Eltern ehren, das geht in Ordnung

Aber gilt das auch für die Schwiegermutter oder die neue Freundin des Bruders?, fragt Susanne Breit-Keßler

Alexandra hat kurz nach ihrem 45. Geburtstag den Mann des Lebens gefunden. Bernd ist das, wovon sie immer geträumt hat. Noch dazu hat er ihr einen richtig schönen altmodischen ­Antrag gemacht. Die Hochzeit soll im Sommer stattfinden. Kurz vor Ostern sagt Bernd: „Es wird Zeit, dass ich dich meinen Eltern vorstelle.“ Alexandra freut sich. Aber in ihrem Alter noch Schwiegereltern? Mit dem Gedanken hatte sie eigentlich abgeschlossen. Bernds Geschwister, stellt sich heraus, werden beim sonntäglichen Kaffeetrinken auch noch dabei sein.

Alexandra sitzt vor selbst gebackenem Kuchen und gutem Geschirr. Bernds Vater ist ein liebenswürdiger alter Herr. Aber seine Mutter! Eine ehemalige Ärztin, die alles besser weiß und ständig neue Fragen stellt. Alexandra kommt sich vor wie bei einem Quiz. Der Bruder redet nur über sein neues Motorrad, die eine Schwester ist stumm wie ein Fisch. Die andere gibt spöttische Kommentare über Bernds frühere Freundinnen von sich. „‚Familienbande‘ hat einen Beigeschmack von Wahrheit“, sagte der Schriftsteller Karl Kraus doppeldeutig. Oder doch eher eindeutig?

Die eigenen Eltern zu ehren, wie es das vierte Gebot rät, ist einem ins Herz geschrieben. Aber: Muss man deswegen auch die Familie des Partners, der Partnerin ehren? Oder den Mann der Lieblingsnichte, diesen Aufschneider? Wie viel Kraft kostet es, „fremde“ Verwandte zu mögen? Könnte man solche „Mitgift“ – auch so ein zweideutiges Wort – nicht weitgehend außen vor lassen und sich bis auf unvermeidbare Familienfeiern nur mit denen treffen, die man wirklich liebhat? Man kann. Aber der Preis ist hoch – ein Teil des Lebens des anderen bleibt damit ausgesperrt. 

Es ist wichtig, Eltern und Geschwistern ausreichend Raum zu geben im gemeinsamen Leben

Eltern und Geschwister des Partners gehören untrennbar zu seiner Biografie dazu. Ob man von ihnen inflammiert ist oder nicht: Sie sind Geschichte und Gegenwart des anderen im Guten wie im Schweren. Das Miteinander und Gegeneinander von Eltern und Geschwistern in Kindheit und Jugend prägen nach wie vor. Wenn zum Beispiel die älteste Schwester alle Strenge abbe­kommen hat und der Jüngste sich jede Freiheit nehmen konnte, dann hat das Auswirkungen bis heute. Ein Einzelkind, das immer alles recht machen musste, darf sich wie seine neue Partnerin beim österlichen Kaffeeklatsch besonderer Aufmerksamkeit ­sicher sein.
Wer die Familie des anderen respektiert, ein waches Auge und ein offenes Ohr dafür hat, wie und warum er, sie im Lauf der Jahre geworden ist, dafür, was sich heute noch bei Begegnungen alles abspielt zwischen Eltern und Kindern, erfährt mehr über seinen Partner. Es ist gut, sich gegenseitig Geschichten aus „früheren Zeiten“ zu erzählen, alte und noch nie mitgeteilte. Es ist wichtig, Eltern und Geschwistern ausreichend Raum zu geben im gemeinsamen Leben – ohne dass sie dominieren. Und was die anbelangt, die „neu“ in eine Familie hineinkommen wie der Mann der Nichte: Immerhin liebt sie ihn doch, oder? Man sollte ihm eine Chance geben...

Familienbande: Man muss wirklich nicht gleich alle lieben. Aber ehren bedeutet, zu verstehen, was diese Familie, dieses Paar ausmacht – voll freundlicher Offenheit, mit der nötigen kritischen Distanz. Zum Ehren gehört manchmal auch die Auseinander­setzung, will man Konflikte nicht verschweigen, sondern konstruktiv bearbeiten. Letztlich macht es einen selber zufriedener, die „Familienbande“ so zu nehmen, wie sie ist: eine aufregende Gruppe von Persönlichkeiten, die immer wieder neue aufnimmt – ­einen selbst schließlich auch! Und aus der das Liebste kommt, was man hat – der eigene Mann, die eigene Frau.
 

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Lesermeinungen

Franz Josef Neffe (nicht überprüft) schrieb am 2. August 2011 um 0:52: "Du sollst die Kräfte & Talente Deiner Eltern achten und anerkennen" ---------------------- Klar, die unmissverständliche Anerkennung des väterlichen Talents, kräftige Watschen auszuteilen, war schon immer Grundlage des Erziehungserfolges hergebrachter Schule. Seitdem die Handgreiflichkeiten in Verruf und deren Ersatz durch diverse Tricks aus der Psychokiste zu Ehren gekommen sind, müssen die lieben Kleinen eben die elterlichen Kunststücke auf diesem Felde achten und anerkennen. ---------------------- Zitat: "Und da das in der Gegenrichtung genauso gut klappt, kann auch jederzeit ein Vater oder eine Mutter Freude in den Kräften & Talenten des Kindes auslösen." ---------------------- Und diese im Nachwuchs ausgelöste Freude, endlich dem ungeliebten Nachbarjungen die Playstation zertrümmert zu haben, löst dann im Gegenzug große Freude bei Papi und Mami aus, die den Schaden dann ersetzen müssen. Es geht eben nichts über die Betrachtung der Welt als Betätigungsfeld lauter grandioser Talente, die nur liebevoll geweckt und gefördert werden wollen.

"Wenn ich mit deinen Kräften & Talenten BESSER umgehe als du, mögen sie mich und folgen mir lieber als dir." Das ist nicht nur ein Kernsatz der neuen Ich-kann-Schule, das sehe ich auch als Schlüssel der Ehrung eines jeden Menschen, nicht bloß der Eltern. Ich achte das Gute, das Göttliche in jedem Menschen - auch wenn er selbst das vergessen oder man es ihm ausgetrieben hat. Wenn mich jemand ungerecht behandelt, dann muss er, um dies tun zu können, zuerst selbst seine eigenen guten Kräfte ungerecht behandeln und sie zwingen, mir das Unrecht anzutun. Wie sollten mich seine Kräfte gut behandeln können und wollen, wenn ich sie in meiner Wut noch ungerechter behandle als ihr Besitzer? Wir brauchen doch nur einmal in die Generation unserer Eltern und Groß- und Urgroßeltern konkret zurückzuschauen, was denen alles nicht erlaubt war und wie sie noch dafür bestraft wurden, wenn sie sich "Freiheiten herausnahmen". Die Freiheiten, die wir heute leben, konnten sie nicht an uns weitergeben, da sie ihnen auch niemand gegeben hat. Die ältere Generation hat sie immer erst durch die jüngere kennengelernt. Und so manche eroberte Freiheit entpuppte sich eher als Entgleisung denn als Freiheit. Was uns in der Praxis immer fehlte und was man auch in der Schule nicht lernte, war das ehrliche Interesse an der Persönlichkeit des alten oder jungen Menschen. Wir sind immer noch auf die vorgegebenen Normen und Schablonen fixiert und schauen nur, ob der Mensch den Schablonen entspricht. Statt uns aber ständig gegenseitig in Schablonen zu drängen, in die keiner will und gehört, sollten wir doch einmal gegenseitig unsere Kräfte & Talente ansprechen und ehren lernen. Das würde die Talente beleben und kräftigen und uns dazu. Du sollst Vater und Mutter ehren heißt ganz konkret: Du sollst die Kräfte & Talente Deiner Eltern achten und anerkennen, aufdass Du Dich an der Reaktion dieser Kräfte & Talente erfreuen kannst. Und da das in der Gegenrichtung genauso gut klappt, kann auch jederzeit ein Vater oder eine Mutter Freude in den Kräften & Talenten des Kindes auslösen. Dass dieses lösende Handeln bei manchen erst den Schrott von Verirrungen löst, braucht einen nicht zu irritieren und sollte - ganz im Gegenteil - als richtungsweisender Erfolg gewertet werden. Ich freue mich auf Euren Erfolg. Franz Josef Neffe

Sybille Werner (nicht überprüft) schrieb am 18. April 2011 um 11:32: "Ich habe in meinem Umfeld ein paar Menschen, die auch mit ihren eigenen Eltern keinen Kontakt haben. ... Ich finde das schlimm!!" Das muss überhaupt nicht schlimm sein, wenn Kinder und Eltern keinen Bock mehr aufeinander haben. Schlimm ist etwas ganz anderes. Schlimm ist die von Pfarrerinnen, Psychologinnen und anderen Ratgebern als Selbstverständlichkeit vorausgesetzte Forderung, Eltern und Kinder müssten bis zum Tod der Eltern etwas miteinander am Hut haben. Der vorliegende Artikel treibt diesen gefährlichen Unsinn dann noch auf die Spitze, indem er diese Moral am liebsten auf die gesamte Sippschaft ausdehnen möchte. Oh Schreck lass nach!

Vielleicht gibt es die "Herzensinschrift" wirklich, aber nur dort, wo die Beziehung intakt ist, kann sie auch nach außen sichtbar gelebt werden, ansonsten ist es ein sehr schwieriges und schon immer ein sehr differenziertes Thema gewesen. Der individuelle Zwang, der heute gesellschaftlich auf uns lastet verschlimmert diese Beziehung um eine wichtige Komponente, nämlich die des Du oder Ich, die des Überlebens, der Abgrenzung nämlich von diesen "Herzensansprüchen" auf beiden Seiten, der, zugegeben, ungewollten, Herzlosigkeit als Konseuenz und der Hinwendung auf sich selbst, nicht ohne Schmerz, aber mit einer Entschlossenheit, die paradoxer Weise zu eben der demoskopisch erwarteten Vergreisung führen kann ! Wo wirtschaftliche Interessen wichtiger werden erwächst daraus die narzistische Tendenz der Selbstbehauptung, die jegliche Liebe zugunsten einer egoistischen Einstellung im Keim zu einer Machtkomponente entstehen lässt. Selbstverantwortung und ethisches Empfinden müssten an die Stelle von Gott treten ! Ich will damit auch sagen, dass die Liebe zu den Eltern und die Toleranz, wenn alle Versuche der Verständigung enttäuschend verlaufen, letztlich trotzdem mit einer HERZENSBILDUNG verbunden bleiben, oder/ und dem Glauben an einen liebenden Gott jenseits aller Religionen, ein liebendes universelles Prinzip des Lebens überhaupt, will man nicht sein Menschenbild lediglich einem sich dauernd wandelnden Gesellschaftsbild anpassen oder unterwerfen, und so im Endeffekt zu einem flüchtigen, formbaren Abziehbild des Menschen zu werden.

Ich habe in meinem Umfeld ein paar Menschen, die auch mit ihren eigenen Eltern keinen Kontakt haben. Wie geht das, frage ich mich? Ganz einfach: In der Vergangenheit sind Dinge vorgefallen, wo die Menschen nicht drüber stehen können und auch die Eltern keinen Schritt mehr auf ihre Kinder zugehen können. Ich finde das schlimm!! Wie soll man denn dann erwarten, dass Schwiegereltern anerkannt werden bzw. noch weiter entfernte Verwandte des Partners, wenn z.B. der eigene Partner den Kontakt nicht pflegt? Familienbande ist schon etwas Schwieriges. Ich habe eine Patchworkfamilie und da ist es auch nicht immer leicht, allen gerecht zu werden....so ist es nun mal, aber man sollte wenigstens daran denken, das man nur ein paar Eltern hat, die nicht ewig leben. Hauptsache, man macht sich dann nicht ewig Vorwürfe...

Zitat aus dem Artikel: "Die eigenen Eltern zu ehren, wie es das vierte Gebot rät, ist einem ins Herz geschrieben." Ach ja, da gibt es eine Herzensinschrift? Dann ist das vierte Gebot als Gebot überflüssig. Es ist nur ein Ratschlag für eine Naturgegebenheit. Die lausige Abhängigkeit von den Eltern, in der Kinder sich sowohl in vergangenen wie auch in modernen Gesellschaften befanden und befinden, barg und birgt immer die Gefahr, dass den lieben Kleinen mal die Lust auf die Elternverehrung abhanden kommt. Deswegen legt der moderne Staat fest, dass die groß gewordene Brut finanziell für die Alten aufzukommen hat, wenn die geliebte Marktwirtschaft mit ihrer Altersarmut ihren Verlauf nimmt. Die Vorstellung von der Herzensinschrift könnte also vielleicht irrig sein.

Der Freund meiner Schwester (44 Jahre alt) lehnt unsere Familie ab. So wie er mit seinen Eltern seit Jahren nicht mehr spricht, die Eltern seiner Ex-Frau abgelehnt hat, so vermeidet er jeden Kontakt mit meinen Eltern und meinem Mann und mir. Mit unseren Kindern kommt er gut aus, mit ihnen scherzt und lacht er, aber mit uns Erwachsenen gibt es keine Kommunikation. Ganz zu Anfang war das noch nicht so, aber als er dann auch mal kritisiert wurde, war es, als ob ein Schalter umgelegt wurde und von da an war Schluss. Meine Schwester und er führen eine Wochenend-Beziehung. Die früher üblichen Freitag-Nachmittag-Kaffeerunden mit der ganzen Familie gibt es nicht mehr, wir können uns nur in der Woche treffen, am Wochenende zählt nur die Beziehung zwischen den beiden. Ob er wohl weiß, wie sehr meine Eltern und wir leiden? Ob er weiß, wie sehr er meiner Schwester damit weh tut, die immer wieder Ausreden für ihn erfindet, ihn bei Familienfeiern entschuldigt, sein schlechtes Benehmen, sein demonstratives Schweigen am Tisch erlebt? Es ist schade, dass ein einzelner Mensch so vielen Menschen Schmerzen zufügt, die er eigentlich ehren sollte. Sein Leben kreist nur um ihn und seinen Sport. Gespräche bringen keine Besserung, wir haben es versucht. Er fühlte sich durch unsere Kritik abgelehnt, jetzt gibt es kein Verzeihen oder ein freundliches Miteinander mehr. Schluss. Ende. Vorbei. Wir sind sehr traurig.