Maßlos gesund leben ist ungesund

Arnd Brummer über maßvolle Maßlosigkeit, wertvolle Unvollkommenheit und Präventionsterror

Sven Paustian

Sie sind die größte Kirche im Land. Jene, die an den Götzen ­Gesundheit glauben, ihm huldigen, ihn verehren. Die wissen, was gut ist und guttut. Halleluja!

Ihr Bekenntnis: Achte auf deine Gesundheit! Erlöse dich von allem Ungesunden! Banne es aus deinem Leben! Bete zwischen Beeten, nicht zwischen Aschenbechern! Halte maßlos Maß! ­Mäßige dich massenhaft! Sorge dich um dein Leben, jeden Tag, jede Stunde! Kontrolliere deine Werte! Es ist kein höherer Wert in diesem Leben als Kontrolle. Risiken müssen ausgeschaltet ­werden, dann lebst du länger und gesünder. Und fällst der Gemeinschaft nicht zur Last.

Kontrolle! Nie übertreiben! Nie vernachlässigen! Jedes Brot, das du isst, jeder Tropfen, den du trinkst, jede Minute, die du zu viel schläfst oder zu wenig, kann dich krank machen. Es gibt jetzt eine Studie! Es gibt noch eine andere Studie! Und eine dritte!

Einst war das Wohl die kleine Schwester des Heils, war die Sehnsucht nach dem einen wie dem anderen nicht mit Leistung zu erfüllen. Nur die Einsicht in die Unvollkommenheit, in die Vorläufigkeit unseres Seins ließ die Hoffnung zu, dass eines Tages über das Heil auch das Wohl auf uns komme. Der Versuch, weniger un-vollkommen, weniger un-anständig, weniger un-heilig zu sein ist alles, was bleibt.

Das Schöne und das Gesunde gingen in der Geschichte mehr als einmal höllische Beziehungen ein. Züchten und ziehen sind verwandte Worte und die Unzucht beschreibt ihre Negation. Wer nicht zu er-ziehen ist, den muss man züchtigen. Oder eben be­seitigen, aus der Besserwerdung der menschlichen Körperlich­-keit verbannen. Nach Reinheit strebende Rassen und Religionen wollen alles ausschließen, was aus ihrer Sicht unrein, unvoll­kommen, nicht gesund genug ist. Aber: Was ist gesund?
 

Zeit ist wie Camembert, überreif schmeckt sie am besten

Kann es gesund sein, den eigenen Leib ins Zentrum aller Mühe zu stellen? Den Blutdruck zum Alpdruck, den Puls zur Zitter­partie des Glückes zu machen? Die Gemeinschaft der Heilen heilig? Die Freunde des schönen Lebens: nur Sünder am Gemeinwohl? Einst war unter Christen vor allem der Wein ein Medium der Ent­rückung aus dem tiefen Tal des Hier und Jetzt, ein Zipfel Paradies in der schmählichen Langeweile ewig gleicher Tage voller Müh und Arbeit. Im Gottesdienst und danach beim Frühschoppen. Die Besserwerdung geht heute ohne gemeinschaftlichen Gottesdienst und ohne den fröhlichen Rausch und ohne ein anschließendes (zu fettes) bewegendes Mahl. Der alleine gemümmelte Magermilchjoghurt am Veggieday ist ein Zeichen der Vernunft. Das gemeinsame Fressen und Weintrinken ist Sünde. Was Jesus von Nazareth schon wusste, der „Fresser und Weinsäufer“ (Matthäus 11,19), der sich mit den Sündern zu Tisch setzte.

Die Zeit ist wie Camembert. Überreif schmeckt sie am besten. Also: Die Zeit ist überreif, das Maßhalten zu mäßigen. Wer maßlos gesund lebt, der lebt ungesund. Wer maßvoll ungesund trinkt, isst, auf der faulen Haut liegt und mit Freunden bis in die Puppen quatscht und raucht, tut etwas für das gemeinsame Wohl der­jenigen, die strenge Regeln für nicht mehr und nicht weniger halten als Zaunpfähle, mit denen auch mal gewunken werden kann.

Widersetzt euch dem Präventionsterror! Lasst es darauf ankommen, über die Stränge des Guten zu schlagen und vielleicht dadurch besser zu sein. „Und erfrischend wie Gewitter sind zu Zeiten gold’ne Rücksichtslosigkeiten“ – recht hat der Theodor Storm!

Nichts außer dem Unbegreiflichen kann je die Hauptsache sein. Deshalb können Gesundheit und Ordnung niemals hauptsächlich für das Menschenleben werden. Sie sind Hilfsgrößen. Sie sind definitorische Phänomene, die wie alles Irdische vor­läufig und – gottlob – zum stetigen Wandel, zur stetigen Neusicht verurteilt sind. Ihre martialische Durchsetzung gegen Menschen und Schicksale ist deshalb mit dem Weg und der Sicht des ­Jesus von Nazareth nahezu unvereinbar. Nicht die Gesundheit und die zu ihrer Förderung aufgestellten Regeln sind Teil des Heils. ­
Heil kommt aus Glauben, aus Hoffnung und aus Liebe.

Leseempfehlung

Arnd Brummer über Nostalgie, Bequemlichkeit und eine lieb gewonnene Reiseschreibmaschine
Arnd Brummer über Kopftuch in Mittelfranken
Fan des FC-Basel sein und sich trotzdem als Deutscher fühlen? Aber natürlich geht das, sagt Arnd Brummer.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

... den Artikel allerdings genau so, wie er wohl gemeint war: das Leben ist hier und heute, und alles hat sein Maß. Ab und zu mal etwas übers Maß zu leben hat noch niemanden weh getan, und hier geht es ganz sicher nicht um den Aufruf zur *totalen Maßlosigkeit*. Die Vermessung des Selbst hat auch für mich gravierende Züge angenommen, und es ist ja fast nicht mehr möglich, Diskussionen bei Tisch oder einem Glas zu beginnen, ohne daß das Thema ganz schnell in Richtung Kalorien/Cholesterin/BMI/Muskelmasse/Selbstkasteiung gelenkt wird. Ich begrüße die Aufforderung, ein Stück Normalität zurückzubringen und ab und zu mal fünf gerade sein zu lassen - auch in der Fastenzeit.

Aufgrund Ihrer Notiz habe ich verstanden, dass Sie der größten Kirche im Land nicht angehören. Sie gehören zu den Freunden des schönen Lebens, die sich einem "Präventionsterror" ausgesetzt sehen. Sie wollen auch mal mit einem fröhlichen Rausch und einem bewegenden Mahl über die Stränge des Guten schlagen. Wer möchte das von Zeit zu Zeit nicht? Das ist auch gut so!

Was ich nicht verstehe ist, wer Ihnen den Präventionsterror predigt und Sie vom Lebensgenuss abhalten will, kurz, wer Sie oder die ganze Gesellschaft zum maßlos Gesundsein jemals aufgefordert hat.

Was ich allerdings verstehe und was mich in hohem Maße beunruhigt ist, dass Sie Prävention aus einer höchst vorurteilsbelasteten Perspektive betrachten und sie mit "Glaubensfragen" in Verbindung bringen. Ihre Perspektive ist weder auf dem Stand der durchaus notwendigen ethisch-normativen Diskussion, noch spielen rationale Gesichtspunkte wie ökonomische Überlegungen zu einer gezielten Ausgabengestaltung oder Einsparungsnotwendigkeiten eine Rolle. Die ganz entscheidende Frage, wie wir die Lebensqualität der gesamten Bevölkerung über den Alternsverlauf sichern können wird nicht einmal berührt. Wissenschaftliche Studien zu Einflussparametern aud die Gesundheit und Lebensqualität sind notwendig, wenn auch nicht sklavisch zu befolgen, wie Sie suggerieren.

Was ich allerdings auch verstehe ist, dass Sie bei Ihrem Kampf gegen den "Präventionsterror" den Menschen vorbeugende Maßnahmen im Hinblick auf
Zivilisations- und Alterskrankheiten vorenthalten wollen. Vorbeugende Maßnahmen, um unerwünschte Ereignisse oder eine unerwünschte Entwicklung zu verhindern, zu verzögern oder deren Folgen abzuschwächen scheinen Ihnen des Teufels. Das Heil - eventuell wenn es zu spät ist - kann dann in im Glauben und der Kirche gesucht werden, der Sie angehören.

Ihr Beitrag erscheint mir undifferenziert und ebenso maßlos wie der von Ihnen postulierte Präventionsterror, gegen den Sie Ihren Aufruf starten, sich zu widersetzen.

Mit freundlichen Grüßen

Heinz Mechling

Da sich chrismon u.a. auch an "Einsteiger" in Sachen Religion wendet, protestiere ich – ohne dass dies meiner Wertschätzung für Herrn Brummer Abbruch tut – gegen die missverständliche Passage "Jesus von Nazareth …, der Fresser und Weinsäufer (Matthäus 11,19)".

Jesus war kein "Fresser und Weinsäufer", und er wurde von Matthäus auch nicht so bezeichnet. Bei Matthäus 11,16–19 beanstandet Jesus vielmehr, dass er von Unverständigen ("den Kindern gleich, die an dem Markt sitzen") in der genannten Weise diffamiert wird. Für Herrn Brummer mag die Unterscheidung geläufig und selbstverständlich sein, für die Zielgruppe der "Einsteiger" zumindest bezweifle ich dies aber ganz entschieden. Bei allem Verständnis für ungenaue oder sonstwie missglückte Formulierungen, wie sie uns allen gelegentlich unterlaufen: So darf ein Bekenntnis zu Jesus Christus meines Erachtens nicht aussehen.

Dr. Friedrich Appoldt

Natürlich gibt es Gesundheitswütige, aber wohl weniger als Vergnügungssüchtige. Körperliche Anstrengungen könnten doch die seelischen und geistigen Kräfte stärken, im Sinne von Paulus. Und ohne Übung und Askese ist auf kaum einem Gebiet etwas zu erreichen.
Im Vergleich mit vielen anderen Ländern leiden wir in Deutschland halt etwas mehr unter den modernen Verrücktheiten und Herausforderungen - mit entsprechenden Folgen, die Lebenserwartung ist eher etwas niedriger und die Lebensqualität mit zunehmendem Alter schlechter durch Gesundheitsdefizite.
Die Gesundheitsindustrie oder "Heilslehren" helfen wenig. Überdies wird viel experimentiert und mal etwas empfohlen und dann wieder Gegenteiliges.
Immerhin ist in weltweiter Übersicht schon klar geworden, dass das zu ausdauernde Sitzen und die ungebremste Kalorienzufuhr ( abgesehen von zuviel regelmäßigem Alkohol und der doppelten Menge an Zucker als noch zuträglich ) in ganz unterschiedliche Ländern verheerende Folgen hat.
Es ist noch nicht lange her, dass man sich dem (Passiv-) Rauchen kaum entziehen konnte.
Vor einigen Jahren klagte Kardinal Lehmann, dass es überall, wo er hinkam, alkoholischen Getränken zusprechen musste. Schließlich bekam er erhebliche Gesundheitsprobleme.
Es ist nicht so einfach, einen besseren Lebensstil zu pflegen, wenn man inmitten der Gesellschaft lebt. Das wussten auch die frühchristlichen Mönche, die sich von ihr zurückzogen.