Wie der Papst einem alten Evangelen half

Tine habe ich 1990 in einem Dorf bei Senftenberg in Sachsen kennengelernt. Ich begleitete als Westjournalist den einzigen Wahlkampf zu einer frei gewählten DDR-Volkskammer. Wir saßen in einer dunklen Kirche und warteten auf den Auftritt des Bonner Unionspolitikers Alfred Dregger. Tine, damals Mitte zwanzig, suchte das Gespräch mit uns drei oder vier Korrespondenten, weil sie Journalistin werden wollte. Sie studierte irgendein Ingenieurfach in Ilmenau.

Die kleine Kirche war der einzige Raum im Dorf, in dem sich die Nicht-PDS-Parteien präsentieren konnten. Von sechs bis sieben Bündnis 90, danach die CDU-nahe Allianz für Deutschland, um neun die SPD. Sogar die Liberalen traten unter dem Dach der Kirche auf.

"Ich bin in der zweiten Generation Atheist"

Tine fand es ganz großartig, dass die evangelischen Gemeinden in der DDR dem Widerstand gegen das Regime Schutz und Raum gegeben hatten. Aber mit dem Christentum wollte sie nichts zu tun haben: "Ich bin in der zweiten Generation Atheist", sagte sie. Das blieb mir in Erinnerung, weil keine Westfrau das so gesagt hätte. Den Glauben an einen Gott fand sie zwischen liebenswert und komisch.

Vor ein paar Wochen rief sie mich wieder an. Sie war tatsächlich Journalistin geworden, arbeitet in der aktuellen Redaktion eines Radioprogramms und kümmerte sich um den Papstbesuch. "Du bist doch Christ, erzähl mir mal, was die Protestanten vom Papst halten." Tja, sollte ich ihr die ganze Geschichte seit der Reformation erzählen? "So einfach wie möglich", hakte Tine ungeduldig nach. Also: Wir sind uns mit den Katholiken einig, dass sich die Liebe Gottes in Jesus Christus offenbart. Wir teilen die meisten zentralen ethischen Positionen. Aber wir nennen niemanden "Heiliger Vater" außer Gott. Und wir sind davon überzeugt, dass in der Bibel nichts von einem Alleinherrscher steht, der für die Christenheit bestimmt. Jeder Mensch entscheidet selbst, wie seine Beziehung zu Gott aussieht und was er gegenüber seinem Gewissen verantworten kann. Evangelische Christen orientieren sich dabei an dem, was Jesus getan und gesagt hat, so wie es die Evangelien und die Apostelbriefe im Neuen Testament überliefern. Reicht das?

"Hört sich gut an. Aber mal ehrlich: Ihr seid doch neidisch auf die tollen Bilder, wenn der Papst irgendwo auftritt. Die Katholiken sind einfach besser in der Inszenierung." Findest du die Bilder toll?, fragte ich. "Ich glaube nach wie vor nicht an euren Gott", antwortete Tine, "aber es ist doch irgendwie klasse, ja magisch ­ diese ganzen Aufzüge und Massenveranstaltungen. Sag' jetzt bloß, dass dich das kaltlässt!" Lässt es mich nicht. Aber brauchen tu ich es eigentlich auch nicht. "Und was brauchst du?" Diese Gottlosen stellen schon schwierige Fragen.

Ich brauche Nähe, begann ich, das klingt vielleicht banal. Ich brauche Liebe, Vertrauen und Hoffnung. "Das brauchen wir doch alle", trotzte Tine, "das habt ihr Christen nicht exklusiv." Wollen wir auch nicht für uns alleine haben. "Aber ihr behauptet, ihr findet das alles bei diesem Wanderrabbiner namens Jesus." Stimmt. Ich erzählte ihr Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn, wie es der Evangelist Lukas aufgeschrieben hat. Solange es dem Kerl gut ging, brauchte er niemanden, keinen Gott, keine Familie. Und als es ihm schlecht ging, nahm in der Vater wieder auf, ohne ihm eine Standpauke zu halten. Er freute sich einfach, dass der Junge zurückkam, weil er ihn liebte. "Mhm", überlegte Tine, "ganz gute Geschichte. Sollte vielleicht auch mal in dieses komische Buch gucken."

"Wegen dem Papst habe ich dich ja angerufen."

Tine lachte: "Da kannst du alter Evangele dem Papst ja nur dankbar sein, dass er dir Gelegenheit verschafft hat, mich als Missionar zu bearbeiten. Seinetwegen habe ich dich ja angerufen." Nicht ganz. Aber vielleicht hat Gott diesen ganzen Papstrummel wirklich nur ermöglicht, damit wir mal wieder miteinander telefonieren. Und möglicherweise meldest du dich demnächst einfach mal so.

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