Die Monarchie ist doch auch für Demokraten etwas Feines!

Foto: Sven Paustian

Nach dem Rücktritt von König Juan Carlos denkt Chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer über die Vereinbarkeit von Königshäusern und Republiken nach.

Als am 2. Juni der spanische König Juan Carlos abdankte, neigte ich mein Haupt vor seiner Leistung, die Diktatur seines Gönners Francisco Franco bald nach Amtsantritt 1975 abgeschafft zu haben. Und auch seine zweite Tat, als er 1981 die parlamentarische Demokratie seines Landes gegen einen rechten Militärputsch verteidigt hatte, kam mir in den Sinn.

Aber aus der Tiefe meines Gedächtnisses drangen ein paar Zeilen nach oben, die ich als Badener nicht wegdrücken konnte: „Nehmt von Fürstenthronen schnell den Purpur her, das gibt rote Hosen für der Freiheit Heer!“ Jawoll! Es lebe die Republik! Das Lied auf Friedrich Hecker, den Parlamentarier und Anführer der Aufständischen von 1848, von mir schon als Schüler gerne laut geschmettert, wohnt in meiner Seele. Und mit großer Freude nahm ich zur Kenntnis, dass wenigstens zwei kleine linke Parteien auf der Iberischen Halbinsel den Rücktritt des bourbonischen Hans-Karl zum Anlass nahmen, ein Referendum zur Abschaffung der Monarchie zu fordern.

Okay, man kann Demokrat  sein und dennoch den Charme gekrönter Oberhäupter genießen, als Brite und eben auch als ­Spanierin. Schließlich sind die Zeiten gottlob vorbei, in denen der preußische Kurfürst Friedrich Wilhelm nach der Devise regieren konnte: „Es ist dem Untertanen untersagt, den Maßstab seiner beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen!“

Ein paar Stunden später lasse ich meine Suchmaschine herausfinden, worauf wir Deutschen stolz sind. Als Erstes erscheint eine Liste der „TOP 100 der Sehenswürdigkeiten in Deutschland“, ­präsentiert von der Deutschen Zentrale für Tourismus und ge­fördert vom Bundeswirtschaftsministerium. Ein Voting, natürlich, von sogenannten „internationalen Gästen“. 15 000 von ihnen haben das Ergebnis zusammengeklickt.

Dass die Liste vom Schloss Neuschwanstein angeführt wird, der Fantasieburg des verrückten Bayernkönigs Ludwig II., ist ja schon schlimm genug. Aber dass zwischen all den Naturparks, Museumsinseln und Domen die Frankfurter Paulskirche nicht auftaucht, ist mehr als peinlich. Dieser Ort, an dem 1848/49 ­wenigstens versucht wurde, so etwas wie eine demokratische Kultur zu begründen, ist der Tourismuszentrale nicht mal auf der Frankfurt-Seite eine Vorrangstellung wert. Weit hinten, nach mehrfachem Blättern, taucht dieser Ort deutscher Geschichte auf, der Royalisten von der Sorte Bismarcks der reine Graus war. Und mit ein Grund, die Freie Stadt Frankfurt als Stadtstaat 1866 aufzulösen und dann Hessen-Nassau einzuverleiben.

"Unsere Staatsbürger würden sagen: Ist mir wurscht, solange ich fernsehen kann, was ich will."


Diese Geschichte hat mich derart verärgert, dass ich des Abends mit meinen Freunden darüber reden musste. „Ja, so bist du halt“, seufzte Michi. Und dann erzählte er mir die kleine Geschichte, in der ein Bauer im Süden Frankreichs nach der Machtüber­nahme Napoleons gefragt wird, was ihm die Republik bedeute. Der Mann zuckte die Achseln und antwortete: „Die ist mir sehr recht, solange Napoleon König bleibt.“ Und Richard ergänzte: „Meinst du denn im Ernst, die Leute in Deutschland würden auf die Straßen gehen, wenn das Parlament beschlösse, den Bundespräsidenten durch eine Königin oder einen Kaiser zu ersetzen? Die würden doch ähnlich reagieren wie der
Bauer.“ Was Michi vermuten ließ: „Unsere Staatsbürger würden wahrscheinlich sagen: Ist mir wurscht, solange ich fernsehen kann, was ich will, und Urlaub machen, wo ich möchte.“

Und wohin geht’s für Michi in diesem Sommer? „Nach Cala Mayor auf Mallorca. Dort ist übrigens die Ferienresidenz der spanischen Königsfamilie. Super! Der Juan Carlos, die Sophie und ihr Sohn, der neue König Felipe, die bummeln da ganz normal durchs Städtchen, zum Bäcker, ins Restaurant. Und meine Kinder haben in derselben Segelschule das Segeln gelernt wie die Königskinder. Und die haben im selben Laden ihre Sommerlatschen gekauft ­wie meine Gerti.“

„Und du? Was machst du im Urlaub?“ Schweden. Lund, ­Malmö, Stockholm. „Nicht übel“, grinst Richard, „die berühmte schwedische Republik. Wie heißt die Präsidentin noch mal?“ Nein, dann doch lieber in die Schweiz, zu den freien Eidge­nossen! Grüezi wohl!

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Lesermeinungen

Ach, wenn es doch mit den europäischen Demokratien, Republiken, Monarchien in Europa so einfach wäre. Wer hat das Frauenwahlrecht erfunden? Na wer? Sicher nicht die Schweiz, diese freien Eidgenossen bildeten das Schlusslicht. Als erste eingeführt haben es noch vor dem Ersten Weltkrieg das Großfürstentum Finnland (das damals zum russischen Kaisertum gehörte) und das junge Königreich Norwegen, also zwei Monarchien. Und wer hatte davor das modernste Wahlrecht in Europa, das allen Männern das gleiche Recht auf freie und geheime Wahl zubilligte? Nicht etwa Frankreich, sondern das Deutsche Reich des Royalisten Bismarck, der dafür sorgte, zugegeben aus taktischen Gründen, dass 1871 das Wahlrecht der Paulskirchenverfassung übernommen wurde. Und wenn Herr Brummer als „internationaler Gast“ nach den 100 bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Frankreich gefragt würde, zählte sicher ganz vorn die Colonne de Juillet dazu. Sie kennen sie nicht? Sie erinnert an der Stelle der Bastille an den 14. Juli 1789. Und was ist gegen die Französische Revolution doch dieses ganze Gerümpel aus Schlössern und Kathedralen wie Versailles, Chambord, Amiens usw.
Herzliche Grüße
Anton Neugebauer

So ein Schmarren, Herr Brummer ! "Die Deutschen", zumindest recht viele, sind nicht schlechter und manchmal sogar um Qualitäten besser, als die, welche über sie reden. Übrigens fängt die Demokratie schon im Denken an, die Politik kommt erst später. Ein "Staatsbürger" kann kein Demokrat sein, es fehlt ihm die Demut, denn das Wissen um seine Pflichten, - da haben wir ja das Bismarksche Wesen - verbietet es ihm, demokratisch zu denken. :-) Wünsche den Herren A.Brummer und "Michi " , einen nachdenklichen Sommer !