Demokratie im Fußball

Wie viel Demokratie verträgt der Vereinsfußball?
Das Beispiel Michael Oenning beim HSV zeigt: nicht viel!

Da ist sie, die erste Trainerentlassung der Saison 2011/2012. Pünktlich zum Start unseres Blogs, verrückt. Wettanbieter sind zynisch, sie hatten damit gerechnet, dass es Michael Oenning beim HSV erwischen könnte. Wer darauf gesetzt hatte, dass der Hamburger Trainer als erster der Erstligatrainer gehen muss, bekommt nun einen eher bescheidenen Gewinn.

Der kühle Blick der Analysten. Sie behielten Recht, Oennings Scheitern war absehbar. Aber keine Angst, es kommt jetzt keine Taktikschelte. Eine andere Frage ist viel interessanter: Wie viel (Basis-)Demokratie verträgt der Profifußball?

Der HSV ist ein e.V., immer noch: ein eingetragener Verein. Andere Vereine haben ihre Profiabteilungen längst ausgegliedert, Werder Bremen zum Beispiel - ein Klub, dessen Marketingstrategen klug auf das Kuschelimage abheben - auf die "Werder-Familie". Mit einem strengen Familienvater, Klaus Allofs, Geschäftsführer der "SV Werder Bremen GmbH & Co KG aA". An der Weser haben einige Wenige das Sagen. Kritiker monieren, das sei der kalte Atem des Kapitalismus, der den Fußball kaputt mache. Aber mit Blick auf den HSV muss man wohl eher sagen: das sind professionelle Strukturen.

Beim HSV nämlich reden alle Mitglieder mit. Sie wählen den Aufsichtsrat, der bestimmt den Vorstand - und der entscheidet, wer Trainer ist. Da sind wir wieder bei Michael Oenning. Der nämlich wurde im März Cheftrainer, zuvor war er - unter Armin Veh - Cotrainer. Oenning war bei seiner ersten Station als Cheftrainer in Nürnberg krachend gescheitert. Der Aufstieg aus der 2. Liga sei ihm nur gelungen, weil er wiederum einen guten Assistenztrainer an seiner Seite hatte, sagen viele Club-Fans. Der Co, Peter Herrmann, verließ den Verein gen Leverkusen, und mit Nürnberg ging es bergab.

Dass er in Hamburg wieder Chef wurde, hatte vielleicht auch nicht viel mit seinen Fähigkeiten als Trainer zu tun. Vielmehr stand er für die Sehnsucht der Verantwortlichen, einen jungen, modern denkenden Trainer zu haben - wie Jürgen Klopp in Dortmund. Ein Trainer, der lange im Amt sein würde, Kontinuität war das Zauberwort.

Und zwar von Carl-Edgar Jarchow, dem Mann, der im März den Vorstand des HSV übernahm. Weil sich der neu gewählte Aufsichtsrat des HSV nicht dazu durchringen konnte, den Vertrag mit Bernd Hoffmann zu verlängern. Zur Erinnerung: Den Aufsichtsrat wählen Fans, und unter ihnen gibt es in Hamburg mächtige, sehr gut organisierte Gruppen wie die "Chosen Few", die wenigen Auserwählten. Sie mochten den Wirtschaftmann Hoffmann nicht, der lieber mehr wie Werder sein wollte - und die Profiabteilung gern ausgegliedert hätte. Also brachten sie ihre Kandidaten durch, die Hoffmann stoppten.

Man kann es auch positiv wenden: Beim HSV gestalten die Fans das Vereinsleben aktiv mit. Wo gibt es das sonst noch, im Profifußball? Vermutlich nicht mal beim FC St. Pauli, dem Lokalrivalen, der so viel auf sich hält, wenn es um demokratische Strukturen geht.

Im Ergebnis aber steht: Der HSV ist Tabellenletzter. Die Grabenkämpfe zwischen den Modernisierern, die Hoffmann folgten, und den Traditionalisten, die für ihren Universalsportverein kämpfen, spalten den stolzen Klub. Einen kann sie nur der schnelle Erfolg, den die Hamburger bitter nötig haben: Nach sechs Spielen haben sie nur einen einzigen Punkt, weil Michael Oenning nicht nach sportlichen Gesichtspunkten Trainer geworden war - sondern in Abgrenzung zum früheren Klubchef Bernd Hoffmann, der viele Trainer verschlissen hatte.

Ironie des Schicksals: Nun hat der neue Vorstand die erste Trainentlassung der Saison zu verantworten.

Der Fußball ist eben nicht wirklich für die Demokratie geschaffen.

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Lesermeinungen

Ich bin ein Stück weit irritiert so einen Kommentar in einem "evangelischen Online-Magazin" zu lesen. Das trifft es genau auf den Punkt. Der HSV ist ein gespaltener Verein und das schon seit Jahren. In all den Hamburger Zeitungen, die sich mit vollbesetzten Sportredaktionen tagtäglich um den HSV kümmern, sucht man solche Artikel leider vergeblich.