Gedenken an die Novemberpogrome im Ahrtal

Hevenu Schalom Alechem
An der Straße aufgestapelte, alte Küchenmöbel

Thomas Rheindorf

Die Ahrweiler Synagoge ist ein architektonisches Kleinod des Ahrtals. Die Flut schädigte die tiefergelegten Funktionsräume. Im Bild: die zur Entsorgung ausgebaute Küche.

Die Ahrweiler Synagoge ist ein architektonisches Kleinod des Ahrtals. Die Flut schädigte die tiefergelegten Funktionsräume. Im Bild: die zur Entsorgung ausgebaute Küche.

Thomas Rheindorf ist Mitglied im Bürgerverein Synagoge. Dieser unterhält die 1894 erbaute und 1938 geschändete Synagoge in Ahrweiler. Zum Gedenken an die Novemberpogrome von 1938 lädt der Verein stets offen zu einer Veranstaltung ein. In diesem Jahr nicht. Über den Versuch stillen Innehaltens.

„Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum, ...“, denke ich am neunten November nachmittags, auf einer Parkbank sitzend. Abends um sieben weht ein anderer Wind. Zu diesem Datum lädt der Bürgerverein Synagoge die Bürgerschaft alljährlich zu einer Gedenkveranstaltung ein. Der Anlass ist etwas für Spezialisten. Ernste Feiern sind keine Publikumsmagnete. War die letzte Ziffer der Jahreszahl eine Acht, so kam in der Vergangenheit ein Gutteil der eigens geladenen Honoratioren, war es eine Drei (halbrundes Gedenken) immerhin deren Vertreter. In den dazwischenliegenden Jahren hing es oft von Wochentag, Wetter und (ja, auch) dem Fernsehprogramm ab. Das Stammpublikum war tendenziell 70+, glücklicherweise brauchte man auch in mauen Jahren mehr als die Finger beider Hände, um die Besucherscharen zu zählen. Stets ein gutklassiges Programm, Musikdarbietende und Rezitierende motiviert: Gelungene, würdige Abende waren es, gemessen an den Reaktionen der Beiwohnenden und dem Presseecho. Doch – wie gesagt – für eine übersichtliche Zahl geschichtssensibler Zeitgenossen.

Der Raum soll in diesem Zustand keiner Zusammenkunft dienen

In diesem Jahr ist es abends um sieben kalt und dunkel. Laubhaufen machen sich amöbenhaft-finster in Ecken und unter Bäumen breit. Atem steht vor der kalten Nase, während wir vor der Synagoge stehen. Wir sind drei. Alexandra, Rolf und ich. Mehr werden wir auch nicht. Für Rolf, den Juristen, sind wir der geschäftsführende Vorstand. Klingt wichtig und ist es auch für einen eingetragenen Verein. Doch nicht heute Abend. Denn wir wollen keine Geschäfte führen, wir wollen gedenken. Allein – und stellvertretend für den Verein und die Stadt. Wegen Corona und dem Zustand unseres Hauses. Das Wasser kam nicht in den Saal mit seinem Parkett. Aber es fand den Weg in die Küche, den Sanitärbereich und das Treppenhaus zur alten Frauenempore. Zwei Stufen vor dem Eingang zum Hauptraum machte es kehrt. Alles, was an Ausstattung zu retten war, wurde dort auf eilig ausgerolltem Malervlies abgestellt. Die Stühle stapeln sich unter einer dicken Staubschicht. Der Flügel sieht aus, als hätten Jeanne-Claude und Christo sich seiner angenommen. In diesem Ambiente des Elends den siebenarmigen Leuchter vor dem Toravorhang zu entzünden, nein, das schien uns nicht richtig. Wir bleiben draußen. Draußen vor der Tür. Der Raum soll 83 Jahre nach seiner Schändung in diesem Zustand keiner Zusammenkunft dienen. Aus Respekt und Pietät, haben wir überlegt. Wir bleiben draußen, weil wir alle drei selber erfahren haben, wie man buchstäblich über Nacht unbehaust werden kann im Eigenen. Wir bleiben draußen aus Solidarität mit den Juden, denen ihr geistiger Ort geraubt wurde. Und mit denen, die im Sommer Hab und Gut gänzlich verloren haben. Zwei Katastrophen, die nichts miteinander zu tun haben, beginnen in unserem Schweigen miteinander zu kommunizieren. Weil wir der einen gedenken müssen und die andere durchleben.

Sinnloses Gedenken?

Alexandra wippt diskret in ihren Fellstiefeln, Rolf räuspert sich, ich spüre mit wachsender Unruhe, wie sich ein Tropfen an der Nasenspitze zu bilden beginnt. Unser einsamer symbolischer Akt im Freien endet menschlich, allzu menschlich. War er vergeblich? Vielleicht. War er sinnlos? Nicht für uns.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Thomas Rheindorf
Gummistiefel, Handschuhe, Schutzbrille und Schaufel gehören jetzt zum Alltag von Thomas Rheindorf. Sein Familienhaus in Bad Neuenahr, in dem er mit seiner Frau und den vier Kindern lebte, versank im Hochwasser metertief im Schlamm. Der Pastor ist auch als Seelsorger im Einsatz. Die Hilfsbereitschaft ist riesig im Tal – genauso riesig wie das Entsetzen und die Trauer.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
Franz Alt
195 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
22 Beiträge

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Text:
Johann Hinrich Claussen
227 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
36 Beiträge

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Text:
Susanne Breit-Keßler
151 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
Hanna Lucassen
38 Beiträge

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.

Text:
6 Beiträge

Die afghanische Frauenrechtlerin Tahora Husaini hat in Berlin Zuflucht gefunden. Oft ist sie mit ihren Gedanken in ihrer Heimat, bei ihrer Familie, bei den hochragenden Bergen um Kabul. In ihrem Blog nimmt sie uns mit.