Nur mal 'ne Frage, ich bin ja nicht gläubig: Wie ist das mit Gott?

Dann pfiff der Schiedsrichter ab.

"Du arbeitest für die Kirche?", fragte mich Ferdi, als wir gemeinsam am Sportplatz auf unsere Kinder warteten. "Das sieht man dir gar nicht an." Ferdi montiert Einbauküchen. Wie sieht ein Küchenbauer aus? "Na, normal halt." Wie Leute, die für die Kirche arbeiten. "Nee", druckste Ferdi rum, "du weißt schon, was ich meine. Ich bin ja nicht gläubig. Ich meine ... ich wollte... ich hab' da eine Frage. Und ich dachte ... Als mir die Sabine erzählt hat, dass du... ich hab' das eben nicht vermutet."

"Du arbeitest für die Kirche? Das sieht man dir gar nicht an."

Ferdi, ich bin kein Pfarrer. Ich bin Journalist. "Mhmm", brummte Ferdi, schob die Unterlippe vor, legte die Stirn in Falten und bohrte seine Hände noch tiefer in die Taschen seiner Jacke. "Ich meine ... du bist doch aber ... du bist doch sicher fromm? Ich meine ... wenn du für die Kirche arbeitest, bist du doch sicher gläubig, oder?"

Was konnte der Mann von mir wollen?, fragte ich mich, während er verlegen von einem Bein aufs andere trat. Unsere Jungs spielten in derselben Mannschaft. Wir hatten schon einige Nachmittage nebeneinander am Spielfeldrand gestanden, wenn die FV-Jugend um Punkte kämpfte. Wir hatten auch schon miteinander geredet. Über Fußball. Über die Söhne. Über Autos. Über das Wetter. Was man eben so redet, wenn man einander eigentlich nicht näher kennt. Was wollte er?

"Ich meine ... ist vielleicht blöd jetzt..." Nee, sag' schon! "Ich meine ... willste 'nen Kaffee?" Ich nickte. Er schraubte seine Thermosflasche auf, füllte einen Plastikbecher und gab ihn mir. "Also ... aber, wenn ich dich nerve, sagst du es mir gleich, o. k.?" O. k. "Also . . . bei mir zu Hause waren Kirche und Gott und so kein Thema. Kein Thema. Mein Alter und meine Mutter haben nie darüber geredet. Ich meine ... gar nix... auch nicht gespottet und negativ ... gar nix. Aber mich beschäftigt das jetzt eben ..." Pause. "...ich meine ... ich möcht' halt wissen, wie das so ist, wenn man glaubt. Und ich dachte, wenn du für die Kirche arbeitest... nicht, dass ich da eintreten will... ich meine, wie ist das mit Gott? Glaubst du ... Mist . . . das klingt jetzt blöd, oder? . . . bist du überzeugt, dass nich Ende ist, wenn wir tot sind?" Ja, sagte ich, ich glaube, dass nicht Ende ist. "O. k.", murmelte Ferdi, "wollte ich nur mal wissen. O. k." Er sah auf die Uhr. "Is bald aus. Die spielen ja nur zweimal 30 Minuten. 'tschuldigung." Keine Ursache.

"Is bald aus. Die spielen ja nur zweimal 30 Minuten. 'tschuldigung."

Der Schiedsrichter pfiff tatsächlich Sekunden später das Spiel ab. Die Jungs hatten verloren, wieder mal. Verdrossen trabten sie auf uns zu. Der meine haderte mit dem Schiedsrichter. "Das war doch ein klarer Elfer. Der hat mich doch im Strafraum umgerissen. Und er hat nicht gepfiffen! " Ferdis Sohn Lukas weinte vor Zorn. Sein Vater legte ihm den Arm um die Schulter, strich ihm über die strubbeligen und verschwitzten Haare. "Nächstes Mal gewinnt ihr wieder. Habt doch nich schlecht gespielt. Das wird schon. Ganz sicher. Ihr müsst nur dran glauben - nur dran glauben." Und dann kniff er ein Auge zu, lächelte, gab seinem Lukas einen aufmunternden Klaps auf den Rücken und zitierte Udo Lindenbergs alten Song: "Hinterm Horizont geht's weiter! Ganz sicher." Nur dran glauben, wiederholte ich, das isses.

Nur dran glauben, wiederholte ich, das isses.

Ferdi sah mich schweigend an, schüttelte kaum merklich den Kopf. "Bis nächsten Samstag", sagte er, "Heimspiel. Und hoffentlich kein solches Sauwetter wie heute."

Heimspiel. Ich stand mit Oskars Mutter Sabine an der Auslinie. Ferdi fehlte. Zur zweiten Halbzeit tauchte er auf. Knappe Begrüßung. Wir verfolgten den Kick. Sieht gut aus, berichtete ich, die Jungs führen zwei : null. "Nur dran glauben - das isses", sagte Ferdi plötzlich und schwieg wieder. Nach ein paar Minuten - wir hatten uns gerade über das dritte Tor gefreut - packte er mich am Arm: "Gut, Mann! Da haste mir was mitgegeben. Hat mich die ganze Woche beschäftigt." 'tschuldigung, antwortete ich, so hatte ich das nicht gemeint. "Nee, lass doch! ", reagierte er fast ärgerlich, "war gut, Mann, habe ich gesagt. So isses doch! Meine Frau hat noch so 'ne alte Bibel, hab' ich mal reingeschaut. Gibt sogar einen Lukas drin. Wusste ich gar nicht mehr."

Information

Dies ist die Folge 92 von Arnd Brummers Kolumne "Was ich notiert habe", die monatlich im Magazin chrismon erscheint. Seine Bücher „Alles sauber, alles neu“ und „Der Fluch des Taxifahrers“ sind in der edition chrismon erschienen.

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