Ursula Ott über Digitalpannen am laufenden Band

Ursula Ott über Digitalpannen am laufenden Band
Ruf Robert an!

Ich halte viel von der digitalen Welt und meinen vielen Apps und der Sharing Economy. Echt jetzt. Aber es gibt Tage, an denen bin ich sicher: Der Faktor Mensch ist stärker als das Netz.

Ich sage nur: letzten Dienstag. Ich musste nach München, ich durfte einen Preis verleihen an richtige Journalisten. Also nix Digitales, richtig analoges Fernsehen. Es fand auf einer richtigen Bühne mit echten Menschen statt, drum sollte ich um 15 Uhr da sein. Durchlaufprobe. Pünktlich, frisiert, präpariert.

Ich wollte nicht ins System. Ich wollte in den Zug!

Alles ging schief. Um 7 kam in Köln das Taxi nicht, das ich digital bestellt hatte. Ich rief bei der Taxizentrale an. "Hier ist Messe, Anuga, kann dauern", sagte ein Bülent. "aber Ihr Name ist auf jeden Fall im System". Der hatte nicht verstanden: Ich wollte nicht ins System. Ich wollte in den Zug! Nach München!

Ich nahm ein Car2go. Es war jetzt 7.45. Der Zug fuhr um 7.55. Ich fand keinen Parkplatz, außer dem offiziellen der Bahn. Es war mir egal, ich warf das Auto ab, stieg in den Zug ein, rief bei Car2Go an. "Sie müssen zurück zum Auto", sagte ein Hassan, "es kann sonst nicht abgemietet werden." Aber ich war ja schon kurz vor Siegburg. Meine Schuld, meine Schuld, jammerte ich, schicken Sie mir eine Rechnung, aber bitte beenden Sie für mich die Miete. Hassan versprach, die Sache gegen Geld zu regeln.

Dies ist ein türkischer Männerladen...

Ich kam in München an und ging zum Friseur. Meine Assistentin hatte bei Google Maps einen Friseur direkt beim Bayerischen Rundfunk gefunden. Erst als ich den Frisörumhang anhatte, wurde mir richtig klar: Dies ist ein türkischer Männerladen,  spezialisiert auf Undercut-Frisuren mit dem Rasierer. Aber es war zu spät. Kemal, der Besitzer, holte aus einer Schublade eine schon sehr vergilbte Preisliste und behauptete, er habe auch schon mal Frauen frisiert. Ich ergab mich meinem Schicksal. 27 Euro.

Das mit der Preisverleihung lief ganz gut, war ja auch analog. Und der Tag schien versöhnlich zu enden, denn es kam eine Mail von Robert – man duzt sich in der Car2go-Welt. Meine Zufriedenheit sei ihm wichtig, schrieb Robert, drum hätten sie letztmalig darauf verzichtet, mir eine Servicegebühr aufzubrummen. Das nächste Mal soll ich ihn anrufen, wenn ich Probleme habe. Seine Nummer stehe an jeder Tür eines jeden Smarts.

Ich ging schlafen. Am nächsten Morgen kam eine Mail von car2go, 50 Euro Servicegebühr sind abgebucht worden. Meine Haare sahen aus wie Köter, weil sie noch nie mit so viel türkischem Haarwachs versehen in ein Hotelbett gesunken waren. Vor dem Hotel stand ein Car2go. Ich sah die Telefonnummer auf der Fahrertür. Ich überlegte ernsthaft: Jetzt, wo ich so viele Probleme habe – ob ich Robert mal anrufe?

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Seit Chefredakteurin Ursula Ott Print und Online managt, versucht sie sich als interkulturelle Dolmetscherin

Ursula Ott
Ursula Ott hatte als Schülerin den Berufswunsch Dolmetscherin. Aber dann wollte sie doch lieber selber reden und schreiben. Heute tröstet sie Print-Reporterinnen, wenn ihre mühsam gehäkelten Sätze als Shareable bei Facebook zerschreddert werden. Und lässt sich von den Onlinern erklären, warum Mails nur noch was für alte Leute sind.

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
35 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
Claudius Grigat
17 Beiträge

Schön bunt ist das Familienleben, manchmal auch zu bunt. Geschichten aus dem turbulenten Alltag von Claudius Grigat

Text:
Johann Hinrich Claussen
57 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
Ursula Ott
8 Beiträge

Seit Chefredakteurin Ursula Ott Print und Online managt, versucht sie sich als interkulturelle Dolmetscherin

Text:
Franz Alt
18 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Susanne Breit-Keßler
19 Beiträge

Fußball ist ihr Leben - sagt Regionalbischöfin und Schiedsrichtertochter Susanne Breit-Keßler. Und da der Ball rund ist und das zugehörige Spiel mindestens die wichtigste Nebensache der Welt, schreibt sie - wie bereits bei der EM 2016 - auf, was sie während der WM in Russland bewegt