Im Ernst?

Mein Freund Chris, von dem hier schon einmal die Rede war, ist Coach. Er bringt Mitarbeitern größerer Unternehmen bei, mit­einander zu kommunizieren. Das ist an sich schon eine Herausforderung. Was die Sache noch anspruchsvoller macht: Die Leute in seinen Workshops, die man früher Seminare nannte, kommen aus den verschiedensten Ländern – es sind Schweden, Kanadier, US-Amerikaner, Briten, Italiener, Franzosen, Deutsche. Oje! Da wird er wohl mit Simultandolmetschern arbeiten müssen.

Chris schüttelte den Kopf: „Die Sprache ist das geringste Problem. Die können fast alle wirklich gut Englisch. Viel schwieriger ist es mit der kulturellen Differenz. Und am allerschwierigsten ist es mit Humor und Witz. Vor allem mit den Deutschen“, seufzte mein Freund, „musst du da sehr vorsichtig sein. Ihr seid tatsächlich das ernsteste Volk der Welt.“ Das fand ich ein starkes Stück! Wollte er, der Australier mit deutscher Mutter, mich provozieren? Gerade hatten wir über den seligen Loriot geredet, den wir beide doch so sehr mögen. „Genau“, antwortete der Coach, „das ist ja Loriots Thema. Die deutsche Würde, der deutsche Ernst. Schau dir doch seine Figuren und Szenen mal genau an!“

Neulich, bei einer seiner Veranstaltungen in Mailand, so erzählte er, sei ein italienischer Manager auf zwei Kollegen aus Deutschland und Spanien zugegangen und habe sie fröhlich mit dem Ausruf begrüßt: „Hallo, ihr Verbrecher, ihr Betrüger, ihr Halsabschneider!“ Der Spanier habe zurückgebrüllt: „Nein, Eure Heiligkeit! Nicht auf den Scheiterhaufen! Ich habe Frau und ­Kinder, bitte nicht!“ Der Deutsche habe zunächst geschwiegen und dann in schneidend ernstem Tonfall geantwortet: „Wo die Mafia zu Hause ist, wissen wir ja. Ihr Ton, Signore, gefällt mir nicht! Gefällt mir überhaupt nicht!“ Ein Brite versuchte zu schlichten: „War doch nur ein Spaß, Kollege.“ Und eine Französin auch: „Das Ver-ruchteste überhaupt, ob Sex oder Geschäft, sind wir Franzosen!“

Der Deutsche habe geschwiegen und weiterhin sehr sauer gewirkt. Als der Italiener ihm den Arm um die Schulter legen wollte, habe er das unterbunden. „Dann“, Chris nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas, „hat er sich geräuspert und mit belegter Stimme gesagt: ‚Tut mir leid, da verstehe ich überhaupt keinen Spaß. Aber wenn ich eine Entschuldigung zu hören bekomme, will ich sie annehmen.‘“ Der Italiener bat um Verzeihung. Und der Deutsche streckte ihm mit ernster Miene die Rechte entgegen.

Chill doch, du blutiger Herrscher im Redewald!

„Ein Einzelfall“, widersprach ich meinem Freund, „ange­strengte Typen dieser Art findest du überall!“ Das wollte Chris auf keinen Fall gelten lassen. „Ich könnte dir zig solcher Szenen ­erzählen. Das humorfreie Bündnis besteht in der Regel aus Deutschen, verstärkt durch Schweizer und manchmal durch Tschechen. Es sind die Länder, in denen Kultur ernst sein muss, wenn sie anspruchsvoll sein will. Im Besonderen gilt dies für Musik. Kein Australier, keine Kanadierin würde zwischen U-Musik, also unterhaltender, und E-Musik, die ernst und deshalb wirklich ­bedeutend ist, unterscheiden.“

Auf dem Nachhauseweg dachte ich noch eine ganze Weile über diese These nach. Und ich musste allen Ernstes zugeben: Sie stimmt! Wo auf der Welt haben polemische Übertreibung, Ironie und Witz als Medien der Rhetorik ein so schlechtes Ansehen wie in meinem Heimatland? Und wo nimmt man so nachhaltig übel?

Im Ernst: Wir sollten Polemik, Übertreibung und ironische Wendungen in die Curricula des Deutschunterrichtes aufnehmen. Die Schülerinnen und Schüler brauchen Raum, um sich in dieser für sie neuen Kunst zu üben. Wir brauchen die kulturelle Wende in unserer Kommunikation! Wir brauchen sie landesweit! Wir brauchen sie jetzt!

Zu Hause teilte ich dies meinem sechzehnjährigen Sohn mit. „Chill doch!“, raunzte er zurück, „du blutiger Herrscher im Redewald, vor dem sich die mächtigsten Bären in ihren Höhlen verkriechen! Meinst du hoffentlich nicht ernst. Erinnert mich irgendwie an das Jodeldiplom von deinem Gott Loriot!“

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Lesermeinungen

Besten Dank, dass Sie uns so humorvoll, aber einprägsam den Spiegel vorhalten. In der Reaktion des (humorlosen) Deutschen konnte ich 100-ig die mich oft nervende Verhaltensweise meiner Mutter erkennen. Meine Mutter: Jahrgang 1911, in der preußischen Provinz Pommern aufgewachsen. Ich muß zugeben, auch bei mir, Jahrgang 1944, ist zumindest der Gedankengang in ähnlichen Situationen vorhanden. Durch Ihren Artikel gestärkt und bestätigt werde ich weiterhin an mir arbeiten, diese typisch deutsche Denk- und Verhaltensweise abzulegen. Ob ich meine Gedanken  gegen die Prägung in der Kindheit ausrichten kann, bleibt abzuwarten, das Handeln nach Überlegung gelingt leichter.