Susanne Breit-Keßler Aufräumen, Chaos und Ordnung

Alles da, wo es hingehört

Monika Höfler

Der eine braucht das kreative Chaos, die andere Ordnung und Übersicht. Wie können die bloß in einer Wohnung leben?

Wenn eine Eule mit einer Lerche zusammenlebt, gibt es Schwierigkeiten. Die eine geht spät ins Bett, der andere steht früh auf. Nicht ganz einfach, miteinander Abende zu verbringen und sich am Frühstückstisch gut gelaunt gegenüberzusitzen. Aber glauben Sie mir: Das ist nichts im Vergleich zu den Problemen, die Menschen mit unterschiedlichem Ordnungssinn haben.

Wenn der Typ Chaot auf den Typen Entruempler trifft, ist es wichtig, dass sich die beiden so akzeptieren, wie sie sind, sagt Susanne Breit-Kessler.

Da soll zum Beispiel der Maler kommen. Endlich kann der eine Partner seine künstlerischen Vorstellungen von Farbe in der Wohnung verwirklichen, und sie kann alles ausmisten, was ihr schon längst ein Dorn im Auge ist. Eine wunderbare Möglichkeit für zwei ­Menschen, ihre wahren Ichs aufeinanderprallen zu lassen. Denn flugs zeigen sich die Welten, die zwischen Sammlern oder Chaotinnen auf der einen und Entrümplern oder Aufräumerinnen auf der anderen Seite liegen.

Susanne Breit-Keßler

Susanne Breit-Keßler ist Autorin der Webkolumne "Mahlzeit". Viele Jahre schrieb sie die Kolumne "Im Vertrauen" für chrismon. Bis 2019 war sie Regionalbischöfin des evangelischen Kirchenkreises München-Oberbayern. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie bei der Süddeutschen Zeitung und beim Bayerischen Rundfunk. Mehrere Jahre sprach sie "Das Wort zum Sonntag" in der ARD. Sie war bereits Autorin des chrismon-Vorläufers "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt". Susanne Breit-Keßler ist zudem Vorsitzende des Kuratoriums "7 Wochen Ohne" und Mitglied im Aufsichtsrat des GEP, dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, in dem auch chrismon erscheint.
Monika Höfler


Wer gerne alles aufhebt, Stapel von Zeitungen, Ordnern und Hunderte von Fotos oder Ölfarben in ein Zimmer quetscht, wird verzweifelt sein angesichts der Notwendigkeit, Platz zu schaffen für den Handwerker. Wohin mit all den Sachen? "Ha", triumphiert der andere, "wirf doch den Krempel einfach weg. Braucht eh kein Mensch!" Und ahnt vielleicht gar nicht, wie sehr es den Sammler schmerzt, etwas herzugeben – und den Chaoten, ­alles aufeinanderzustapeln. Hat nicht Gott aus dem Tohuwabohu die ganze Welt geschaffen? Wieso soll man dann aussortieren? Die Aufräumerin seufzt dagegen, wenn ihr jemand beim Wegschmeißen in die Quere kommt. Wie ärgerlich, wenn man den Partner auch noch fragen muss, ob man die ollen Kinderbücher, Faschingskostüme und Jugendbildnisse zum Sperrmüll tragen kann. Manches verschwindet ungefragt...

Der eine räumt auf, der andere schafft Chaos

Der kreative Teil des Paares wird für seinen Ideenreichtum bewundert, der ordnende dafür, neuen Raum geschaffen zu ­haben. Bald ist wieder alles beim Alten. Einer hortet, häuft. Der andere verpackt, wirft weg. Wie man das zusammenbringt? Zwei ­Menschen, die sich lieben, müssen schlicht akzeptieren, dass sie unterschiedlich sind. Es gibt nur klitzekleine Abhilfen: Jeder darf in seinem eigenen Zimmer, wenn er eines hat, machen, was er oder sie will. In Gemeinschaftsräumen ist Ordnung zu halten bis auf die Plätze, die freigegeben sind – der eigene Kleiderschrank zum Beispiel, ihre Schuhputzbox und der Rollcontainer im Wohnzimmer, sein Badezimmerschränkchen und die Kleiderablage. Es gibt Orte, an denen alles daliegt, wo es hingehört, und solche, wo Durcheinander herrschen darf. Jeder hat Entfaltungsmöglichkeiten, keiner wird kleinlich "erzogen".

An dieser Stelle kann ich es gestehen: Ich gehöre zu den ­ständig aufräumenden Entrümplern. Die haben die Neigung, sich moralisch über sammelnde Chaoten zu erheben. Diese Über­heblichkeit habe ich genau in dem Moment abgelegt, als ein von mir sehr verehrter und geliebter Professor zu uns nach Hause kam. Er streifte von uns eingeladen durch die Wohnung. Wohlgefällig nickend betrachtete er den ungeordneten, mit Papieren völlig überladenen Schreibtisch meines Mannes und murmelte: "Hier wird richtig gearbeitet!" Als er meinen sah, picobello aufgeräumt, alles Kante auf Kante gelegt, rief er spontan entsetzt: "Was für ein Dilettant sitzt denn hier?!" Diese herbe Charakterisierung nahm er natürlich anschließend zurück – aber mir war das eine Lehre. Ich bin genauso ordentlich wie vorher. Aber ich bilde mir besser nichts mehr darauf ein.

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Lesermeinungen

DANKE für den herrlichen Artikel, er spricht mir, einer von sammelnder Chaotin zur 'Dilettantin' mutiertenQ Leserin aus der Seele - vielleicht hat auch hier alles seine Zeit ? :-)