Wer sein eigenes Leben erobern soll, braucht Gegner

Chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer über die notwendigen Kämpfe im Spiel des Lebens

Sven Paustian

„Man kann nicht jung genug anfangen, wenn man sein eigenes Leben erobern will!“ Das hat Hermann Hesse schön formuliert. Aber was tut man, wenn man es erobert hat, dieses Leben? Druckt man sich eine Visitenkarte mit der Unterzeile „Lebensbesitzer“?

Und was ist eigentlich das Eigene am Leben? Ich frage nicht biologisch. Ich frage biografisch. Es geht mir nicht um organische Existenz, sondern um Bewusstsein. Mit wem streite ich mich, wenn außer mir keiner da ist? Mit dem anderen in mir? Freud! Freud! Früher hat man, zumindest in meiner süddeutschen Heimat, fremde Kinder gefragt: „Wem gehörst du denn?“ Heute heißt das: „Wer sind deine Eltern?“

Der Heidelberger Katechismus markierte die Freiheit vor 450 Jahren in der Aussage, kein Mensch gehöre einem Menschen – weder einem anderen noch sich selbst. Sondern: Der Mensch gehört „mit Leib und Seele im Leben und im Sterben“ alleine dem Heiland Jesus Christus. Gut.

Für Leute wie Abraham Lincoln war dieser Satz ein zentrales Argument gegen Leibeigenschaft und Sklaverei. Für Hermann Hesse, den Abkömmling einer evangelischen Missionarsfamilie, war die Sentenz indes die Rechtfertigung von Fremdbestimmung durch Eltern, die behaupteten, sie wüssten besser als er, was des Heilands Hermann aus sich zu machen habe. Oder wie er im Sinne des Eigentümers mit seinen Pfunden wuchern müsse.

In Herz und Kopf des aufbegehrenden Poeten heißt Selbstsein zunächst mal: Ich bin anders, als ihr mich haben wollt! Da pflegen Eltern – auch heute noch – höchst sarkastisch zurückzufragen: „Und wie bist du?“ Worauf sie hoffentlich zu hören bekommen: „Das werden wir noch sehen!“ Leben ist Bewegung, Veränderung, Austausch, Wechsel, ­Erinnerung und Vergessen.

Vor dem Hintergrund der wahnhaften Idee, sich ständig verbessern zu müssen, nie gut genug zu sein, würde Hesse heute vermutlich sagen: Wer ich bin oder gerne wäre, bestimmt kein Lehrer, Markt, kein Arbeitgeber. Ich bin nicht eine Ansammlung von Defiziten, die es auszu­gleichen gilt. Mit dieser Erkenntnis kann man tatsächlich nicht jung genug beginnen. Mich hat die Nervensäge Hermann Hesse wie viele andere ­darin ermutigt, aus dem Trott des „Das macht man so und nicht anders!“ auszusteigen. Komisch ist es nur, wenn die Renitenten von vorgestern die Fremdbestimmer von heute sind. Väter und Mütter, die nicht mehr befehlen, sondern „eindringlich raten“, es mit dem Eigensinn nicht zu übertreiben. Da kann man sich ganz blöd vorkommen, wenn man in den Spiegel schaut. Doch schon kommt die Entwarnung lächelnd um die Ecke. Wie soll denn jemand sein eigenes Leben erobern, fragt sie ­weise, wenn es niemanden gibt, der einen dazu herausfordert.

Das Spiel des Lebens verlangt den Gegenpart, von dem man sich dis­tanzieren, dessen Ratschläge man verwerfen, dessen Weisheit man glatt verneinen kann. Entwicklung braucht Frust. Und für den Frust müssen jene sorgen, die ihn bereits erlebt haben und guten Gewissens erklären, wie man ihn vermeiden könne. Eine skurrile Dialektik. „Wen solche Lehren nicht erfreu’n“, verkündet der Priester Sarastro in Mozarts Zauberflöte, „verdienet nicht ein Mensch zu sein.“ Auch wenn Sarastros Lehre, der Verzicht auf Rache, eine höchst friedfertige ist, fordert ­sein Auftritt lauten Protest. „Verdienet nicht ein Mensch zu sein!“ – ein übler, selbstgerechter, zeigefingernder Spruch. Unter ­Kanzeln von Predigern dieses Typs mag kein Eroberer des eigenen Lebens sitzen.

Mir ist auch im fortschreitenden Alter der Vogelfänger ­Papageno der sympathischere Lebenskundler in dieser Oper. Ein wahrhafter Freund des Augenblicks. Er will nicht erlöst werden, weil er immer nach dem Wahren strebte. Er will nicht in ferner Zukunft reichen Lohn für ein tugendhaftes Leben. Er will Spaß, essen, trinken, schäkern. Und das will er gleich, jetzt, sofort! Das eigene Leben erobern! Hören statt gehören, horchen statt ge­horchen, vor allem aber laut und fröhlich singen. Auf geht’s!

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