Franz Alt zum Thema Atomenergie

Franz Alt zum Thema Atomenergie
Hiroshima, Nagasaki und Fukushima: Der Mahnruf des missachteten Gewissens
Hiroshima

Bigi Alt

Hiroshima

Hiroshima

Vor 74 Jahren warfen US-Soldaten erstmals in der Menschheitsgeschichte eine Atombombe auf bewohntes Gebiet ab. Ihr Ziel am 6. August, morgens um 8.15 Uhr, war die südjapanische Stadt Hiroshima. Nur drei Tage später fiel die zweite Atombombe auf Nagasaki. Am 6.August 1945 starben in Hiroshima 140.000 Menschen und kurz danach in Nagasaki 73.000.

Die US-Regierung rechtfertigt ihren brutalen Einsatz bis heute mit dem Argument, dass nur durch die beiden Atombomben der Zweite Weltkrieg im Fernen Osten rasch beendet werden konnte.

Bis zum Jahr 2019 sind jedoch noch einmal mehr als doppelt so viele Menschen an den Spätfolgen nuklearer Verstrahlung gestorben – insgesamt über 400.000. Und das Sterben geht bis heute weiter - noch 74 Jahre nach den Atombomben.

Vor einigen Jahren hatten mich die Bürgermeister  von Hiroshima und Nagasaki zu Vorträgen eingeladen. Mein Thema hieß „Vom Atomzeitalter ins Solarzeitalter“. Wichtigere Orte zu diesem Thema gibt es wohl nicht.

Wer in Hiroshima und Nagasaki mit Strahlungsopfern spricht oder die beiden eindrucksvollen Gedenkstätten besucht, dem öffnet sich das Tor zur Hölle auf Erden. Im August 1945 geschah ein Massenmord wie ihn sich die Welt bis dahin nicht vorstellen konnte. Innerhalb von Sekunden haben sich Zehntausende von Menschen in Nichts aufgelöst, waren allenfalls ein Häufchen Asche oder für den Rest ihres Lebens verstrahlt und verkrüppelt.

Am meisten erschüttert hat mich jedoch eine Zahl, die der Oberbürgermeister von Hiroshima nannte: Jedes Jahr sterben heute noch in Japan über 3.000 Menschen an den Folgen atomarer Verstrahlung aus dem Jahr 1945. Kurz vor meinem Vortrag in Nagasaki schob mir der stellvertretende Oberbürgermeister noch einen handgeschriebenem Zettel zu, auf den er die aktuelle Zahl der in seiner Stadt bisher durch atomare Verstrahlung getöteten Menschen geschrieben hatte: 140.144!

74 Jahre danach liegen Hiroshima und Nagasaki nicht hinter uns, sondern noch immer vor uns. Es wir weiter gestorben.

Wir wissen durch die jahrelangen Diskussionen um die Atombombe für Nordkorea und den Iran um den engen Zusammenhang zwischen der so genannten friedlichen Nutzung der Atomkraft und dem Bau von Atombomben. In AKWs wird der Stoff für die Bombe produziert. Ohne Atomkraftwerke gibt es - auch für den Iran und für Nordkorea - keine Atombombe. Die weltweiten Störfälle in vielen Atomanlagen müssten auch die größten Atomfreunde nachdenklich machen! Solange auf der Welt aber circa 400 AKWs laufen, werden skrupellose Machtpolitiker weiterhin versuchen, Atombomben zu bauen.

Wir müssen damit rechnen, dass Atombomben eines Tages auch in die Hände von Terroristen gelangen, wenn wir das Atomzeitalter nicht hinter uns lassen. Das aber heißt: Möglichst rasch alle AKWs schließen und die Energie künftig aus erneuerbaren Energiequellen gewinnen – aus Sonne, Wind, Bioenergie, Erdwärme, Wasserkraft und Meeresenergie. Bei entsprechendem politischem Willen ist die solare Energiewende in 20 Jahren zu 100 Prozent möglich.

Der frühere Bundespräsident Horst Köhler: „Ich kenne keinen einzigen seriösen Wissenschaftler, der behauptet, mit Atomenergie könnten unsere Energieprobleme gelöst werden.“ Al Gore sagte: „Die USA können schon in 10 Jahren zu 100% mit erneuerbarem Strom versorgt werden.“ Die junge „Fridays for Future“-Bewegung fordert die 100%-ige Energiewende bis 2035 und den deutschen Kohleausstieg bis 2030. Das sind realistische und realisierbare Ziele.

Die Katastrophe von Tschernobyl liegt erst 33 Jahre zurück und die von Fukushima acht Jahre.

Die Internationale Organisation "Ärzte gegen Atomkrieg" schätzt, dass durch Tschernobyl bis heute 80.000 Menschen gestorben sind. Aber: In Tschernobyl wurde etwa 50-mal mehr Radioaktivität freigesetzt als in Hiroshima und Nagasaki zusammen. Das heißt: Auch Tschernobyl liegt nicht hinter uns, sondern vor uns!

Lange haben es die Japaner akzeptiert, dass in ihrem Land 48 AKW betrieben wurden. Doch die Katastrophe von Fukushima hat alles verändert. Jetzt sind zwei Drittel aller Japaner gegen Atomkraft und gehen dagegen auch auf die Straße. 2014 wurde auch in Japan eine grüne Partei gegründet. Die japanische Regierung hat inzwischen auch das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz übernommen

Zur Zeit sind in Japan wieder vier von 48 AKW am Netz. Nach Fukushima wurden sämtliche AKW vorübergehend abgeschaltet.

Die Oberbürgermeister von Hiroshima und Nagasaki haben sich schon vor 35 Jahren geschworen, dass der atomare Massenmord in ihren Städten von der Menschheit niemals vergessen oder verdrängt werden darf und gründeten die weltweite Organisation „Bürgermeister für den Frieden“, der sich inzwischen 7.785 Bürgermeister aus 163 Ländern angeschlossen haben – darunter auch die Bürgermeister von über 200 deutschen Städten und Gemeinden. Nach einer aktuellen FORSA-Umfrage sprechen sich 93% der Deutschen für ein völkerrechtliches Verbot von Atomwaffen aus und 85% befürworten einen Abzug der auf deutschem Boden gelagerten Atomwaffen der USA.

Das Ziel der Organisation, die inzwischen über 140 Millionen Menschen vertritt: Eine atomwaffenfreie Welt bis zum Jahr 2020.

Der Oberbürgermeister von Hiroshima, Tatadoshi Akiba, optimistisch: „Da es möglich war, weltweit die Bio- und Chemiewaffen abzuschaffen, ist es natürlich auch möglich, die gefährlichsten Waffen, die Atomwaffen, abzuschaffen. Keine andere Stadt der Welt soll jemals das Schicksal von Hiroshima oder Nagasaki erleiden. Um dieses  Ziel zu erreichen, müssen aber noch viel mehr Städte und Dörfer unserem Bündnis beitreten. Bitte helfen Sie uns auch in Deutschland dabei. Denn nur durch viel Druck auf die mächtigen nationalen Politiker der Atombombenbesitzer können wir erreichen, dass die heute weltweit 23.000 Atomsprengköpfe vernichtet werden. Damit kann die gesamte Menschheit mindestens 20mal ausgelöscht werden.“ (Mehr über die Friedensbürgermeister: www.mayorsforpeace.de)

„Es gibt“, sagt mir der stellvertretende Bürgermeister von Nagasaki zum Abschied, „nicht die geringste Rechtfertigung für die atomare Geiselnahme von Städten und Dörfern. Niemals mehr darf eine Stadt zur Zielscheibe von Atomwaffen werden.“ Mir geht dabei die Frage durch den Kopf, ob wir dieses Engagement für eine atomwaffenfreie Welt nicht auch unseren Kindern und Enkeln schuldig sind? In diesen Tagen haben Russland und die USA den INF-Abrüstungsvertrag faktisch gekündigt. Es droht ein neues atomares Wettrüsten.  Dieses wird nur mit einer neuen globalen Friedensbewegung zu stoppen sein.

Atomwaffen sind Terrorwaffen, von denen auch noch heute über 50 in Deutschland lagern – mit der Zerstörungskraft von jeweils 5 Hiroshimabomben!

2007 starb der Bomber-Pilot von Hiroshima, der US-Soldat Paul Tibbets. Noch kurz vor seinem Tod sagte er: „Ja, ich würde es wieder tun. Ich hatte deshalb keine schlaflose Nacht“.

Vor kurzem hatte mich der Bürgermeister von Fukushima zu einem Vortrag vor 400 japanischen Bürgermeistern eingeladen. Mein Thema hieß – wie zuvor in Hiroshima und Nagaski – „Vom Atomzeitalter ins Solarzeitalter“. Dabei fragte ich den Fukushima-Bürgermeister, der soeben vom havarierten AKW gekommen war, was passieren würde, wenn er das Reaktorinnere betreten würde. Seine Antwort: „Nach Sekunden wäre ich Asche“.

Hiroshima und Nagasaki bleiben 74 Jahre nach den ersten Atombomben-Abwürfen in der Geschichte der Menschheit ein Mahnruf des missachteten Gewissens. Dasselbe gilt für die  Fukushima-Katastrophe. Atomar abrüsten heißt unser Auftrag, nicht atomar aufrüsten.

 

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Über diesen Blog

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Franz Alt
Dr. Franz Alt, Jahrgang 1938, war 20 Jahre lang leitender Redakteur und Moderator des ARD-Magazins "Report". Heute arbeitet er als freier Autor und Kolumnist. In der edition chrismon gibt von ihm das Buch zu seinem Blog: "Die Alternative. Plädoyer für eine sonnige Zukunft."

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Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.