Das wird schon wieder

Ob die Freundin, an einem Tiefpunkt ihres Lebens, den saloppen Spruch wohl gern hört? Hinschauen und mitfühlen geht anders

Elias Hassos

Es ist fast dreißig Jahre her: Ich liege in meinem Bett, frisch operiert. Kaum jemand glaubt, dass ich überleben werde. Meine Mutter hält meine Hand, entsetzt darüber, dass sie, selbst todkrank, womöglich ihre Tochter verliert. Ein Besucher kommt herein, ­einer, der von Berufs wegen trösten können sollte. „Wie geht es euch“, sagt der Pfarrer salopp, wiewohl wir uns nicht duzen. Als meine Mutter, ehrlichen Herzens, nur „beschissen“ sagt, trumpft er auf: „Ich habe gerade eine Frau besucht, die im Krieg zwei Söhne verloren hat. Das ist Leid, sage ich euch!“ Wir schweigen. 

Wer mit „Kopf hoch“- und „Wird schon wieder“-Parolen aufmarschiert, der sollte andere mit seinem Trost verschonen. Denn eigentlich schont so jemand vor allem sich selbst – er erspart sich die Auseinandersetzung mit der Situation des Gegenübers. Das kann die heulende Freundin sein, die zum dritten Mal in einem halben Jahr Liebeskummer hat. Es kann der Arbeitskollege sein, der seinen Arbeitsplatz verlor und mit jeder neuen Bewerbung scheitert. Es kann ein Mensch sein, der schwer krank ist und sterben wird.

Wer über die Nöte anderer hinwegplaudert und damit Dis­tanz schafft, tut das oft aus Angst und Unsicherheit. Was passiert, wenn Gefühle anderer auf mich unzensiert einstürmen, wenn sie mich wie eine Wasserwelle mit sich reißen? Wer trös­ten möchte, sollte erst einmal in sich hineinhören und die eigenen Ängste kennenlernen: Fürchte ich mich vor dem Sterben, davor, dass ich einen lieben Menschen verliere? Wäre das ein Sturz ins Bodenlose oder gibt es irgendwo Halt? Was verbinde ich mit der Vorstellung, selbst entlassen, im Alter nicht mehr gebraucht zu werden?

Die guten Tipps für später aufheben - erst mal ist der reine Trost gefragt

Oder ist es so, dass die Freundin wieder nervt? Und der Kollege sich immer die falschen Stellen aussucht? Wichtig ist, einen, der Trost sucht, nicht zu bewerten – denn auch damit hat man sich schon innerlich entfernt. Es entsteht keine echte Nähe mehr, wenn man Urteile darüber fällt, ob und wie berechtigt  Kummer ist. Sie entsteht auch dann nicht, wenn man sofort mit Hilfsan­geboten parat steht: Ich kenne eine vielversprechende Therapie, ­einen sympathischen ledigen Mann, eine tolle Firma für dich... Das kann irgendwann wichtig sein – jetzt, in der Verzweiflung, ist es das nicht.

Wer trösten will, schafft das durch einfühlsames Hinschauen. Was braucht die kranke Mutter? Braucht sie mein Mitgefühl, ein Gebet, meine Tränen? Mein Schweigen, mein stilles Da-Sein? Oder braucht sie eher mein Lachen, meine Energie – dass ich sie fortreiße aus ihrem dunklen Loch? Wenn das Los meines Kollegen mich bewegt, dann höre ich ihm zu, sehe seine Gestik und Mimik und erfahre, was ich wissen muss, um ihm nahe sein zu können. Über Liebeskummer lasse ich mich nicht im Allgemeinen aus, wiegle nicht ab, sondern frage die Freundin nach ihren Schmerzen, nach dem, was sie nötig hat. 

Schön ist es, selbst in schweren Zeiten, wenn man Trostbedürftige nicht allein mit Worten berührt. Mich hat damals noch ein anderer Pfarrer besucht. Ein Freund. Er setzte sich zu mir, hielt eine Stunde lang wortlos meine Hand, legte sie mir behutsam auf die Stirn, als er ging und sagte: „Ich hab’ dich fei lieb.“ Das war ein seliger Augenblick, in dem ich gespürt habe, dass mein Leben kostbar ist und, wie auch immer, nicht verloren gehen wird. Wer so tröstet, der schafft es, dass die ewige Seligkeit, von der der christliche Glaube erzählt, sogar auf bittere Erdentage ihren Abglanz wirft.

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Lesermeinungen

Herzlichen Dank und Gratulation zu diesem tollen Artikel.
Als Betroffener (Krebspatient und derzeit in Strahlentherapie) habe auch ich sehr häufig diese oder ähnliche "tröstende Worte" erhalten. Insbesondere
die Aussagen "Das wird schon wieder!" und auch "........, dann ist ja alles wieder gut" haben mich innerlich sehr aufgewühlt und manchmal auch gekränkt bzw. wütend gemacht

Ich gebe aber auch ehrlich zu, dass ich vor meiner Erkrankung diese "Floskeln" ausgesprochen habe, ohne zu ahnen, welche Wirkung ich bei den Betroffenen ausgelöst habe.

Mir geht es nun darum, wie kann ich diese persönlichen "Erfahrungen" in Verbindung mit ihrem Artikel an mein persönliches Umfeld (Verwandte, Bekannte usw.) weitergeben, ohne dass es bei diesen Menschen in den "falschen Hals" kommt oder sogar missverstanden wird?

... ich kann Ihre Frage nicht beantworten. denn ich schreibe auch gerade aus eigener Betroffenheit, Trost geben zu müssen/wollen, wo es keinen Trost gibt - ausserhalb eigener Erfahrung.
Vermutlich wird das Leben meiner 90-jährigen Mutter allmählich (über Tage, Wochen, Monate, vielleicht ein Jahr) wohl zu ende gehen. Das ist traurig, aber eben auch Teil des Lebens . Am schlimmsten daran ist für mich (als einzige Tochter), dass mein ebenfalls 90-jähriger Vater, schon jetzt in abgrundtiefer Traurigkeit versinkt, die mich mitreißt wie ein Strudel ... und keinen Raum mehr lässt für eigene Gefühle. Oder einen ernsthaften Trost für ihn. Mit ihr - und meiner Trauer - kann ich sein, mit ihm und seiner Trauer nicht. Und Trost kann ich ihm keinen wirklich geben, auch da seine Ur-Trauer (vermutlich) älter ist als ich ...

Eine Chrismon-Leserin

Es tut gut und tröstet, sich im geschriebenen Wort wieder zu finden. Ich bin froh, Ihren Artikel heute gelesen zu haben. Gerade in Zeiten, in denen Trost und Zuwendung bitter notwendig sind, trennt sich Spreu vom Weizen, zeigen Freunde und Bekannte ihr wahres Gesicht. Wir haben uns eine ganze Sammlung von „Das wird schon wieder!“ zugelegt. Fast jeder kommt mit dieser Phrase. Ebenso meinen viele ihre eigenen Erlebnisse, Kenntnisse über oder Wissen von anderen Betroffenen mit Krebskranken und Querschnittsgelähmten zum Besten geben zu müssen. Die Steigerung ist, wenn auch die angebotene Hilfe zur Floskel wird. Das Schlimmste aber ist, wenn uns zu Ohren kommt, wie vermeintliche beste Freunde, sich über uns auslassen. Da muss man sich viele gute Gedanken machen, um das zu verdauen. Der wahre Trost kommt oft aus unverhofften Ecken: von Bekannten oder Fremden. Und er kommt aus der Familie und aus dem Glauben an Gott. So sehr wir uns vom Schicksal geplagt sehen, so gesegnet sehen wir uns, weil wir in diesen Zeiten enger zusammen gerückt sind und Kraft aus unserer Verbundenheit mit der Familie und den Grundfesten des Glaubens schöpfen. Immer wenn wir verzagen, sagen wir uns, dass wo sich uns eine Tür verschließt, sich mehrere öffnen.