Susanne Breit-Keßler über Anspruch und Realität

Beine hoch und Tee trinken

Foto: Monika Höfler

Gewinnen, ganz vorne sein wollen, das ist schön und gut. Aber auch anstrengend – und es klappt nicht immer.

Das neue Jahr hat Fahrt aufgenommen. Hochfliegende Pläne, hohe Ansprüche an sich und andere, Wettkampfstimmung in Schule und Beruf. Die Noten sollen top sein, damit die Kinder in weiterführende Schulen gehen können. Bloß keine Schwächen in der Arbeit zeigen, Krankmeldungen vermeiden, um fit und allzeit bereit zu wirken. Kleinere Operationen werden unauffällig in die Freizeit verlegt, damit keiner mitkriegt, dass man schwächelt.

Im Alltag geht es ständig darum, höher, schneller, weiter zu kommen. Eigentlich einsichtig, oder? Whitney Houstons „One moment in time“ ist in Herzen und Köpfe gepflanzt. One moment in time: Ich möchte einen Augenblick in der Zeit, in dem ich mehr bin, als ich jemals dachte, sein zu können. Ich möchte einen Augenblick, in dem alle meine Träume nur einen Herzschlag weit entfernt sind, und es an mir ist, die Antworten zu geben. One moment in time – and I will feel eternity. Ewigkeit spüren, dann, wenn man Höchstleistungen erbracht und nach endlosen Mühen Erfolg hat. Schon toll.

Immer Höchstleistungen erbringen - das kann Menschen zerstören, sagt Susanne Breit-Keßler im Inveriew

Aber ist es nicht superanstrengend, immer ganz vorn zu ­liegen? Ich kenne Frauen, die sogar sagen, dass sie sich eher vom Balkon stürzen würden, als ungeschminkt aus dem Haus zu gehen. Das ist nicht als Witz gemeint. Perfektion von früh bis spät. Ein permanenter Wahnsinn, der auf Dauer krank macht. Dabei kann Normalität so schön sein! Ohne optische Selbst­kontrolle salopp zum Semmelnholen traben, beim Kinofilm hemmungslos schluchzen, auch wenn die Wimperntusche zerläuft. Gemütlich eingemummelt spazieren gehen, ohne vorher eine Ausrüstung für Nordic Walking zu erstehen.

"Sotschi verfolge ich gemütlich vom Sofa aus"

Wenn man in den Kleinigkeiten locker geworden ist, dann kann man sich gelassen neue, wirklich große Ziele stecken. Das Nachbarkind lernt Chinesisch, geht zum Klavierunterricht und ist ein Ass im Ballett? Na und? Das eigene ist dafür ein Träumer, dessen Kreativität einen immer wieder verblüfft. Vielleicht mag es auch gern basteln und hat es nicht so mit geistigen Höhen­flügen. Eine Freundin von mir hat einen Sohn mit Downsyndrom. Sie schickt mir immer mal wieder Fotos von ihm, weil sie weiß, wie sehr ich ihn mag. Ich habe ihn auch getauft.

Theo spielt mit dem Computer, er lacht einem mitten ins Herz hinein. Wir warten mal ab, was er bei all seiner Förderung ­können wird – und was nicht. So oder so ist er ein wunderbares Menschenkind. Theo ist ganz normal, wie andere Kinder. Nur ein bisschen anders. Es täte so gut, wenn man von den eigenen und fremden aberwitzigen Ansprüchen ein bisschen abrückt und das Leben annimmt, wie es kommt. Ja, ich bin abends oft müde und keinesfalls mehr zu großen Aufschwüngen in der Lage. Bügeln? Heute nicht mehr, tut mir leid.

Falten im Gesicht? Mehr als hundert, aber ich probiere trotzdem nicht jedes Anti-Aging-Produkt aus oder schlucke widerliche Säfte. Ein Friseur, der besorgt auf mein grau werdendes Haupt schaut und mir „Farbe!“ empfiehlt, wird mich als ­Kundin verlieren. Der Kollege ist an mir vorbeigezogen? So what! Ich profitiere von meinem neuen, ungeahnten Freiheitsgewinn und gönne ihm seinen Erfolg von Herzen. Und Sotschi werde ich gemütlich vom Sofa aus verfolgen. Beine hoch, einen Tee dazu – nein, keinen besonders stärkenden. Dabei sein ist alles. Im Leben.

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