Im Vertrauen: Entschuldigung

Was ist eine Entschuldigung wert? Und warum fällt sie den meisten Menschen so schwer?

"T'schuldigung!" ­ "Nein, ich entschuldige nicht!": Das wäre mal ein überraschender Dialog. Einer, der ein Ende macht mit gedankenlosen Gemeinheiten und leichtfertigen Entschuldigungen. Heutzutage trampelt man ja gelegentlich ganz gern auf den Zehen und Seelen seiner Mitmenschen herum und kommentiert solche Rücksichtslosigkeit dann mit einem lässigen "Dumm gelaufen" oder ­ wie in einem bayerischen Sketch ­ damit, dass man auf die Forderung nach einer Entschuldigung antwortet: "Warum? Ich habe doch ,öha' gesagt!"

Vielen Menschen fällt es nicht leicht, sich zu entschuldigen. Elton John hat es unnachahmlich gesungen: "Sorry seems to be the hardest word" ­ Entschuldigung ist wohl das schwerste Wort. Es setzt voraus, dass jemand eine ordentliche Portion Wahrnehmungs- und Einfühlungsvermögen besitzt und spürt: Hier ist etwas grundsätzlich schief gelaufen. In einem zweiten Schritt ist die unangenehme Einsicht dran: Ich höchstpersönlich habe etwas falsch gemacht und einen Menschen getroffen, gekränkt, verletzt. Solche Selbsterkenntnis kratzt am eigenen Ego. Man ist doch nicht so toll und unfehlbar, wie man gemeint hat. Ärgerlich, das auch noch zugeben zu müssen!

Hat man es schließlich doch geschafft, sich voller Reue zu entschuldigen, dann ist längst nicht sicher, dass der andere verzeiht. Auch das macht es schwer, sich einen Ruck zu geben. Man kann sich eben nicht selbst entschuldigen, auch wenn es so klingt: "sich" entschuldigen. Nur der, den man geärgert, gekränkt oder verletzt hat, kann die Angelegenheit als erledigt betrachten.

Der Chef, der mich in einer wichtigen Frage übergangen hat, muss neu um mein Vertrauen werben. Wer mit dem Partner ein freies Wochenende verabredet hat und ihn wegen zu viel Arbeit schmählich versetzt, wird möglicherweise trotz Entschuldigung eine Zeit lang auf die Versöhnung warten. Ein Kind, das die Eltern voll Wut angeherrscht haben, lässt sich nicht gleich wieder knuddeln. Zur Fähigkeit, sich zu entschuldigen, gehört das Verständnis, dass der andere Zeit braucht, um die Kränkung zu verarbeiten.

Trotzdem bedeutet den Opfern eine Entschuldigung unendlich viel. Als Willy Brandt vor über dreißig Jahren vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos in die Knie ging, bewegte das Millionen. Die Entschuldigung des Papstes für Verfehlungen der katholischen Kirche gegenüber den Juden ging zwar manchem im Jahr 2000 nicht weit genug, wurde aber immerhin von vielen Zeitgenossen als Anfang begrüßt.

Ich selber kann und will nur entschuldigen, wenn ich spüre, dass der andere es ernst meint.

"Es tut mir Leid" heißt: Ich erahne den Schmerz, den ich dir zugefügt habe, dein Leid verursacht nun mir Leid. Einer muss spüren, was er dem anderen angetan hat. Beim so genannten Täter-Opfer-Ausgleich haben beide Seiten Gelegenheit, sich nach schweren Konflikten oder gar Straftaten neu zu begegnen. Die persönliche Auseinandersetzung unter Beteiligung unparteiischer Dritter macht es möglich, sich auszusprechen, eine Entschuldigung vorzubringen und sich um Wiedergutmachung zu bemühen. Immer allerdings wird das nicht gehen. Es gibt Taten, Verbrechen, die so folgenschwer sind, dass einer nie darüber hinwegkommt. Mit dieser bitteren Erkenntnis müssen dann Täter und Opfer weiterleben.

Ich selber kann und will nur entschuldigen, wenn ich spüre, dass der andere es ernst meint. Sonst kommt zu der ursprünglichen Verletzung noch eine zweite hinzu: das Gefühl, nicht für voll genommen, für fremde Zufriedenheit missbraucht zu werden. Wer spürt, dass die Entschuldigung mit echter Reue verbunden ist, der kann leichter verzeihen.

Eine Freundin hat mir eine CD geschenkt, auf der nur Titel versammelt sind, die Entschuldigung ausdrücken. Darunter Brenda Lee, die ihr "I'm sorry" kräht, Nat King Cole, der einschmeichelnd fragt "What can I say after I say I'm sorry?", Bonnie Tyler, die verlegen "Blame me" krächzt ­ gib mir die Schuld. Meine Freundin hat mir die CD stellvertretend geschenkt, weil sie fand, dass sich eigentlich ein anderer bei mir zu entschuldigen hätte. Eine Kollektion von poppigem Schuldbewusstsein mit einem weißen Zettelchen zum Signieren. Eine nette Idee. Aber so einfach geht es eben nicht. Wer mich belügt und betrügt, der kann nicht damit rechnen, dass ich von jetzt auf nachher verzeihe. Schließlich ist nichts mehr so, wie es vorher war. Ich muss mich neu sortieren und orientieren, um mit dem Schmerz fertig zu werden. Vorschnelle Vergebung schadet jeder Beziehung, weil zu vieles dabei ungeklärt, unbesprochen bleibt.

"Gott vergibt, Django nie" heißt ein Western. Ein ziemlicher Schwächling, dieser Cowboy. Denn stark muss man sein, um verzeihen zu können. In einer der biblischen Geschichten um Jesus fragt Petrus: "Wie oft muss ich denn meinem Bruder vergeben? Genügt es siebenmal?" Jesus antwortet weise: "Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal." Das ist ein Hinweis auf den nötigen Kraft- und Zeitaufwand, auf die Intensität von Vergebung. Wir sind mit unserer Lebensgeschichte oft so verletzbar, dass wir uns gegen Angreifer wehren müssen. Alte Wunden sollten erst verheilt sein, bevor man ehrlich verzeihen kann.

Erst wenn ich ein kräftiges Ich besitze, wenn ich stark genug bin, um mich nicht durch andere als bedroht zu empfinden, kann ich vergeben ­ und wenn mir innerer Frieden für das Weiterleben mit anderen unverzichtbar ist. Entschuldigung? Klar doch.

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