Einkaufen im Ahrtal - die Läden sind weg, es kommt die Pop-Up-Mall

Ich kauf mir was
Blick in den Flur einer Pop-Up-Mall

Thomas Rheindorf

Noch kalt und unbehaust: Schon bald sollen hier Ladenlokale öffnen und zum Flanieren einladen. Eine Oase für Lust- oder Antifrustkauf in einem tristen, dunklen Winter-Ahrtal.

Pop-Up-Mall

Thomas Rheindorf kauft gerne ein. Nur wo, wenn die meisten kleinen Läden mit Charme zurzeit nicht da sind? Da braucht es gute Ideen - z.B. eine temporäre Markthalle, pardon, neudeutsch Pop-Up-Mall.

Acht Uhr fünfzehn auf dem Mosesparkplatz am Neuenahrer Bahnhof ist an einem trüben Novembermorgen kein Ort, wo man abgebildet sein will. Jedenfalls nicht für mich. Klamme Kälte kriecht die Beine hoch, Zwielicht lässt an einen Krimi-Tatort in einem Tatort-Krimi denken.

Vor mir türmt sich ein riesiges Zelt auf, und noch eins und Container. Einladend wirkt hier nichts – bis auf Kevin Hengsberg. Der junge städtische Citymanager wirkt, als habe er eine Schüssel Glückshormone gefrühstückt, während er strahlend die Tür aufreißt, um das Innere des Kolosses lebendig werden zu lassen. Jedenfalls mit Worten. In dem Gebäude auf Zeit sind Kojen errichtet, in denen Händler aus den flutbetroffenen Stadtteilen für eine Weile Dependancen einrichten können. So sollen sie Kontakt zur Stammkundschaft halten können.

Ein Wort aus dem Giftschrank der Sprachpanscherei

Das Areal mit den nüchternen Zelten in Oktoberfestgröße firmiert unter Pop-up-Mall. Ein Wort aus dem Giftschrank der Sprachpanscherei. Geschrieben eine ebensolche Zumutung wie ausgesprochen. Den agilen Hüter der Hallen stört das überhaupt nicht. Ich versuche, das Wort auszublenden und so feste es geht an einen anderen Begriff zu denken: Markthalle.

Markthalle taucht nicht auf Listen der schönsten deutschen Wörter auf. Auf meiner persönlichen schon. In Hannover gibt es eine und als ich da war, war ich oft dort. Sie war  – und wird es noch sein – ein Ort der Fülle, des Überflusses von allem, was Herz und Gaumen begehren. Ein Tempel der Genussfertigkeit mit Besuchern, die Qualität, Auswahl und Lebensart gleichermaßen schätzen. Der Besuch der hannöverschen Markthalle war für mich ein Sprungbrett in die Kindheit. Familienurlaube sind mit Erinnerungen an bretonische Markthallen verbunden, auch südfranzösischer entsinne ich mich. Düfte (und – tatsächlich – auch Gestank), Fruchtarrangements, Geräusche: Alles katapultiert mich beim Besuch einer Markthalle in beglückende Glückseligkeit.

Keine Markthalle, aber so viel Leben

Dieses Zelt ist keine Markthalle, will und kann es nicht sein. Und doch füllen die Worte des Pop-up-Mall-Organisators den Ort mit Lebendigkeit, Handel und Wandel. Und er lässt Taten folgen, daran lässt er keinen Zweifel. In einer Stadt, in der die Geschäftsstraßen für Vorweihnachtszeit ausgelöscht sind, sicher eine Wohltat. „Ich kauf mir was, kaufen macht so viel Spaß, ich könnte ständig kaufen gehn, kaufen ist wunderschön“, belustigte sich Herbert Grönemeyer schon 1983. Doch der Bummel mit Gesprächen, einem Stand mit Essen und Trinken, Schnäppchen und Entdeckungen ist mir lieber als Internetshopping.

Etwas Warmes braucht der Mensch

Noch liegt das kalte Innere des Zeltes nur als eine Option da. Doch es könnte funktionieren, wenn Wärme und Licht hier einziehen, und erleichterte Händler ihre Waren und Dienste feilbieten. Dann will ich die ironische Konsumkritik des Sängers einmal für bare Münze nehmen, mich am Treiben erfreuen und mir etwas kaufen. Dinge kaufen, in denen ein Lied schläft von Unbeschwertheit, Unversehrtheit und Ungebrochenheit. Egal, ob ich sie wirklich dringend brauche in meiner bizarren Lebenssituation, sie haben ihren Nutzen. Weil mit ihnen Freude verbunden sein wird.

Die Erwartung an einem trüben Morgen, an dem ich mit von unten nach oben in einen Eiszapfen verwandele, ist zugegebenermaßen ziemlich überhöht. Doch etwas Warmes braucht der Mensch, und sei es die Fantasie, mit anderen in einem Zelt etwas kaufen zu können. Markthalle light, ich komme wieder wenn du bereit für mich bist.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Thomas Rheindorf
Gummistiefel, Handschuhe, Schutzbrille und Schaufel gehören jetzt zum Alltag von Thomas Rheindorf. Sein Familienhaus in Bad Neuenahr, in dem er mit seiner Frau und den vier Kindern lebte, versank im Hochwasser metertief im Schlamm. Der Pastor ist auch als Seelsorger im Einsatz. Die Hilfsbereitschaft ist riesig im Tal – genauso riesig wie das Entsetzen und die Trauer.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
158 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
Hanna Lucassen
41 Beiträge

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.

Text:
Franz Alt
201 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Johann Hinrich Claussen
231 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
40 Beiträge

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Text:
8 Beiträge

Die afghanische Frauenrechtlerin Tahora Husaini hat in Berlin Zuflucht gefunden. Oft ist sie mit ihren Gedanken in ihrer Heimat, bei ihrer Familie, bei den hochragenden Bergen um Kabul. In ihrem Blog nimmt sie uns mit.

Text:
25 Beiträge

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.