Migration vor 1500 Jahren: Germanen im Burgund

Die germanischen Knoblauch-Stinker aushalten
Arnd Brummer, was ich notiert habe

Foto: Sven Paustian

Arnd Brummer ist Chefredakteur von chrismon

Funktionierte Integration bei unseren Vorfahren besser? Das Verhältnis von Burgundern zu eingewanderten Germanen war schwierig

Barbaren sind das! Was wollen die hier? Unser Geld? Die Macht? Das kann ja heiter werden! Die römischen Familien in der ­Provinzhauptstadt Lugdunum (heute Lyon) und ihrem Umland waren in ihrer Mehrheit nicht begeistert von den „Faramanni“, den „fahrenden Kriegern“, die sich zwischen ihnen ansiedelten und Nachbarn wurden.

Vor rund 1500 Jahren wurde aus der gallorömischen Gegend zwischen Rhone-Quelle und Mittelmeer der Kern des Reiches der Burgunder und später der Westfranken. Die Sagen und ­Märchen über die unternehmungslustigen Migranten, etwa das „Nibelungenlied“, raunen und singen von Helden. Sidonius ­Apollinaris, ein gallorömischer Spitzenpolitiker, Dichter, Familienvater und katholischer Bischof der Auvergne, hat die „Integration“ der Fremdlinge ein wenig anders beschrieben.

In einem Gedicht aus der Zeit um 460 nach Christus lässt er sich darüber aus, wie entsetzlich es sei, „des langhaarigen Volkes Tischgenosse“ zu sein und „germanische Worte“ aushalten zu müssen. „Muss auch wieder und wieder ernsthaft, was da der burgundische Vielfraß vorsingt, loben, der mit ranziger Butter sich den Kopf salbt!“ Jeder, stöhnt Sidonius, dürfe sich, seine Augen, Ohren und Nase glücklich preisen, „dem nicht früh am Morgen schon zehn Portionen Knoblauch und elendige Zwiebel rülpst entgegen“. Der Autor wurde nur wenige Jahre nach seinem Tode heiliggesprochen. Und vor seinen Reliquien in Clermont feiert man jährlich am 11. Juli sein Gedenken.

Hoffentlich werden die Auseinandersetzungen von damals nicht wieder real

Die gallorömische Aristokratie hat „Burgund“ und das „Frankenreich“ nicht verhindern können, sich aber letztlich arrangiert. Ihre Erben singen heute laut und gerne „Vive la France!“ Und die burgundische Küche – mit Zwiebeln und Knoblauch – ist ein Labsal der Gourmets der gesamten westlichen Welt. So ändern sich die Zeiten!

Im Himmel sind die Allerletzten

Kleine Geschichten über die großen Themen des Lebens. Mal nachdenklich, meistens heiter, hintergründig und geistreich berichtet chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer von Begegnungen und Beobachtungen, die nur scheinbar alltäglich sind. Wagt man mit Arnd Brummer den Blick hinter die Oberfläche, erschließen sich tiefe Einsichten in die großen Themen des Lebens.

Bei der edition chrismon erhältlich (über die Hotline 0800 / 247 47 66 oder unter www.chrismonshop.de).

Nach den Ergebnissen der jüngsten Landtagswahlen haben Nachfahren der Burgunder, der West- und Ostgoten, der Normannen und Vandalen aus halb Europa „den Patrioten der AfD“ herzlich zu ihrem Erfolg gratuliert. Marine Le Pen und ihr Front National, die rechten Populisten in den Niederlanden, in Österreich oder in Dänemark reagierten begeistert. Ein Hoch auf die europäische Kultur!

Wer in die Geschichtsbücher schaut, darf hoffen, dass die Heftigkeit der Auseinandersetzungen der wandernden „Völker“ und „Stämme“ im sogenannten „Europa“ nicht neue Wirklichkeit wird. Gleichzeitig wird einem bei der Lektüre von Texten wie dem Apollinaris-Gedicht deutlich (zitiert in dem großartigen Buch über die „Völkerwanderung“ des Historikers Walter Pohl), dass sich das „Befremden“ gut in genervten Versen über ger­manische Sprache, Knoblauch und ranzige Butter äußern lässt.

Was einen aber nicht hindern muss, mit diesen rülpsenden Vielfressern am Tisch zu sitzen. Und vielleicht ruft jemand bald aus der Küche: „Ich habe es jetzt auch mal mit Knoblauchbutter probiert. Passt glänzend zu Garnelen, Blattspinat und Schweinefilet. Ist megalecker!“

Genug geschimpft, jetzt wird gefeiert!

Als vor ein paar Jahrzehnten in Nordirland „Give Irland back to the Irish“ gerufen wurde, skandierten die Fans von Franz Josef Strauß zwischen Isar und Donau: „And Bayern back to the Bayrisch!“ Schön, dass auf einer weiß-blauen Internetseite heute „bayerische Give-aways“ ­angeboten werden. Darunter sind Bierkrüge und Schnapshaferl zu finden, aber auch ein „My Clock – Wiesn-Wecker“ und ein Satz Bälle der urbavarischen Sportart Golf.

Kultur ist Begegnung zwischen Vorhandenem und Neuem, ist Ausprobieren und Verändern. Und die Meister der Abwehr wissen zum größten Teil nicht, dass ihre Verteidigung des Abendlandes genau genommen eine Verteidigung des Wandels und der Neugier sein müsste.

Die Zeiten ändern sich! Das erkannnte 476 nach Christus auch der Bischof in Clermont. Und hielt einen Panegyrikus, eine hymnische Festrede, auf den fremden neuen Herrscher, den er zuvor heftig bekämpft hatte, auf den Gotenköig Eurich. Genug geschimpft, jetzt wird gefeiert!

Leseempfehlung

In Sankt Andreasberg im Oberharz verdoppelt sich über Nacht die Einwohnerzahl. Und nun?
Libanon: Zu viele Flüchtlinge, sagen einige, die sind gefährlich. Andere profitieren.
Ein kleines Bergdorf in Süditalien könnte beim Umgang mit Flüchtlingen Vorbild für ganz Europa sein

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

....greifen etwas kurz, schließlich mussten sich Spanien und Frankreich jahrhundertelang gegen eine arabische Besetzung wehren. Später wurde dann in umgekehrter Richtung eine Weile Nordafrika zu kolonisieren versucht.

Nicht ganz schön ist die wechselseitige Unterdrückung und Vertreibung - es gab damals nicht viele Gebildete, die den Kulturaustausch betrieben und sich gegenseitig förderten.

Die heutige europäische Jugend will nur noch wenig von der eigenen Kultur wissen ( in der SZ wurde gefragt, ob die Maisfelder mit vorgeschalteten Mastschweinen oder ähnliche Massenversorgung eventuell die Leitkultur darstellen sollen). 

Als die Türken nach Europa drängten und jahrhundertlang Teile besetzten und unterdrückten, konnte schließlich die Heilige Liga zwischen Polen, den Habsburgern und Venedig eine Weile türkische Übergriffe in Südosteuropa und anderswo verhindern - bis die Venezianer lieber dem osmanischen Reich Tribut zahlte, um ihre Handelsbetiehungen nicht zu gefährden.

Da konnten die übrigen Europäer sich nur noch mühsam behaupten.

Schon als 1456 die Türken vor Belgrad standen, ließ Papst Pius II   mit Angelusläuten  zum Gebet rufen. - Maria wurde in der Lauretanischen Litanei als Helferin der Christen genannt.

Zuletzt bedrohten die Türken 1683 Wien. Zum Dank für deren Abwehr läuten noch heute viele Kirchenglocken in Bayern, zum Beispiel beim Freitagsläuten ( um 11 Uhr) von St.Michael in München-Perlach, wie in der dortigen Läuteordnung nachzulesen.

In der unseligen Allianz des preußischen Militärs mit den Osmanen zu Zeiten des ersten Weltkriegs dagegen wurden Christen dem Mächtespiel geopfert, damals Armenier. Die Situation heute ist nicht viel heiterer.

Es ist wohl ein bisschen naiv zu glauben, dass Probleme zwischen dem Orient und Europa mit Masseneinwanderung geringer werden.

Auch in keinem Land Europas außer eventuell in Teilen Deutschland gibt es da noch Illusionen.

Allerdings tun die Europäischen Staaten wenig ( und die kriegsanzettelnde USA noch weniger ) um Flüchtlingen zu helfen.

Dazu gäbe es viele Möglichkeiten, Hilfe in den weniger entwickelten Ländern zu leisten, statt viele Menschen in für sie weniger geeignete Orte zu verpflanzen. 

Nachdem das fahrlässig versäumt wurde und auch weiter versäumt wird, werden mutige, aber wenig Qualifizierte in Massen hier untergebracht ( " ein Plan, der keiner ist " ) .

Herbert E. Gratzl

 

Wenn es gegen die Moslems, insbesondere gegen die Türken gehen soll, ist keine Behauptung zu albern. Laut Herrn Herbert E. Gratzl gilt: "Zum Dank für deren Abwehr läuten noch heute viele Kirchenglocken in Bayern, zum Beispiel beim Freitagsläuten ( um 11 Uhr) von St.Michael in München-Perlach, wie in der dortigen Läuteordnung nachzulesen."
Was steht jetzt wirklich in der Läuteordnung? Nach dem historischen Exkurs zum Konzil von Konstanz und der Belagerung Wiens heißt es: "Später galt das Elfuhrläuten entsprechend der ländlichen Tagzeiteneinteilung auch als Mittagsläuten, bei dem u. a. die Frauen vom Feld heimkehrten, um zu kochen." Heute ist übrigens noch später als später. Die Schar der um 11 Uhr vom Felde heimkehrenden Frauen ist auch in München-Perlach sehr überschaubar. Und zum mentalen Kreuzzug gegen die Türken fühlen sich durch die Bimmelei von 11 Uhr 01 bis 11 Uhr 04 nur diejenigen aufgerufen, die sich durch alles dazu aufrufen lassen wollen.
Sepp Stramm

...und das ist oft gut so. Aber nicht jede Veränderung ist schon als solche gut. Konservativ sein heißt für viele: Das Bewährte und Gute bewahren und immer offen sein für das Bessere.
Ich finde nicht, dass es christlichem Denken entspricht, wenn man Phänomen wie der Flüchtlingsdiskussion, der Migration oder der AfD
so unsouverän begegnet wie es die Evangelische Kirche von Beginn an tut.
Zwei Brüder von mir sind bereits aus der Kirche ausgetreten. Auch ich halte die
fehlende politisch Neutralität nicht für gesellschaftliches Engangement im christlichen Sinne,
sondern eher für eine selbstgerechte Anmaßung.
Aber auch tätiges christliches Handel ist für mich etwas Anderes, als das, was ich als freier Mitarbeiter einmal im Rahmen einer übernommenen "Maßnahme", (sg.Freizeitkurse), erleben musste. Vier Sozialarbeiter delegierten die ungemütliche, aber für die Diakonie gewinnbringende Arbeit mit sehr schwierigen (renitenten, pöbelnden bzw. psychisch kranken) Jugendlichen an externe, dafür nicht ausgebildete Kräfte), während sie sich auf die gemütliche Verwaltungsarbeit beschränkten (bei vielen Pausen und Unterhaltungen).
Einige Jugendliche beschwerten sich über die grobe Unfreundlichkeit und das mangelnde Interesse
seitens dieser Sozialarbeiter. Zu welcher Verbitterung, Missgunst und Unfreundlichkeit eine Arbeit in diesem Bereich wohl auf lange Sicht führen kann, hätte ich als Fachfremder, Außenstehender vorher nicht für möglich gehalten. Hier findet aber meiner Ansicht nach die eigentliche christliche Arbeit statt.
Leider geht es dort aber selten um christliches diakonisches Handeln, sondern (wie es mir von Sozialarbeitern gesagt wurde), um einen verhältnismäßig sicheren Arbeitsplatz für Geringqualifizierte.
Als Agnostiker sehe ich den Wert einer Institution wie der evangelischen Kirche vor allem im Leben rational begründeter christliche Werte in einer pluralistischen Gesellschaft und eines damit verbundenen Wertrelativismus. Weltanschauliche und parteipolitische Neutralität steht dazu nicht im Widerspruch. Ich glaube nicht, dass alle in dieser Kirche "links" oder grün oder feministisch sind oder sein müssen Ich habe in meinem Bekanntenkreis auch anders Denkende.( von links bis konservativ und neoliberal). Die Kirche und ihre Publikationen vermitteln aber zunehmend diesen Eindruck, obwohl sie doch alle evangelischen Christen repräsentieren sollte.
Nur eine freundliche konstruktive Anregung meinerseits
Freundliche Grüße

Der Kommentar trifft! Zitat Frank Dortmund: "Auch ich halte die fehlende politische Neutralität nicht für gesellschaftliches Engagement im christlichen Sinne, sondern eher für eine selbstgerechte Anmaßung".
Der Grund hierfür ist dort zu suchen, wo sich die Schnittstellen aller religiösen und politischen Ideale und Idealisten (nur die mit Scheuklappen) treffen. Besonders die Protestanten wollen mit aller Macht und Beredsamkeit bereits im Diesseits die idealen Voraussetzungen (möglichst auch die persönlichen, wenn das auch nahezu unmöglich ist!) für die Aufnahme im Jenseits schaffen. Die Grünen haben ebenfalls das Große und Ganze im Visier. Ihre Programme sind Natur-Religiös-Politisch. Bis auf den religiösen Transzendenz-Anspruch haben beide die gleiche Schnittmenge. Die Linken, Sozialisten und sonstigen politischen Idealisten haben dagegen als Zielgebiet vorrangig die nahe Zukunft. Alle zusammen haben eine veritable Schnittmenge. Den Protestanten, die den politischen Ton angeben (warum gibt es bei uns den Linksprotestantismus?) ist es deshalb unmöglich, politisch neutral zu sein. Von denen, die früher die schwarzen Röcke trugen, ist zu viel von dieser Grundtendenz in ihrem öffentlichen politischen Bewusstsein übrig geblieben. Nicht umsonst war die RAF zu einem erheblichen Teil das Kind protestantischer Pfarrhäuser. Lebensfreude sieht anders aus. Dagegen ist der hiesige Katholizismus eher vom Leben und leben lassen und vom Pragmatismus geprägt. War auch nicht immer so gut. Deshalb muss man zwar nicht konvertieren, aber das Leben ist zu kurz und kostbar, um so sauertöpfisch zu sein, wie weite Teile der EKD, der Evangelikalen, der EC und der ewigen Kanzel-Mahner. Mit ihrer nicht enden wollenden Bibel-Exegese, die eher den Streitern das Leben zur Hölle macht, als das sie für Klarheit sorgt, verstricken sie sich endlos. Wäre die Gesellschaft nicht so stark säkularisiert, sähe es düster aus.