Franz Alt zum 85. Geburtstag des Dalai Lama

Dalai Lama: „Ich bin ein Grüner“
Dalai Lama

Bigi Alt

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Wenn ich den Dalai Lama frage: „Wie geht es Ihnen?“ lacht er und sagt: „Schauen Sie mir ins Gesicht: Habe ich mich seit unserem letzten Treffen verändert?“, Nein, hat er nicht.

Der Papst des Ostens ist nicht nur ein humorvoller Gesprächspartner, sondern auch ein inspirierender.  Ich darf das seit bald 40 Jahren erleben, so lange kennen wir uns und 40mal haben wir uns getroffen. Am 6. Juli 2020 wird er 85 – und hat noch viel vor. Einmal hat er mir erzählt, er habe geträumt, dass er 113 Jahre alt werde. „Wollen Sie das tatsächlich?“, habe ich ihn überrascht zurückgefragt. „Ja doch, dann kann ich noch lange die Chinesen ärgern“. Und lacht.

Seit über 60 Jahren lebt der buddhistische Religionsführer im indischen Exil

Chinas Kommunisten haben sich 1950 das „Dach der Welt“ mit militärischer Gewalt einverleibt. Tibet ist flächenmäßig sechsmal so groß wie Deutschland. Von den sechs Millionen Tibetern sind über eine Million der fremden Gewaltherrschaft zum Opfer gefallen. Der Dalai Lama spricht von einem „kulturellen Völkermord an meinem Volk.“

Jetzt wird er 85 Jahre alt – und hat noch viel vor. In diesen Corona-Zeiten hält er ständig Video-Vorträge. Zuletzt hörten ihm dabei um die 900.000 überwiegend junge Leute aus zehn südostasiatischen Ländern zu. Aber auch in Europa, in USA und in Europa hat er vor Corona ganz Sportstadien gefüllt. Tausende Manager meditieren nach seinen Methoden und Millionen auf der ganzen Welt lesen sein Bücher.

Fünf Bücher haben wir zusammen publiziert. Unser vorletztes Buch „Ethik ist wichtiger als Religion“ wurde in 23 Sprachen übersetzt und ist ein Welt-Bestseller. Dieser Titel von einem Religionsführer ist für viele Zeitgenossen natürlich eine Provokation. Aber Religiöse und Nichtreligiöse, Atheisten und Agnostiker aus der ganzen Welt haben sich gemeldet und waren von den Thesen des Dalai Lama über eine säkulare Ethik begeistert.

"Es gibt nur eine Religion"

Seine Hauptthese: „Ich kenne nur eine wirkliche Religion: Ein gutes menschliches Herz“. Was uns trennt, sei nicht so wichtig, sagt er, wichtig sei vor allem, was uns verbindet. „Wir alle leben als eine Menschheit unter einer Sonne auf einer Erde“. Das gelte für alle Menschen aller Religionen, aller Hautfarben und aller Kulturen. Er betont die Interdependenz allen Lebens: „In der Tiefe ist alles eins“. Die Corona-Krise lehre uns, dass wir Menschen ein besseres Verhältnis zu Tieren und zur Natur brauchen.

Der Papst des Ostens gebraucht keine religiösen Floskeln oder Dogmen. Er spricht jeden Menschen  als Bruder oder Schwester an. So beginnt er auch jeden Vortrag mit: „Liebe Brüder und Schwestern“.

In den letzten Jahrzehnten haben wir 15 Fernsehfilme miteinander produziert. Unser neues Buch („Schützt die Umwelt – Der Klima-Appell des Dalai Lama an die Welt“) erschien aus Anlass seines 85. Geburtstags. Er lobt die junge Schwedin Greta Thunberg für ihr Klima-Engagement, mit dem sie Millionen junge Menschen angesteckt habe. Die jungen Leute haben zwei unwiderlegbare Argumente auf ihrer Seite, sagt er: Erstens: Ihre Jugend, sie seien weit mehr betroffen als die ältere Generation und zweitens die Wissenschaft. Der Dalai Lama sagt, die Klimafrage sei die Überlebensfrage der Menschheit und betont in unserem Buch, dass sich mehr als 28.000 Wissenschaftler dem Protest der Fridays-for-Future-Bewegung angeschlossen haben. Er selbst stimme Papst Franziskus voll zu, der in seiner Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ Politik und Gesellschaft aufgefordert habe, mehr für Klima- und Umweltschutz zu tun. Der Dalai Lama sagt sogar: „Buddha wäre heute ein Grüner. Und ich würde, wenn ich in Europa wohnen würde, die Grünen wählen“.

Trotz allem, was seinem Volk angetan wurde, setzt der Friedensnobelpreisträger konsequent auf Gewaltfreiheit, sein großes Vorbild ist Mahatma Gandhi. Er glaubt, dass Tibet langfristig frei sein werde. „Keine Diktatur hält sich ewig“, ist er überzeugt. Und verweist auf den Freiheitswillen der jungen Generation in China, auf 400 Millionen praktizierende Buddhisten und auf 200 Millionen Christen in China.

Auf meine Frage: „Werden Sie selbst noch eine Rückkehr nach Tibet erleben?“ sagt er: „Wenn ich nur noch ein oder zwei Jahre leben würde, könnte ich wahrscheinlich nicht mehr nach Tibet zurück. Da ich aber noch länger leben werde, hoffe ich, in vielleicht 15 oder 20 Jahren zurückkehren zu können.“ Und dann lacht er wieder sein weltbekanntes gurgelndes Dalai Lama-Lachen, laut und lange.

Lieber Freund, ich wünsche Ihnen ein langes Leben, viel Glück, Kraft und Lebensfreude bei ihren wichtigen Vorhaben - Ihr Franz Alt

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Franz Alt
Dr. Franz Alt, Jahrgang 1938, war 20 Jahre lang leitender Redakteur und Moderator des ARD-Magazins "Report". Heute arbeitet er als freier Autor und Kolumnist. In der edition chrismon gibt von ihm das Buch zu seinem Blog: "Die Alternative. Plädoyer für eine sonnige Zukunft."

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