Echtheit im Journalismus

Ist doch alles inszeniert! Und dennoch kann es wahrhaftig sein
Arnd Brummer ist Chefredakteur von chrismon

Foto: Sven Paustian

Arnd Brummer ist Chefredakteur von chrismon

Von den Medien gut inszeniert ist noch nicht gelogen, findet Arnd Brummer

Keine Nachrichtensendung im Fernsehen, in der nicht eine Reporterin oder ein Korrespondent mit Mikrofon und Regenjacke irgendwo auf der Welt vor der Kamera steht und „live“ erzählt, was sich gerade ereignet hat. Vor dem Kanzleramt zu Berlin, in den Straßen von Ankara, vor dem Weißen Haus in Washington, vor dem Petersdom im Vatikan. Die Inszenierung der Wirklichkeit. Die Zuschauer sollen wissen: Die Medien sind vor Ort, sind unmittelbar dran an dem, was sich hinter den Mauern ereignet.

Genauso gut könnten die Kolleginnen und Kollegen natürlich aus dem Studio berichten oder von ihrem Schreibtisch aus. Ihre Notebooks mit Mails von den Pressestellen der Ministerien, von Ämtern, Parteien und Partnerredaktionen wären als Quellen der Information authentisch präsent. Die emotionale Dimension der Aktualität, der tatsächlichen Nähe würde aber fehlen. Das wäre nicht TV-gerecht, weil zu abstrakt.

Wer von den Verhandlungen hinter den Wänden des Kanzleramtes berichtet, wirkt echt, wenn er vor diesen Wänden bei Nacht und Regen ins Mikrofon spricht.

„Ist doch alles inszeniert“, hat ein Freund mir neulich in vorwurfsvollem Ton entgegengehalten. „Lügenpresse“ hat er nicht gesagt, aber unterschwellig schwang die Einschätzung mit. Stimmt, habe ich geantwortet. Alles ist inszeniert. Und damit ist aber nicht gesagt, dass es verlogen, gefälscht oder – auf Denglisch – „gefakt“ ist.

Rituale schaffen Gemeinschaft

Etwas inszenieren – in Szene setzen – bedeutet: präsentieren. Oder in altertümlichem Deutsch: vergegenwärtigen. Es unterstreicht die Botschaft, es fordert auf: Leute, schaut her und spitzt die Ohren. Hier geschieht etwas Bedeutungsvolles.

Im Himmel sind die Allerletzten

Kleine Geschichten über die großen Themen des Lebens. Mal nachdenklich, meistens heiter, hintergründig und geistreich berichtet chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer von Begegnungen und Beobachtungen, die nur scheinbar alltäglich sind. Wagt man mit Arnd Brummer den Blick hinter die Oberfläche, erschließen sich tiefe Einsichten in die großen Themen des Lebens.

Bei der edition chrismon erhältlich (über die Hotline 0800 / 247 47 66 oder unter www.chrismonshop.de).

Inszenierungen entwerfen symbolhafte Handlungen, die ­helfen sollen, abstrakte Ereignisse oder Vorgänge nachzuem­pfinden. Das geschieht in Gottesdiensten mit Agenda oder ­Liturgie. Rituale schaffen Gemeinschaft, zum Beispiel wenn sich die ganze Gemeinde erhebt, um das Vaterunser oder Glaubensbekenntnis zu sprechen. Und in ähnlicher Weise funktionieren Sportspektakel in Stadien oder auf Skischanzen.

Ein Staatsbesuch, der Empfang der Gäste mit militärischen Ehren, das Abspielen der Hymnen, die roten Teppiche zeigen: Ihr, verehrte Staatsgäste, seid uns willkommen. Selbst wenn man weiß, dass Herr Putin oder Herr Erdogan in Berlin nicht die absoluten Lieblinge sind, sorgt die Inszenierung für ein Bild von angemessenem Respekt unter Staatsleuten.

Schulabschlussfeiern, Jubilarehrungen in Vereinen, Hochzeiten und Trauerfeiern sind den meisten Menschen unvergessliche Symbolakte. Sie illustrieren die Realität und alle wissen darum. Nicht mehr und nicht weniger.

"Langweilig, aber echt"

„Also machen die Medien nur Theater?“, provoziert der Freund heiter weiter. Lass das„nur“ weg. Und verstehe Theater nicht als Element des Unwahren. Die TV-Leute schaffen tatsächlich Bühnenbilder für ihre Informationen. Die Bilder sollen Nähe zu dem erzeugen, was über­tragen wird. „Übertragen“ – spannen­des Wort, dieses Synonym von „übermitteln“, „weiterleiten“, ­„darstellen“. Wenn ein Inhalt gut präsentiert, überzeugend vermittelt wird, sagt dies dennoch nichts über seine Wahrheit aus.

Wahrheit ist eine ganz andere Dimension. Und hier sind wir an dem Punkt, an dem ich die Sensibilität, die Empfindlichkeit des Freundes gut nachvollziehen kann. Sehr häufig haben sich in der Geschichte Lügner, Betrüger und Demagogen der medialen Inszenierung bedient, um ihre skandalösen, mörderischen und unmenschlichen Ideen in Botschaften an „das Volk“ zu verkleiden. Und in den virtuellen Medien von heute machen ihre Erben ­munter weiter.

Es ist gut, sensibel und kritisch alles zu betrachten, was einem präsentiert wird, ob bei Twitter, auf Facebook oder in den Fernsehnachrichten. Die Seriosität der Information ist zumeist im ­Detail zu erkennen, im Verzicht auf Urteile, in der beschreibenden ­Haltung des Absenders: „Wir stehen vor dem Kanzleramt. Die Kanzlerin, so ließen uns Vertraute wissen, habe den Eindruck, ­es gebe gewisse Fortschritte im Dialog mit den europäischen ­Partnern.“ Der Freund: „Klingt langweilig, aber echt. Echt langweilig. Maßvoll inszeniert.“ Na dann...

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Lesermeinungen

Eine Inszenierung ist immer auch eine Manipulation. Selbst Fakten kann kann man so darstellen wie man will. Wozu gibt es denn die Photosoftware?? Es gibt keine Zeitung, keine RTL-Sendung, die ohne eine Bilder -Software auskommt. Was in der Werbung normal ist, ist im Zweifel auch in den Nachrichten angekommen.

Luegenpresse ist das falsche Wort. Darf man dafür Manipulation sagen? Nach dem Stinkefinger vom Böhmermann ist ja künftig jedes Bild suspekt. Wird der Schwindel entlarvt, war es eine Satire. Die Meinung eines Journalisten ist auch immer der Versuch einer Manipulation. Umso mehr, wenn der Leser nur eine Information hat oder haben will. Das Publikum in den (allen?) Talkshows bekommt die Aufforderung zum Klatschen. Wer nicht gehorcht muss raus. Selbst erlebt. Oder das Klatschen, der brausende Beifall wird eingespielt. Obwohl nicht vorhanden, wird dem Zuschauer eine allgemeine Zustimmung vorgegaukelt. Der glaubt dann, allein mit seiner Meinung zu sein. So wird Mainstream erzeugt und manipuliert. Wenn nicht gelogen, was ist das dann?