Hanna Lucassen über eine "Covid-Schwester" auf der Intensivstation

Doofer Applaus für die Pflege?
Ab in die Pflege

Hanna Lucassen

Zum Lüften nach draußen gehängt - die Arbeitskleidung, die schon längere Zeit nicht mehr in Gebrauch war

In Corona-Zeiten werden Pflegekräfte noch mehr gesucht als sonst. Ich habe mich als Reserve-Schwester gemeldet. Natürlich habe ich auch ein bisschen Angst vor Ansteckung. Bei der Anmeldung sollte man angeben, ob man auch mit Covid 19-Patienten arbeiten würde. Ich habe lange überlegt, und dann Nein angekreuzt. Zumindest nicht, wenn ich keinen Antikörpertest machen kann, um zu sehen, ob ich bereits immun bin. Der scheint auch für Pflegepersonal nicht üblich zu sein.

Meine Freundin Lotta zumindest wurde nicht getestet. Sie ist "Covid-Schwester" auf einer Intensivstation. Ich habe mit Lotta die Ausbildung gemacht, sie war die Jüngste in unserer Klasse und die Lauteste. Der Krankenpflege ist sie immer treu geblieben. Das ist meine Berufung, sagt sie. Lotta ist ziemlich furchtlos. "Aber vor Covid habe ich Respekt", sagt sie. Vor drei Wochen kam der erste Patient mit dem Virus auf ihre Station. Dort gibt es jetzt eine Extra-Abteilung. Sie hat erlebt, wie Menschen daran gestorben sind, aber noch nicht, wie jemand geheilt wurde. Jeden Morgen, wenn sie zum Dienst kommt, hofft sie, dass ihr jemand sagt: Herr X ist über dem Berg!  Frau Y muss bald nicht mehr beatmet werden. "Das wäre wie ein großes Aufatmen."

Mundschutz, Kopfhaube, Kittel - alles da

Ansonsten ist Lotta pragmatisch. Vieles laufe ja gut. Die Station hat noch freie Betten und Beatmungsgeräte. Der Mundschutz wird abgezählt herausgegeben, aber es sei genug da. Handschuhe, Kopfhaube, Schutzkittel, Schutzbrille – sie bewegt sich in voller Montur. Ist unbequem und heiß, aber ihr nicht unbekannt. Auch bei anderen Keimen müssen sie sich ausstaffieren. „Ich fühle mich hier fast sicherer als draußen“, sagt Lotta.

Dass jetzt geklatscht werde für sie und ihre Kollegen, findet sie doof. „Warum jetzt? Wir arbeiten seit Jahren unter harten Bedingungen und gehen seit Jahren auf die Straße für mehr Anerkennung. Systemrelevant?" Sie spricht das Wort voller Spott aus. „Das waren wir schon immer. Es hat nur niemanden interessiert.“

Mein Postfach ist derweil noch leer. Ich fühle mich ein bisschen, als warte ich auf meine Einberufung. Passt irgendwie das Wort...

 

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Hanna Lucassen
Hanna Lucassen ist heute Journalistin - aber sie hat auch einen ordentlichen Beruf erlernt: 1994 machte die Frankfurterin ihr Diplom als Krankenschwester. Nach ein paar Jahren hängte sie den Kittel in den Schrank – bis jetzt die Corona-Krise kam. Nun hat sie sich als ehrenamtliche "Pflege-Reservistin" gemeldet.

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