Franz Alt zur Wahl von Armin Laschet - wertkonservativ statt strukturkonservativ

Das Zauberwort der Konservativen
Erde grüne Blätter

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Erde grüne Blätter

Erde grüne Blätter

Zehn Monat lang hat die CDU einen neuen Vorsitzenden gesucht und jetzt mit Armin Laschet auch einen gewählt. In dieser Zeit ging es auch immer um die Frage: Was ist heute konservativ? Für mich heißt konservativ: Bewahren, was uns bewahrt. Deshalb dieser Kommentar.

Eine der wichtigen, aber verdrängten geistigen Fragen unserer Zeit heißt: Was ist heute konservativ? Konservativ kommt nicht von Konserve, sondern vom lateinischen Verb conservare und heißt bewahren. Konservative wollen also nicht die Asche des Gestrigen hüten, sondern die Flamme für eine bessere Zukunft weitergeben. Was aber heißt konservativ in den Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung, der Klimaerhitzung und der Flüchtlingskrise konkret  und praktisch? Wie könnte in unseren Zeiten des Umbruchs die Idee eines neuen und modernen Konservativismus aussehen und wirken? Und wie das Konservative, das nicht nur von der Vergangenheit her denkt, sondern unbedingt eine bessere Zukunft will?

Die heutigen Umbrüche sind gewaltig und dramatisch. Das Gleichgewicht zwischen alt und neu droht, die Balance zu verlieren. Die alte Erkenntnis „Zukunft braucht Herkunft“ ist für Konservative selbstverständlich. Aber welche Zukunft? Zukunft ist, was wir heute vorbereiten.

Am Tag, an dem Sie diese Zeilen lesen, werden wir wie an jedem Tag

  • 180 Tier- und Pflanzenarten ausrotten. Soeben gab die UNO bekannt, dass bis etwa 2050 über eine Million Tier- und Pflanzenarten unwiederbringlich verschwinden werden
  • Auch heute werden wir wieder 150 Millionen Tonnen  Treibhausgase in die Atmosphäre emittieren
  • Die Wüsten um 80.000 Hektar vergrößern
  • 50.000 Tonnen fruchtbaren Boden verlieren
  • Und etwa eine Viertel Million Menschen mehr werden.

Und am selben Tag werden ungefähr 20.000 Menschen verhungern, darunter 10.000 Kinder. Das wird auch morgen so sein und übermorgen und nächste Woche und nächstes Jahr usw.

Wir sind die erste Generation, die Gott ins Handwerk pfuscht und Evolution rückwärts spielt. Und wir sind vielleicht die letzte Generation, die auf diesem Weg in den Untergang unserer eigenen Spezies noch umkehren kann. Sind wir noch zu retten? Was heißt in dieser Situation konservativ?

Bewahren, was uns bewahrt

Für mich sind Konservative Menschen, die bewahren wollen, was sie bewahrt: gute Luft, gesundes Wasser, fruchtbare Böden. Aber auch die Liebe, der Geist und das Gewissen. Deshalb ist die progressive Enzyklika „Laudato Si“ von Papst Franziskus gerade in unserer Zeit so wertvoll und so kostbar, vielleicht das wertvollste und wichtigste  konservative Dokument unserer Zeit. Es geht um nichts weniger als um die Bewahrung der Schöpfung und um eine gerechtere Welt so wie sie Jesus in seiner Bergpredigt vorausgedacht hat. Es geht um eine ökosoziale Marktwirtschaft jenseits der einseitigen Ideologien von Sozialismus und Kapitalismus. Deshalb sagt auch ein anderer moderner Konservativer wie der Dalai Lama in einem Buch, das wir zusammen geschrieben haben: „Buddha wäre heute ein Grüner und ich würde die Grünen wählen, wenn ich in Europa leben würde“. Dieses Buch erscheint im März 2020.

Der Romantiker Josef von Eichendorff hatte einst gedichtet:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort“.

Das Zauberwort der Konservativen könnte heute heißen: Bewahren, was uns bewahrt. Konkret und praktisch hieße das: Die tot geprügelte Windenergie wieder zum Leben erwecken und verstehen, dass Solarenergie Energie von ganz, ganz oben kommt, Energie vom Chef selbst. Kostenlose himmlische Energie, weil die Sonne und der Wind keine Rechnung schicken. Und umweltfreundlich und unendlich sind sie dazu. Welch ein konservatives marktwirtschaftliches Zukunftsprogramm!

Was heute konservativ ist, habe ich mit großer Begeisterung und Zustimmung in der katholischen Soziallehre und in der evangelischen Sozialethik gefunden. Konservative orientieren sich an Maß und Mitte und sind nicht für den Brutal-Kapitalismus anfällig (Papst Franziskus: „Diese Wirtschaft tötet“)  oder sind nicht für sozialistische Massenmörder zu begeistern wie Mao Tse-tung oder Ho Chi min. So wie manche Verirrte der 68-er Generation.

Wertkonservativ statt strukturkonservativ?

Welchen Beitrag könnte oder müsste ein moderner Konservativismus heute in der öffentlichen Debatte leisten? Die parteipolitisch Konservativen haben – von Ausnahmen wie Herbert Gruhl in der CDU oder Josef Göppel in der CSU abgesehen – die Klimakrise sowie den Umwelt- und Artenschutz – verschlafen. Schon Heiner Geißler erkannte: „Wir hätten Herbert Gruhl in der CDU halten müssen“. Erst durch die Ernsthaftigkeit und Denkklarheit der „Fridays For Future“-Bewegung scheinen auch viele Konservative aufzuwachen. Oder wie in Bayern durch den grandiosen Erfolg des Volksentscheids „Rettet die Bienen“. Das erfolgreichste Volksbegehren aller Zeiten, das inzwischen in Baden-Württemberg unter einer grün-schwarzen Landesregierung noch erfolgreicher nachgeahmt wird. Noch erfolgreicher, weil die Bauern mit einbezogen worden sind.

Nun soll Bayern schon „2040 plus“ klimaneutral sein, nicht erst wie die Bundesregierung es will bis 2050, sagte Ministerpräsident Söder. Die Förderung der Ölheizungen soll „bald der Vergangenheit angehören“. Die Gelder dafür sollen in den rascheren Ausbau der erneuerbaren Energien fließen. „Wälder und Mooren sollen zu CO2-Speichern ausgebaut werden. Der Verbrauch von Plastik – Tüten, Besteck, Karten – soll in Bayern drastisch gesenkt werden. Flankieren will die Staatsregierung dies mit einem Vorstoß im Bundesrat.  Zudem will Söder den Klimaschutz im Grundgesetz verankern, was Bayern vor einem Jahr noch  abgelehnt hatte. – für die Aufnahme in die bayerische Verfassung will er einen neuen Anlauf nehmen. Ist das alles ernst zu nehmen? Der schwarze Saulus zum grünen Paulus?

Maß und Mitte sind seit Sokrates, Aristoteles und Platon die Wesensmerkmale des Konservativen. Aber wo bleiben sie, wenn wir unsere Lebensgrundlagen zerstören? Ach wären die „Konservativen“ doch konservativ! Gerade heute! Konservative sagen gerne, dass sie ihre Kinder lieben. Das ist reine Heuchelei, wenn sie gleichzeitig die Zukunft ihrer Kinder verbrennen.

Wir verbrennen heute an einem Tag über Kohle, Gas, Benzin und Öl, was die Natur in einer Million Tagen angesammelt hat. Und damit die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Darf dieses verbrecherische Verhalten noch konservativ, also bewahrend, genannt werden?

Konservative setzen

  • auf Rechtstaatlichkeit, auf Frieden („Du sollst nicht töten“), auf Menschenrechte, Demokratie und Wahrheit („Du sollst nicht lügen“),
  • auf Gerechtigkeit, Umweltschutz und Klimaschutz,
  • kümmern sich um sozial Schwache, um Behinderte und Geflüchtete,
  • setzen auf Arbeitsplätze für Alle,
  • gestalten ein Europa des Friedens ohne Waffenexporte in Krisengebiete,
  • reduzieren – wie Helmut Kohl es einmal formulierte – die Militarisierung unserer Gesellschaft (Kohl: „Frieden schaffen mit immer weniger Waffen“) und wollen ein atomwaffenfreies Europa,
  • engagieren sich – wie Angela Merkel nach Fukushima – für den Ausstieg aus der Atomkraft. Weil sie wissen, dass jedes AKW ein Restrisiko hat und uns damit jeden Tag „den Rest“ geben kann.
  • Arbeiten statt dessen an der solaren Energiewende, an einer ökologischen Verkehrs- und Bau-Wende sowie an einer biologischen Landwirtschaft.
  • Brauchen keine Feindbilder, weil sie wissen, dass alle Menschen Brüder und Schwestern sind oder – religiös gesprochen – Kinder Gottes.
  • Sie haben ein Weltbild, dem die Idee der  e i n e n  Menschheit, auf der  e i n e n  Erde  unter e i n e r   Sonne zugrunde liegt.
  • Konservative sind geprägt von einem Menschenbild der Toleranz, der Freiheit und Völkerverständigung, das in den letzten 70 Jahren die „Europäische Union“ hervorbrachte. Noch nie hat innerhalb der EU ein Land gegen ein anderes Krieg geführt. Welch ein Vorbild für die heutige Welt.
  • Konservative wissen, dass die Ökologie die modernere und intelligentere Ökonomie ist, weil sie die Folgekosten mit bedenkt.

Wirkliche Konservative sind Wertkonservative und nicht Strukturkonservative, denen Institutionen und deren Strukturen wichtiger sind als Werte. Diese wesentliche Unterscheidung stammt vom wertkonservativen Christen und Sozialdemokraten Erhard Eppler.

Das Konservative darf nicht zur Polit-Folklore wie dem zwanghaften Aufhängen von Kreuzen in bayerischen Amtstuben verkommen oder zur schieren Brauchtums-Pflege.

Konservativ heißt aber auch, das Neue kritisch zu hinterfragen, sowie Künstliche Intelligenz, Gentechnik, Digitalisierung und Algorithmen nicht heilig zu sprechen. Nur dann wird Conservare zum intelligenten Transformare. Bevor wir alle auf Künstliche Intelligenz setzen, sollten wir nicht vergessen, ein wenig mehr unsere natürliche Intelligenz zu schärfen. Es spricht nicht für den heutigen homo sapiens, dass wir zwar fähig waren, Atomwaffen zu entwickeln, aber kaum fähig sind, diese auch wieder abzuschaffen.

Lernen aus der Geschichte

Albert Einstein hat einmal gesagt: „Wir Heutigen nutzen allenfalls zehn Prozent der uns inne wohnenden Intelligenz“. Wenn wir Heutigen es schaffen, auf vielleicht elf Prozent Intelligenz-Nutzung zu kommen, sind schon viele gegenwärtige Probleme gelöst. Für die 100%ige Energiewende zum Beispiel sind bereits alle notwendigen Technologien entwickelt. Wir können sie bis 2030/2035 erreichen.

Franz Josef Strauß war ein konservatives Urgestein der alten Bundesrepublik. Er hat gesagt: „Konservativ heißt, an der Spitze des Fortschritts stehen“. Das mag simpel und wahlkämpferisch klingen. Nur: Beim „Bewahren der Schöpfung“ gilt dieser Straußsche Imperativ voll umfänglich. Es ist ein großes Verdienst der CDU/CSU nach 1945, den preußisch-altkonservativen Konservativismus überwunden und sich für einen neuen, liberalen, europäischen, demokratischen und toleranten Konservativismus geöffnet zu haben. Diesem neuen Konservativismus ist gestalten so wichtig wie erhalten. Nur deshalb gelangen Konrad Adenauer und Charles De Gaulle die deutsch-französische Freundschaft und damit die Basis für ein friedliches Europa, das nun auch endlich ein konstruktiveres Verhältnis zum Russland suchen sollte. Vorbild dafür ist die Ostpolitik von Egon Bahr und Willy Brandt.

Wertkonservative lernen aus der Geschichte, dass Nationalismus immer zu  Kriegen führte. Sie setzen heute auf friedliche Zusammenarbeit, auf Handel und Wandel, auf Kooperation statt auf Konfrontation. Nationalismus ist nicht konservativ, sondern reaktionär wie „völkisches Denken“ oder die Ausgrenzung „der Anderen“ oder die Politik von Donald Trump.

Der moderne pragmatische Konservative ist ein Kind des Wandels. Er oder sie verbinden Humanität und Ordnung. In der Liebe gilt die „Ordo amoris“ wie es Tomas von Aquin formulierte, aber auch in der Gesellschaft, im Beruf und in der Politik. Diese „Ordo“ gilt unabhängig von Geschlecht, Religion, Alter, Hautfarbe. So und nur so wird Demokratie zur Heimat. Und „Law and order“ bekommen einen neuen, tieferen Sinn.

Mein Doktorvater Dolf Sternberger nannte diesen neuen Konservativismus „Verfassungspatriotismus“. Für ihn war „Frieden der Grund, der Sinn und Zweck der Politik“. Also Liebe zum eigenen Land, zu Europa und zu allen Menschen. Die „Anderen“ sind dann keine Feinde mehr, sondern Mitmenschen und Mitbürgerinnen. Der Schutz von Ehe und Familie ist schon immer ein konservativer Grundwert. Deren Wesenskern ist Vertrauen und Verlässlichkeit, was selbstverständlich auch für homosexuelle Paare gilt.

Konservativ ist, wer bei wichtigen Entscheidungen auch auf seine Träume achtet und auf sein Gewissen hört. Konservative sind transformationserfahren und arbeiten schon deshalb mit Lust und Freude an einer besseren Zukunft.

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Über diesen Blog

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Franz Alt
Dr. Franz Alt, Jahrgang 1938, war 20 Jahre lang leitender Redakteur und Moderator des ARD-Magazins "Report". Heute arbeitet er als freier Autor und Kolumnist. In der edition chrismon gibt von ihm das Buch zu seinem Blog: "Die Alternative. Plädoyer für eine sonnige Zukunft."

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Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer das eigene Wohnglück zu finden ist.