Es ist nicht leicht, die Entscheidung von Politikern oder Kirchenleuten gerecht zu bewerten. Verantwortung hat viele Gesichter

In den vergangenen Monaten dieses Jahres haben wir viele Rücktritte leitender Persönlichkeiten in Politik und Kirchen erlebt. Überzeugende Rücktritte, die uns Respekt abnötigten, und unnötige Rücktritte, die uns wie eine Flucht aus der Verantwortung erscheinen konnten.

Bei manchen Rücktritten haben wir gedacht und vielleicht auch öffentlich gesagt: Schade! Dieser Mensch hätte im Amt bleiben sollen. Warum hält er nicht stand und bleibt seiner Verantwortung treu?

Bei anderen aber: Endlich! Dieser Rücktritt war längst überfällig, vielleicht sogar im Wortsinn "Not-wendig" für Menschen, die unter der Amtsführung des oder der Zurückgetretenen gelitten haben. Nach dem Tod von 21 Besuchern der Loveparade in Duisburg wurden in Politik und Medien flugs Forderungen laut, wer denn nun zurückzutreten habe. Der Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler und jener der Hamburger Bischöfin Maria Jepsen hingegen kamen für die Öffentlichkeit überraschend. Gehen oder bleiben?

Ich denke, die Fragen der Würde des Amtes und des Respekts, den es verdient, sind von großer Bedeutung. Aber mindestens genauso wichtig und für mich entscheidender ist der Respekt vor dem Menschen, der ein Amt ausübt. Denn die Würde eines Menschen ist grundsätzlich ein höheres Gut als die Würde eines Amtes. Das gilt in der Politik und in der Kirche!

Um es in Abwandlung eines Jesuswortes zu sagen: "Jedes Amt ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Amtes willen! " (nach Markus 2,27).

Bei jedem Rücktritt - mag er uns angemessen, vorschnell oder längst überfällig erscheinen - geht es deshalb immer auch um die Integrität und Verletzbarkeit der Person, fromm gesagt um das "Seelenheil" der jeweiligen Amtsinhaber und -inhaberinnen. Und auf dieses haben wir Rücksicht zu nehmen, es ist zu achten und zu respektieren. Sachbezogene (kirchen)politische Argumente für oder gegen den Rücktritt müssen so vorgetragen werden, dass sie die Würde der Person wahren.

"Es ist genug! Ich kann und ich will nicht mehr! ", so schrie einst der Prophet Elia zu Gott. Er wollte nicht länger die Verantwortung seines Prophetenamtes tragen. Er war leer und ausgebrannt. Er hatte für seinen Gott gekämpft und einen glänzenden - auch blutigen - Triumph gegen falsche Götter und falsche Propheten errungen. Aber dieser Triumph trägt nicht.

Elia wird von seinen Widersachern gejagt und verfolgt. Nun will er nicht mehr kämpfen und nicht mehr streiten. Er will nur noch weglaufen, sich verkriechen und schlafen. Er ist müde, sterbensmüde und amtsmüde! (Siehe 1. Buch Könige, 18-19.)

Gehen oder bleiben?

Einer großen Verantwortung müde geworden sein und zurücktreten. Oder: Verantwortung auf sich nehmen und von einem Amt zurücktreten. Oder: Verantwortung tragen und im Amt bleiben, um weiter zu gestalten und weiter zu kämpfen - alle diese Verhaltensweisen können Ausdruck des Respekts vor der Würde eines Amtes oder Ausdruck des Wunsches sein, die eigene persönliche Würde zu bewahren. Das macht uns Außenstehenden im konkreten Einzelfall eine angemessene und gerechte Bewertung von Rücktrittsentscheidungen oft so schwer.

Wie damals bei Elia im alten Israel, so denke ich, können wir auch heute bei leitenden Menschen in unserem Land Amtsmüdigkeit nicht einfach gleichsetzen mit Verantwortungslosigkeit. Elia übrigens wurde von Gott so gestärkt und getröstet, dass er seine Fluchthöhle wieder verlassen und seine Propheten-Nachfolge geordnet regeln konnte.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.