der Straße vor dem Haus lebhaft. Autos fuhren, Fußgänger liefen umher. An der nahen Kreuzung war ein Sandhaufen aufgeschüttet worden. Menschen schaufelten den Sand in Säcke und schleppten ihn zu ihren Häusern. Die Säcke, so erfuhr ich, gab es beim Bauhof, einen Kilometer entfernt. Meine Frau wollte unbedingt welche haben. Wir fuhren hin. Für bereits gefüllte Säcke musste man sich in einer endlosen Schlange anstellen. Leere gab es sofort. 20 pro Haushalt, also die.

 Schlamm, Schlamm, Schlamm - alles ist braun und staubig bei uns, bis in den Kellerth

Meine Frau ging einmal hin, ich danach. 40 Säcke zum Sandreinschaufeln. Zuhause bastelte der Nachbar eine Barriere aus Schaltafeln und Brennholz vor seiner Garage. Ich schenkte ihm sofort meine Säcke. So wurden wir nach Jahren aus normal guten Nachbarn plötzlich gute Nachbarn. Meine Frau hätte sie lieber behalten. Ich fand die Sackaktion überflüssig: Rund um unser Haus lag Lava. Das Pflastern hatten wir immer wieder verschoben. Entweder würde der Regen durch die Lava versickern, dann würde nichts passieren; oder die Ahr käme zu Besuch (eine für mich zu diesem Zeitpunkt vollkommen groteske Vorstellung), dann wären die Säckchen sowieso sinnlos.

Macht man halt als Pastor - Notfallseelsorge

Wir einigten uns darauf, das morsche Fenster im Heizungskeller abzudichten. Ein Kompromiss. Als wir fertig waren, war ich froh, weil es mir recht anstrengend vorgekommen war. Wir gingen die hundert Meter zur Ahrbrücke und sahen, dass die Unterführung des Radwegs, der parallel zur Ahr Richtung Rhein verläuft, vollgelaufen war. So was war hier und da schon mal vorgekommen. Allerdings fiel auch uns auf: Das Wasser war schnell und laut und führte ungewöhnliche Mengen Treibholz mit. Wir befanden: Das hat noch nichts mit uns zur tun und beschlossen, vor dem Schlafengehen zur Selbstbelohnung für unsere Umsicht (Fenster abdichten; Nachbarn beschenken) ein, zwei Gläschen Wein zu trinken. Als wir eben mit den gefüllten Gläsern anstoßen wollten, klingelte das Telefon. Nach zehn ist das immer unangenehm, weil da bei uns niemand mehr zum Plaudern anruft, auch nicht für die Kinder.

Es war Ella, die Nachbarin, die zwei Häuser weiter wohnt und mit der wir im Leben noch nicht gesprochen haben. Sie ist bei der Freiwilligen Feuerwehr. Einem Kameraden sei soeben ein schlimmes Schicksal widerfahren, kein Notfallseelsorger aufzutreiben. Aufgeregt fragte sie ins Telefon, ob ich kommen könne. Ich sei ja auch Pastor. Klar sagte ich, ich komme gleich.

Ich trank einen ersten Schluck vom Wein (Blanc de noir von der Ahr, gut gekühlt;  Wer‘s kennt, wird meine letzte Freude dieser Nacht nachfühlen können); sagte meiner Frau, sie solle ruhig warten, damit wir den Rest der Bouteille noch gemeinsam trinken würden, und fuhr los.

Vier Stunden später traf ich sie mit Tränen in den Augen auf der örtlichen Feuerwehrwache wieder: Wir hatten kein Zuhause mehr. Der Holztisch mit den Weingläsern war indes durch den Raum getrieben und nach dem Hochwasser sanft zurück auf den Boden gesunken. Im Chaos einer völlig wertlosen Wohnungseinrichtung standen unsere Gläser drei Tage später, als sei nichts geschehen. Den Wein haben wir dann nicht mehr getrunken: Er war zu warm geworden.

 

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Thomas Rheindorf
Gummistiefel, Handschuhe, Schutzbrille und Schaufel gehören jetzt zum Alltag von Thomas Rheindorf. Sein Familienhaus in Bad Neuenahr, in dem er mit seiner Frau und den vier Kindern lebte, versank im Hochwasser metertief im Schlamm. Der Pastor ist auch als Seelsorger im Einsatz. Die Hilfsbereitschaft ist riesig im Tal – genauso riesig wie das Entsetzen und die Trauer.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
159 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
42 Beiträge

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Text:
9 Beiträge

Die afghanische Frauenrechtlerin Tahora Husaini hat in Berlin Zuflucht gefunden. Oft ist sie mit ihren Gedanken in ihrer Heimat, bei ihrer Familie, bei den hochragenden Bergen um Kabul. In ihrem Blog nimmt sie uns mit.

Text:
26 Beiträge

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Text:
Franz Alt
202 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Johann Hinrich Claussen
232 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
Hanna Lucassen
41 Beiträge

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.