Susanne Breit-Keßler über Coaching

"Du musst an dir arbeiten!"
Lehrer, Eltern und Kollegen, Männer und Frauen: Wir coachen und rüsten uns gegeneinander auf

Monika Höfler

Nora empfiehlt Max, ein Life Coaching wegen seiner Eifersucht zu machen. Das, so sagt sie, würde ihn in seiner persönlichen Entwicklung weiterbringen. Nora wiederum lässt sich coachen, um Max ruhiger gegenübertreten zu können, wenn der seine Verlustangst hat. Peter meint, dass er unbedingt einen Personal Trainer braucht: Der Waschbärbauch soll einem Waschbrett ähnlicher werden. Sein Kollege lässt sich währenddessen im Blick auf seine körperliche Fitness beraten – er will um der Karriere willen nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch mithalten können, wenn Peter sich auf Erfolg trimmen lässt. Nadine trainiert mit einem Coach, um ihre Konfliktfähigkeit zu steigern. Sie will die Gespräche mit den Lehrern ihrer Kinder bestehen. Die Lehrkräfte beanspruchen ebenfalls Beratung – die Auseinandersetzung mit Mama Nadine fordert sie jedes Mal richtig heraus.

Überall wird empfohlen, beraten, trainiert, was das Zeug hält. Frauen und Männer, Kollegen und Kolleginnen, Lehrer und ­Eltern rüsten untereinander und gegen- einander auf. Immer geht es noch besser als beim anderen: das Lächeln attraktiver, der Gang selbst- bewusster, das Spanisch fließender. Man kann seine Strategien zum Vorwärtskommen in der Arbeit ausbauen, die Partnerschaft souveräner leben – oder per Coaching überhaupt erst den Richtigen finden! – und die Kinder kompetenter erziehen. „Du musst an dir arbeiten“, sagt man sich streng. Und alle anderen sagen sich das auch. Ein ganzer Wirtschaftsbereich floriert und kassiert – es gibt Somatic-, Mental-, Karriere- und Business-Coaching. Coaching zur Entlastung, Ermutigung und Entwicklung wird angeboten, Talking Time und Life Changing. Jeder gegen jeden.

Am Ende des Tages kennt jeder die Tricks des anderen

Natürlich gibt es Probleme im Leben, Krisen und Herausforderungen, die man am besten mit jemandem besteht, der dazu nachweislich wissenschaftlich ausgebildet ist: eine Seelsorgerin, ein Psychotherapeut, eine Analytikerin, ein Super­visor, ein Coach. Aber ist es wirklich notwendig, sich mit den unterschiedlichsten Methoden und Ergebnisse so trainieren zu lassen, dass am Ende jeder die Tricks der anderen kennt – und selber genauso durchschaut wird? „Der ist gut gecoacht“, sagt man, und damit ist klar: Hier läuft ein einstudiertes Programm, hier kann man parieren. Manchmal braucht man, um ganz für sich allein und ohne Schielen auf andere voranzukommen, gar kein Coaching – Gespräche mit guten Freunden helfen auch weiter. Mit gesundem Menschenverstand, ehrlichen Worten und etwas Barmherzigkeit.

Fuer nahezu alles gibt es mittlerweile Coaches und Berater. Wofuer aber lohnt es sich, sich professionelle Beratung zu holen und wo kann man getrost darauf verzichten? Darüber spricht Hans-Gerd Martens mit Susanne Breit-Kessler.

Denn klar kann man immer etwas an sich verbessern. Ich weiß, dass ich sehr ungeduldig bin, mein räumliches Vor­stellungsvermögen eher begrenzt ist und ich meine Füße beim Stehen immer einwärts drehe. Muss ich jetzt an mir arbeiten, damit ich mit anderen mithalten kann? Einen Coach anheuern, der mich gelassener und 3-D-fähiger macht, dazu meine Haltung korrigiert? Fällt mir gar nicht ein. Schon meine Kinderfotos ­zeigen, wie ich dastehe – es hat mich nicht gehindert, durchs Leben zu kommen. Andere Autos habe ich beim Einparken auch noch nie gerammt. Und meine Ungeduld – da übe ich. Zum Glück haben meine Lieben Verständnis. Wenn man spürt, dass einen die anderen als Gesamtkunstwerk mit Schwächen mögen, ist es leicht zu ändern, was wirklich anders werden muss. Und der Rest? Ach – der macht einen doch einzigartig…

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Lesermeinungen

"Experten suchen händeringend nach Erklärungen" - Zu einem Artikel mit dieser Überschrift habe ich einmal an die Redaktion geschrieben, ob sie denn verrückt geworden seien, uns Leute als Experten unterjubeln zu wollen, die händeringend nach Erklärungen suchen.
Ich denke, es ist langsam Zeit, aufzuwachen und uns bewusst zu werden, dass es bei uns üblich ist, aus jedem Problemchen, das man nicht lösen kann, eine undurchschaubare Wissenschaft zu machen. Das alles schafft nicht Wissen sondern verhindert es.
WISSEN ist nämlich eine angeborene Gabe des Menschen, die es zu erkennen, zu achten und zu entwickeln gilt. Und was lassen wir uns von "der Wissenschaft" auf die Nase binden? Wissen sei nur das, was sie uns auf Papier vorschreibt. Welch ein Unfug!
Wir lassen uns Papierschablonen vorgeben und hineinnötigen und geben uns dem Wahn hin, das sei die bessere Wirklichkeit.
Wir konstruieren eine immer perfektere Papierwirklichkeit und suggerieren, der Mensch sei SCHLECHT, der sich nicht in die vorgeschriebenen SCHABLONEN einfügt.
Je perfekter wir mit unseren Papierschablonen werden, umso größer wird das Chaos in der wirklichen Wirklichkeit dadurch. Es ist wie in Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Irgend ein Kind wird uns demnächst sagen, dass wir alle nackt sind.
Ich freue mich darauf.
Franz Josef Neffe

"Natürlich gibt es Probleme im Leben, Krisen und Herausforderungen, die man am besten mit jemandem besteht, der dazu nachweislich wissenschaftlich ausgebildet ist"
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Ist das so "natürlich"? Im Blick auf Transsexualität scheint die Mehrheit der Gesellschaft in unserem Land der Meinung zu sein, dass es objektivierbare Maßstäbe von Geschlecht gibt und man deshalb zwei Gutachten über sich ergehen lassen muss (durch "Experten"), die einem bestätigen, dass man gute Gründe hat, seinen Vornamen und Personenstand zu ändern.
Doch wissenschaftliche Ausbildung beantwortet einige Grundfragen keineswegs: Warum gibt es Menschen, die intersexuell geboren werden? Warum gibt es Menschen, die transsexuell geboren werden? Warum muss sich der Staat in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen so weit einmischen, dass er Gutachten verlangt, um einen Ausweis ändern zu können? Welche Schutzbedürfnisse hat der Staat, dass er bei transsexuellen Menschen dieses System vorgibt, bei einer Eheschließung, die ebenfalls eine Namensänderung impliziert, aber "natürlich" kein Gutachten vorher verlangt wird - dabei geht ja jede 3. Ehe wieder auseinander und die Folgen einer Scheidung sind oft auch sehr gravierend...
Wieso gehen Gerichte so selbstverständlich davon aus, dass das Geschlechtsempfinden „objektivierbar“ und damit "begutachtbar" ist? Das ist nicht "natürlich", sondern eine Frage des Weltbilds und damit zusammenhängend kritikwürdig.
Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen über solche Fragen nachdenken. In meinem Blog sammle ich dazu Anregungen und Ideen.
Dorothea

Die junge Ärztin Maria Montessori beobachtete Kinder, die von einer Sache so fasziniert waren, dass sie sich stundenlang mit voller Aufmerksamkeit damit beschäftigten. Sie nannte das dann "Polarisation der Aufmerksamkeit". Die Namen ihrer LEHRER hat sie m.W. nicht überliefert.
LEHREN heißt in der neuen Ich-kann-Schule ein mitreißendes Vorbild für LERNEN sein. LERNEN bedeutet: Fährten des Lebens folgen, eigene Erfahrungen sammeln. Kinder sind - solange sie nicht durch Unterricht nach unten gerichtet werden - ausgezeichnete Lerner und in der Folge auch Lehrer.
Wenn uns bewusst wäre, was Lehren & Lernen ist, würden wir uns nicht durch Unterricht diese natürlichen Lebensprozesse immer perfekter erschweren. Wir würden uns nicht ständig selbst und gegenseitig blockieren und ausbremsen, um dann bei jemand Hilfe zu suchen, der uns wieder flott machen soll.
Warum sich ständig perfekter Schwierigkeiten machen, um dann perfektere Hilfen einkaufen zu müssen?
Freundlich grüßt
Franz Josef Neffe

Sicherlich ist es häufig ausreichend und ergiebig, mit guten Freunden zu sprechen, "mit gesundem Menschenverstand, ehrlichen Worten und etwas Barmherzigkeit." Aber zum einen hat nicht jeder gute Freunde mit gesundem Menschenverstand, ehrlichen Worten und etwas Barmherzigkeit. Und zum anderen gibt es doch viele Situationen und Belastungen im Leben, für die weder ich selbst noch meine guten Freunde eine wirklich taugliche Lösungsstrategie kennen. Wenn zum Beispiel die Mutter oder der Vater, die bzw. der im Umgang mit Lehrer_innen immer wieder Angst hat, die Interessen des Kindes nicht gut vertreten zu können, und wenn die Lehrerin, der Lehrer beständig unter dem Druck von fordernden Eltern stehen und sowohl diesen als auch den ihnen anvertrauten Kindern gerecht werden wollen: Warum sollen sie keine professionelle Beratung, auch Coaching, in Anspruch nehmen? Hat die Autorin so viele Beispiele von eher nichtigen Beratungsanlässen in ihrem Umfeld erlebt, wie sie den Eindruck erweckt? Oder einfach nur Vorbehalte gegen Anglizismen? Auch gecoacht kann ich einzigartig sein.

An sich arbeiten hört sich für mich anstrengend an. Für mich
geht es um persönliche Weiterentwicklung. Vor allem wenn mich etwas blockiert. Dann kann ein Coach mit dem neutralen Blick von Aussen die eingefahrene Perspektive ändern und den Weg für Neues aufzeigen.

Jeder gegen jeden an sich arbeitend, scheinbar gut beraten noch dazu. Es wird dabei freilich nur gestorben, gegen den Tod vergebens angestorben. Verzweifelt programmierte Veruntotung, in der Tat. Dies wie ähnliches, selbst wahrhaft suchendes Sterben muß jedoch - zu Tode. Um glaubend neu zu leben (Hebr 2,14f). Wo, Adam, bist du?