Überraschungen mag nicht jeder

Damit hast du nicht gerechnet!
Theologin Susanne Breit-Keßler

Monika Höfler

Die Theologin Susanne Breit-Keßler antwortet auf Fragen, die uns bewegen

Überraschungen sind was Wunderbares. Wenn sie passen. Denn es gibt Menschen, die lieber wissen wollen, was auf sie zukommt

Hanna liebt Überraschungen. Solche, die andere sich für sie ausdenken. Und die, die sie ihren Mitmenschen leidenschaftlich gerne bereitet. Geburtstag, Taufe, Konfirmation, Trauung, ein ­Jubiläum – Hannas Einfälle sind schier unerschöpflich. Bei frisch verheirateten Freunden steht sie am Samstagmorgen plötzlich vor der Tür, um ihnen die Schuhe zu putzen. Sie dürfen ­währenddessen frühstücken gehen. Der Nachbarin, die im Urlaub ist, gießt sie die Blumen. Und stutzt gleich mal alle Balkon­pflanzen zurück, wirft weg, was nicht mehr schön ist. Ihren Mann lädt Hanna zum Geburtstag in eine kleine Pension am See ein – ganz romantisch. Bis zur Abfahrt weiß er rein gar nichts. Auch nicht, dass später noch sein Lieblingscousin dazukommen wird.

Überraschungen sind eine zwiespältige Sache, findet die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler: Mit ihnen kann man anderen eine große Freude bereiten oder sie vor den Kopf stoßen. Aber wie gelingt die schöne Überraschung?
Ralf, ihr Mann, genießt das zwar. Hanna hat ihn bisher immer mit etwas erfreut, was zu ihm passt. Mal abgesehen von der Wand im Wohnzimmer, die sie gelb gestrichen hat. Aber eigentlich mag er nicht gern mit Unerwartetem konfrontiert werden. Überraschungen verunsichern ihn. Außerdem hätte er selber Sorge, sich etwas auszudenken, womit seine Frau oder Freunde überhaupt nicht rechnen. Was, wenn sie sich gar nicht freuen? Wenn sie seine Ideen womöglich schrecklich finden? Ralf ist der Gedanke ganz unangenehm, andere so zu überrennen. Man kann sie doch schlicht fragen, was sie haben möchten.

Eine, die Überraschungen zum Lebensinhalt macht, und ­jemand, der eher besorgt ist, wenn er an mögliche Überrumpe­lungen denkt: keine einfache Kombination. Es funktioniert nur, wenn einer die Motivation des anderen versteht. Hanna weiß, dass Ralf gerne die Kontrolle behält. In seinem Elternhaus war Strenge angesagt, für Fantasie gab es nicht viel Spielraum. Individuelle Aus- und Aufbrüche ins Leben waren nicht gern gesehen. Ralf fürchtet Tadel und Kritik – also bleibt er auf der sicheren Seite. Hanna liebt ihn, wie er ist. Denn ihr Mann ist keineswegs einfallslos. Und er macht sich viele Gedanken, ob sie sich wirklich freut. Er kümmert sich sehr um das, was sie gern hätte.

Und Ralf weiß, dass seine Frau sich selber eine Freude macht, wenn sie sich im Vorfeld eines Festes ausmalt, was alles passieren wird. Wie der Beschenkte schaut, was er wohl machen und sagen wird. Sie hat zu Hause gelernt, für andere da zu sein, hoch konzentriert wahrzunehmen, was im anderen vor sich geht. Das ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Beide haben ihre ganz eigene Weise, mit Überraschungen umzugehen. Und beide profitieren voneinander: Hanna kann lernen, nicht immer einen riesigen Aufwand zu treiben und sich bis zur Erschöpfung quasi Tag und Nacht mit dem nächsten Überraschungsprojekt zu beschäftigen.  

Ralf spürt beim Blick auf seine Frau, dass man gerade dann mehr Lebensspielraum hat, wenn nicht alles nach Plan läuft. Er weiß: Es ist zwar gut, die Dinge im Griff zu haben. So verfällt man nicht einem Laissez-faire-Verhalten, das alles gleichgültig schleifen lässt. Aber wirklich immer alles unter Kontrolle haben zu wollen, das macht letztlich innerlich eng und unfrei. Positive ­Überraschungen, wenn man sie nicht zum anstrengenden ­Dauersport macht, sind etwas richtig Schönes. Und selbst wenn man sich als der Überraschte nicht immer über alles riesig freut: Es macht das Herz und den Kopf offen und weit, sich auf die liebevollen Ideen anderer einzulassen. Sollen sie doch mal machen... Ich mache es auch.

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