Lob und Kritik in der Schule

Warum Neugier und Ferien im Leben unverzichtbar sind
Der Chefredakteur von Chrismon, Arnd Brummer

Foto: Sven Paustian

Der Chefredakteur von Chrismon, Arnd Brummer

chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer über Schule aus der Perspektive seiner Nichte - und ihrer Lehrerin

Wie geht’s? „Ganz gut“, murmelt Leni. „Gott sei Dank sind Ferien.“ Ferien aus gegebenem Anlass – Weihnachten, Skifahren, Ostern, Pfingsten, Sommer oder Herbst. Durchatmen, zusammen etwas unternehmen, feiern, ausschlafen. Und vielleicht das Wichtigste: raus aus der alltäglichen Ordnung mit immer gleichen Abläufen und Gesichtern. „Da hast du recht“, meint die Nichte nun deutlich lebhafter. „Was bin ich froh, dass ich die Stückler (Name erfunden) eine Weile nicht sehe. Das ist unsere Klassenlehrerin. Und die hat uns wieder eine Predigt gehalten!“

Eine Lehrerin predigt? „Und wie! Wenn wir nach den Weihnachtsferien nicht endlich ordentlich arbeiten würden, dann würden die Prüfungen für uns alle eine peinliche Sache. Wir seien das faulste Pack, das ihr in zwanzig Jahren als Klasse vor die Nase gesetzt worden sei.“ Ist diese Frau Stückler immer so? Leni nickt mit vorgeschobener Unterlippe. „Neulich hat sie gesagt, ihr Beruf sei eine Strafe. Wenn sie gewusst hätte, dass es junge Leute wie uns gäbe, hätte sie was anderes studiert. Die kann einem morgens um acht den Tag kaputt machen. Ich bin froh, dass wir sie nur am Mittwoch schon in der ersten Stunde haben.“ Leni unterbricht sich – Themenwechsel: „Lass uns lieber über etwas anderes reden. Hast du dir schon neue Skier gekauft?“ Habe ich noch nicht. Aber wenn ich es wollte, würde ich selbstverständlich die Slalomartistin Leni um ihre ­Meinung bitten. Leni schmunzelt: „Slalom ist fast wie Schule. Wer am besten Probleme umkurven kann, gewinnt. Zum Glück steht aber die Stückler nicht fünfzigmal auf der Piste.“

Zwei Tage später: Neujahrskonzert des örtlichen Harmonika-Orchesters. Ich bin spät dran und habe einen Mittelplatz. Meine Nebensitzerin ist eine freundliche und durchaus attraktive Frau in den Vierzigern. „Keine Ursache“, kommentiert sie freundlich und lässt mich vorbei. In der Pause kommen wir ins Gespräch. „Das tut doch richtig gut, so schöne Musik und freundliche ­Menschen um einen herum. Ferien!“ Ferien? Geht sie denn noch zur Schule? Nein, sie ist Lehrerin. An der Gesamtschule hier im Städtchen. 

"Dieses ständige Loben halte ich für falsch. Sie sehen das anders?"

Ich lade sie auf ein Gläschen Sekt ein und stelle mich vor. „Stückler“, antwortet sie. Irgendwie hat sie an meinem Gesicht erkannt, dass mir ihr Name etwas sagt. Sie fragt: „Und?“ Runzelt die Stirn. Was soll ich antworten? Soll ich Leni erwähnen? ­Oder gar erzählen, was sie mir berichtet hat? Oder soll ich lügen? Was man ja darf, wenn es zum Wohle aller Beteiligten ist. Ich wähle den Mittelweg. „Ihr Name ist mir nicht unbekannt.“ Nachbarn und Freunde hätten Kinder auf der Gesamtschule.

Das war doch die Feuerwehr-Polka von den Original Ober­krainern, die das Orchester vor der Pause intoniert hatte? Mein Versuch, das Thema zu wechseln, scheitert. „Kennen Sie nur meinen Namen? Oder hat man Ihnen auch etwas über mich erzählt? Sie müssen wissen, dass ich ein furchtbar neugieriger Mensch bin. Wäre ich nicht Lehrerin geworden, würden Sie mich heute sicher bei der Kriminalpolizei finden.“ Sie lacht prustend. Ein Scherz!  

Wieder in der Not. Was tun? Was nun? Ich könne mich nicht an Details erinnern, antworte ich. Sie sei aber offenbar, wenn ich es mir richtig gemerkt hätte, eine sehr engagierte Pädagogin.

Im Himmel sind die Allerletzten

Kleine Geschichten über die großen Themen des Lebens. Mal nachdenklich, meistens heiter, hintergründig und geistreich berichtet chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer von Begegnungen und Beobachtungen, die nur scheinbar alltäglich sind. Wagt man mit Arnd Brummer den Blick hinter die Oberfläche, erschließen sich tiefe Einsichten in die großen Themen des Lebens.

Bei der edition chrismon erhältlich (über die Hotline 0800 / 247 47 66 oder unter www.chrismonshop.de).

„Das ist sehr freundlich formuliert. Ich kann ein ganz schön harter Brocken sein. So verstehe ich auch meinen Job. Ich will, dass die jungen Leute etwas erreichen. Und da bedarf es manchmal auch einer gewissen Strenge und Klarheit. Wenn die Jungs und Mädels nix auf die Reihe bringen, dann kriegen sie das von mir gesagt. Dieses ständige Loben, was manche Kollegen praktizieren, halte ich für falsch. Frei nach dem Motto: Das war wirklich gut, ich kann dir aber leider nur vier Punkte geben. Unsinn!“ Sie hebt das Glas zum Anstoßen. „Auf Ihr Wohl! Sie sehen das anders?“

Der Gong ertönt, die Pause ist rum. Ich bin erleichtert. Und dennoch: Ich finde, die Frau hat was. „Lassen Sie uns das Gespräch bei Gelegenheit fortsetzen“, schließt sie ab. „Ich bin wirklich neugierig. Nicht nur auf das, was man über mich erzählt, sondern auf Ihre Einschätzung. Prost Neujahr!“ Wir werden uns treffen. Denn ich bin auch neugierig. Sonst hätte ich diesen Beruf nicht ergriffen.

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Lesermeinungen

Was verstehen Sie unter Trost ? "Wie eine Mutter ihr Kind tröstet ". Vergebung. Liebe. oder
"Hilf dir selbst , so hilft dir Gott." Wie wollen Sie mir helfen ?
Sie helfen doch nur sich selbst. das ist alles.
Glaube, Liebe, Hoffnung, bla, bla, bla.
Wenn Sie ihrer Nichte helfen, so tun Sie viel für ihre Seele.

Wenn Sie mit dieser Lehrerin sprechen, so tun Sie viel für Ihre Seele. Ansonsten sind Frauen verlorene Wesen, wenn Sie allein aufwachsen. Christliche Frauen kämpfen um ihr Überleben.
Aber vielleicht ist das lediglich mein katholisches Erbe ?
Ich bin gezwungen unterwürfig zu leben. Aber ich sterbe lieber, als so zu leben.
Wollen Sie mir helfen, oder lassen Sie mich im Stich ?
Ich bin voller Scham, aber ich weiß mir nicht anders zu helfen.
Als ich in Ihrer Redaktion anfragte, um meine Geschichte preis zu geben, wimmelte man mich, weiblicher Seits, mit der Begründung ab, nur freien Journalisten den Vorschub zu geben.
Wie steht es hier um Ihre journalistische Neugier ?
Keine einzige Anfrage darüber, was ich zu berichten habe. Eine rüde Absage, mehr nicht. Christlich ? Das verstehe ich nicht.
Falls Sie es für unwürdig halten, dass ich mich so offen äußere, so kann ich nur erwidern, dass der Kreuzweg Jesu, in heutiger Zeit, ein um vieles würdeloserer Weg ist, das Christentum zu legitimieren.
Kermanis intellektuelle Einlassung hebt das Christentum aus seiner würdelosen Niederung heraus. Ein Dank an ihn.
Seine Rede im Bundestag habe ich nicht mitbekommen, mein Überlebenskampf als Individuum war zu groß, meine
finanziellen Mittel zu gering, um sorglos dem Geschehen zu folgen.
Würde als Christ im heutigen Deutschland ? Ein Nischendasein, mehr nicht, gesellschaftlich erwünschter Konformitätsrückzug ins Private.
Was, frage ich mich, geht in einem Land vor sich, das das Groß der Bevölkerung aus dem politischen Geschehen ausschließt, um anschliessend zu behaupten, die Bevölkerung mache nicht mit , oder sie sei desinteressiert, bzw. überdrüssig ? !
Aus meiner Perspektive, ist die Bundesrepublik ein Land, das willkürlich regiert und völlig sich selbst überlassen bleibt, s.d. gewisse politische Kreise völlige Freiheit geniessen.
Neugier allein reicht nicht aus, um ein guter Journalist zu sein, finde ich.