Gut gemeint passt nicht immer - über Spenden und Geschenke im Ahrtal

Ein Kofferraumkonvolut voll „Gut-gemeint“
Kofferraum voller Geschenke

Thomas Rheindorf

Wenn Ulle (rechts im Bild) hilft, dann hilft sie. Doch nicht alles aus ihrem Kofferraum passt, die Verteilung der Geschenke ist gar nicht so einfach.

Kofferraum voller Geschenke

Wir werden von einer alten Freundin mit Sachspenden beschenkt. Eine mittelprächtige Win-win-Situation. Sie freut sich, weil sie etwas geben konnte, ich freue mich, weil ich auch nein sagen darf. Über die Schwierigkeiten seligen Gebens und Nehmens in Zeiten nach der Flut.

Schon von weitem erkenne ich Ulles Auto, als ich in die Straße komme, in der unser Exil hinter dem Bahnhof Remagen liegt. Das Auto sieht aus wie ein noch nicht ganz ausgewachsener Leichenwagen. Ulle braucht so ein großes Auto, denn sie hat immer was zu transportieren: Ihre Hunde, die Enkel oder Baustoffe und Werkzeug. Heute kommt sie mit einer ganzen Ladung von Geschenken für uns, die Menschen im Ahrtal. Als gute Freunde sind wir eine der ersten Stationen.

Schwungvoll schwingt die Kombi-Kofferraumklappe auf: Das Auto ist voller Pappkartons und Plastiktüten. „Ihr könnt doch bestimmt was brauchen?“ Die Frage klingt nach Imperativ.

Wenn Ulle helfen kann, dann hilft sie.

Als am 5. Oktober 1989 im Ahrweiler Bahnhof ein Zug mit 800 DDR-Bürgern aus Prager Botschaft einrollte, stand sie da mit Sachen zum Verteilen. 2015 kümmerte sie sich mit um die 150 Flüchtlinge, die auf dem Geländer der Einrichtung, die einst Katastrophenschutzschule des Bundes hieß und immer mal wieder den Namen wechselt, untergebracht wurden. Sie wohnt in Bachem, einem Ortsteil, der sich ein Seitental der Ahr hochwindet. Als sie das Haus in den 80-er Jahren baute, gab es Starkregen. Die ausgehobene Baugrube lief mit schlammigem Wasser voll. Mit Überflutung kennt sie sich seither aus. Diesmal ist ihr nichts passiert, so konnte sie ohne Rücksicht auf eigene Befindlichkeiten mit Hilfsaktivitäten durchstarten.

Über Verwandte wird ihr Hilfswarenangebot aus einem breiten Netzwerk in Mecklenburg-Vorpommern gespeist. Heute mit dabei: ein Schirmständer. Vielen Dank, vielleicht ein andermal. Ein Wischmob-Set. Sehr nett, danke nein. Fast neue Weingläser. Sehr schön, aber bitte nicht. Der Handel am Kofferraum geht heiter hin und her. Schließlich habe ich drei Flaschen Herren-Duschgel und ein Paar selbstgestrickte Socken in herbstlicher Farbstellung. Ulle hat noch Anlaufstellen in Dernau. Der Rest kommt „auf den Saal“, einen Treffpunkt der Bewohner Bachems, zu freien Bedienung.

Was braucht meine Tochter wirklich?

Ich denke zurück an ein Gespräch, dass ich ein paar Tage zuvor mit Nina hatte. Sie ist die religionspädagogische Expertin der Kita, in der wir zusammen vom heiligen Martin erzählten. Bei diesem Thema liegt es nahe, auf Sachspenden zu sprechen zu kommen. „Sind wir mal ehrlich“, meinte sie, „das einzige, was den Leuten hier jetzt wirklich weiterhilft ist doch Geld!“ „Na ja, die Heizöfchen, die ich von der Diakonie bekommen hatte, die waren schon ganz nützlich.“ „Ach“, winkte sie ab, „das ist doch jetzt durch. Willst du mit einem gut erhaltenen Staubsauger beglückt werden? Oder einen Mantel, den eine Witwe aus dem Nachlass ihres Gatten stiftet? Willst du das wirklich? Ehrlich!“ Nein, das möchte ich nicht. Ich möchte Herrenoberbekleidung nach meinem Gusto tragen. Und ein Tablet mit Apfel, wie wir es hatten, nur in aktuell. Ich möchte, dass meine Tochter einen Anorak des Labels hat, das sie angesagt findet. Und keinen, der so ähnlich ist. Und wer an seine Haut nur Wasser und CD lässt, soll CD haben. Oder aus dem Reformhaus. Weil es so würdig und recht ist für die, die nicht mehr das haben, worauf sie persönlich wert legen. Mir sind hochpreisige Pflegeproduktserien nicht wichtig. Vielleicht duftet mein Für-umme-Duschgel ja maskulin-herb. Dann kann ich mich männlich-markant fühlen – jedenfalls solange der Badezimmerspiegel beschlagen ist.

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Lesermeinungen

Der gute Wille wirkt nachahmend. Die Ahr in Not. Da hilft man gerne. Keller, Speicher und Rumpelkammer sind wahre Fundgruben für das, was man schon lange nicht mehr gebraucht hat. Der Andere kann in grösster Not sicher noch meinen Schirmständer und meinen guten Willen gebrauchen. Das Paket ist weg und mein gutes Gewissen hat sich bewährt.. Zum Glück sind das Ausnahmen.

Über diesen Blog

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Thomas Rheindorf
Gummistiefel, Handschuhe, Schutzbrille und Schaufel gehören jetzt zum Alltag von Thomas Rheindorf. Sein Familienhaus in Bad Neuenahr, in dem er mit seiner Frau und den vier Kindern lebte, versank im Hochwasser metertief im Schlamm. Der Pastor ist auch als Seelsorger im Einsatz. Die Hilfsbereitschaft ist riesig im Tal – genauso riesig wie das Entsetzen und die Trauer.

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