Schrei nicht so!

Streit muss manchmal sein. Es ist gut, sagt Susanne Breit-Keßler, wenn man sich selber kennt und weiß, wie man reagiert

Wochenende! Kaum sind Andreas, Bettina und ihre beiden halbwüchsigen Kinder aufgestanden, gibt es Krach. Wer bringt das Altpapier weg? Lara? Oliver? Ich nicht! Warum hat niemand an Getränke gedacht? Das letzte Mal war ich es, der vier Kästen geschleppt hat – nicht schon wieder! Das Bad gehört geputzt. Dann tu’s doch! Jeder hat hoch gespannte Erwartungen – und die werden oft enttäuscht. Es gibt Krach. Soll man den in der freien Zeit nicht lieber vermeiden?

„Streiten hat seine Zeit“, heißt es in der Bibel (Prediger 3,8). Offenbar ist es normal, zu bestimmten Zeiten aneinanderzuge­raten. Wichtig ist, zu verstehen, wer da streitet, welcher „Streittyp“ man selbst oder die andere ist. Manche Leute werden laut, wenn sie wütend sind. Wenn Andreas mahnt: „Schrei nicht so!“, schallt Bettinas Stimme erst recht bis zum Nachbarhaus. Sie braucht ihre Wut und weiß, dass die nicht lange anhält. Aber kann Andreas sicher sein, dass sie wieder wegkommt von ihrer Rage?
Vielleicht hat er als Kind zu Hause Streit erlebt; ängstlich, weil er nicht wusste, was aus dem Streit wird. Es kann sein, dass er mit ansehen musste, wie die Eltern sich schlagen, und er sich vor so einer Eskalation fürchtet. Oliver verkriecht sich, wenn es Streit gibt. Das bringt die anderen auf die Palme. Sie wissen nicht: Was ist in dem stummen Fisch los? Ist er traurig oder wütend? Haben wir was falsch gemacht? Können wir uns entschuldigen?

Wer richtig streiten will, muss sagen, was los ist – gerade wenn Zeit ist. Schrecklich dagegen der Satz: „Mit dir rede ich kein Wort mehr.“ Lara kann das nicht passieren. Manchmal tickt sie lange friedlich vor sich hin wie ein Küchenwecker. Auf einmal schrillt sie los und die Familie reibt sich verwundert die Augen, woher diese geballte Ladung an Aggression kommt. Schwierig, zu reagieren, weil niemand Ahnung hat, worum es eigentlich geht.

Die Teenagertochter wütet - an Alltäglichkeiten entzündet sich der Streit

Hinter solchen Ärgernissen steckt tiefsitzender Groll. Die Teenagertochter schimpft: Warum habt ihr so wenig eingekauft? ­Wieder bloß Reste – und das am Sonntag! Dahinter steht: Ihr denkt nicht an mich – ihr gönnt mir nichts! An Alltäglichkeiten entzünden sich Streitereien, die die Sehnsucht zum Inhalt haben: Nimm mich wahr, schenk mir deine Zeit und deine Liebe. Über all das muss man in einer Familie reden, um sich zu verstehen.

Am Wochenende zusammen ins Kino gehen, einen Ausflug machen oder die Großeltern besuchen? Mal wird man das gerne machen, mal braucht man Raum für sich alleine. Weiß und spürt man das, kann man miteinander nach guten Alternativen suchen. Oder, wenn es sein muss, konstruktiv darum streiten: zuhören und einander ausreden lassen, die Meinung des anderen wenigstens achten, auch wenn es schwerfällt.

Gelegentlich spürt man: Dies ist ein schlechter Zeitpunkt für einen Streit. Ich würde Dinge sagen, die ich nie wieder zurücknehmen kann. Das ist manchmal so, wenn man gerade mitten ins Herz getroffen wurde. Wohl dem, der das merkt und den Streit verschieben kann. Gut, sich auch in einer solchen Situation mitzuteilen und der Familie zu sagen: „Lass uns bitte später darüber reden.“

Wochenende: Der Samstag ist der letzte und der Sonntag der erste Tag der Woche. Man könnte am Samstag wie früher Hausputz veranstalten – im eigenen Inneren die Woche abschließen, aufräumen mit allem, was noch herumliegt an Gedanken und ­Gefühlen. Auch mal Klartext reden in der Familie, am besten zu einer festgelegten, für alle passenden Zeit. Der Sonntag könnte dann richtig schön frei sein – um alleine und miteinander das Leben zu genießen.
 

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