Wie sieht der denn aus? Das bin ja ich!

Was sollen Fotos wiedergeben? Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild? Oder spricht es zu uns? Spricht mein Foto zu Ihnen, und was sagt es?

Franz hat sein Profilbild in Facebook geändert. Jetzt sieht er nicht mehr aus wie Franz gestern, sondern wie Franz sich wünscht, dass Franz morgen aussehen könnte. Seine Frau Maxi präsentiert sich im Netz, wie wir sie seit Jahren kennen. Und das ist schön so. Gut, sie hat heute vielleicht ein paar Fältchen mehr, aber ihr Lächeln ist von der Fotografin so genial festgehalten, schier unübertrefflich.

Was sollen Fotos wiedergeben? Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild? Oder spricht es zu uns? Spricht mein Foto zu Ihnen, und was sagt es? Neulich schwitzte ich im Fitnessstudio an den Geräten. Da kam ein älterer Herr auf mich zu, der dort ebenfalls trainierte, stellte sich vor und meinte: „Ich kenne Sie von Ihrem Bild in chrismon, aber Sie sehen live viel besser aus.“ Ich entgegnete, das liege sicher daran, dass Schweiß und Anstrengung mein Gesicht weniger langweilig wirken ließen. „Nee, nee“, erwiderte er, „sie sehen viel lockerer aus als auf dem Foto.“ Mhm. Will ich denn lockerer wirken?

Staatstragend sicher nicht – wie mein Urgoßvater, der Schreinermeister war. Wir haben ein Foto von ihm, fast auf originale Kopfmaße vergrößert. „Da sieht er aus wie der Bruder von Kaiser Wilhelm“, spottete einst seine Schwiegertochter, meine Oma. Und mein Opa ergänzte: „Das wollte er so. Dabei war er ganz anders. Fröhlich, locker, unverkrampft. Uneitel.“ Uneitel? Ich habe das vor langer, langer Zeit als junger Kerl gehört, aber nicht verstanden. Jetzt, da ich der Erbe dieses Monumentalfotos, dieses Uropa-Pos­ters bin, frage ich mich, ob das stimmt. Warum wollte er mit seinem Schnauzbart kaiserartig wirken? Aus Blödsinn? Eine Wilhelmsatire? Oder eine geheime Sehnsucht, nicht immer und ewig als der nette, harmlose Nachbar zu gelten?

Es ist müßig, darüber zu spekulieren. Kann ihn ja keiner mehr fragen. Und auch die erwähnten Zeitzeugen, meine Großeltern, sind viele Jahre tot. Immerhin so viel wird mir klar: Neue Fotos sind langweilig. Bilder muss man machen, damit man irgendwann einmal alte Fotos hat. Fotos, zu denen man Geschichten erzählen kann. Und man muss selbst älter werden, um das zu begreifen. Solange man jung ist, haben Bilder den Sinn, alter­native Entwürfe der eigenen Existenz zu präsentieren. Versuche, wie man wirken würde, wenn man grimmiger dreinschauen ­würde oder gelassener oder fröhlicher oder ernster. Alles Probeaufnahmen des Ichs.

Bilder muss man machen, damit man irgendwann alte Fotos hat


Es gibt Fotos von dem 23-jährigen Arnd in Trenchcoat, mit ­Fluppe lässig im Mundwinkel. Ich weiß noch genau, welches ­Mädel sie aufgenommen hat und wie sie mich überredete „noch lässiger“ zu gucken. „Nein, Arnd! Jetzt bist du noch verkrampfter! Ganz ­locker! Und grins nicht!“ Ich habe immer gegrinst. „Jetzt nicht!“

Diese Fotos habe ich – Sie kennen das – beim Umzug ganz unten in einem alten Karton wiederentdeckt. Ich habe sie Jahrzehnte nicht gemocht und fast vergessen. Nur, komisch: weg­geworfen habe ich sie nicht. So schlecht war die Idee von Moni damals gar nicht, mal ernst zu schauen und trotzdem locker zu bleiben. Und das Hemd! Grün und orange. Und der Kragen erst! Heute fast wieder tragbar. Na ja.

Aber in aller Öffentlichkeit präsentieren würde ich das Kompendium der alten Brummerbilder ungern. Schlimm genug, dass mich ein Magazin neulich dazu verführt hat, ein Jungfoto mit Minipli-Locken rauszukramen. Fast so peinlich wie die Locken ist mein Pepita-Anzug. Der Beifall war enden wollend, das Gelächter sicher nicht.

Ich werde jetzt – wie einst Oma – eine Familienfotowand einrichten, mit Aufnahmen von einst und jetzt. Ob ich den schnauzbärtigen Schreiner aufhänge? Ich weiß es noch nicht. Die unglaubliche Größe!

Mein Profilbild werde ich im Gegensatz zu Franz nicht ändern. Ich mag mich darauf zwar nicht besonders. Aber es gibt peinlichere Fotos meiner selbst. Und das ist doch schon eine Menge.

Mein Nachbar hat mir gerade ein Bild unseres Wohnhauses aus dem Jahr 1954 übergeben. „Der da vorne ist mein Vater“, hat er gesagt, „ich sehe ihm, Gott sei Dank, gar nicht ähnlich.“ Leider doch, habe ich gedacht. Aber nur gedacht, wirklich.

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