An sich und an andere denken

Jetzt bin ich mal dran!
Die Theologin Susanne Breit-Keßler

Monika Höfler

Muss ich anderen den Vortritt lassen? Die Theologin Susanne Breit-Keßler antwortet auf Fragen, die uns bewegen

Großzügig sein, gute Sache. Aber es ist auch nicht unanständig, selbst etwas zu wollen

„Jeder kriegt sieben“, tönt der kleine David. Und nimmt sich genau so viele Bonbons. Das Dumme ist nur, dass seine vier Geschwister dabei den Kürzeren ziehen. Denn für sie bleiben knapp zwei Handvoll der Süßigkeiten – aber nicht sieben pro Nase. So kann man es machen. Beliebter wird man dadurch nicht unbedingt. Die Geschwister jedenfalls werden künftig verhindern, dass es David ist, der verteilt.

An sich selbst denken ist überhaupt nicht schlecht, findet Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler. Aber woran erkenne ich den, der es übertreibt, den gnadenlosen Egozentriker? Und wie gehe ich mit jemandem um, der das Maß verliert und nur an sich oder gar nur an andere denkt?

In meiner Jugend wurde so ein Durchsetzungsvermögen kräftig ironisiert. „Die Schüssel kommt in die Mitte“, hieß es spaßeshalber, „und jeder kriegt eine Gabel. Dann wird das Licht ausgemacht.“ Jeder wusste, was damit gemeint war: Es gibt Menschen, die sich rücksichtslos nehmen, was sie wollen. Da wird nicht lange gefackelt. Jedem seins und mir das meiste.

Manche dagegen haben Skrupel, wenn sie sich selbst Gutes tun könnten – und andere dabei möglicherweise ins Hintertreffen geraten. Sibylle zwängt sich im Auto auf den mittleren Platz, damit die Mitfahrer es bequem haben. Max stellt sein Hotelzimmer dem befreundeten Ehepaar zur Verfügung: Es ist schöner, und sie sind zu zweit... Petra verzichtet auf die letzte Portion Nudeln, weil Richard sie offenbar will.

Der Interessenabgleich ist nicht einfach. Wer nie schaut, was sein Gegenüber braucht oder haben möchte, ist ein gnadenloser Egozentriker. Vielleicht erfolgreich, aber kaum sozial und sympathisch. Wenn man umgekehrt immer verzichtet, ohne je auf eigene Bedürfnisse zu achten, ist das nicht gesund. Man schadet sich und tut anderen damit nicht unbedingt einen Gefallen.

Der schlechteste Sitz im Auto beschert einem noch mehr Rückenschmerzen und macht einen Arztbesuch nötig. Das junge Paar ist so mit sich beschäftigt, dass es gar kein Zimmer mit Ausblick braucht. Es knurrt einem der Magen – man bräuchte dringend Kalorien, um den Tag durchzuhalten. In solchen Fällen ist es wichtig, für sich selbst zu sorgen.

Es muss eine Balance geben

Oder sich selber wertzuschätzen. Hinter Sätzen wie „Das lohnt sich gar nicht, nur für mich“ oder „Das wäre doch nicht nötig gewesen!“ steckt manchmal die Sehnsucht, bestätigt zu bekommen: doch. Du bist es wert. Für dich lohnt sich alles! Diese Sehnsucht sollte befriedigt werden – damit so ein Mensch merkt, wie gut es tut, wichtig zu sein. Erst danach kann er oder sie auch nobel mit anderen umgehen.

Und großzügig sein: „Such du den Film aus. Ich schau mit dir an, was du magst.“ Wenn man an einem Abend keine Lust auf Thriller hat, sondern lieber Musik hören will, kann man das auch sagen. Warum nicht im Flugzeug den Fenster- mit dem Gangplatz tauschen, wenn man sieht, dass ein Passagier seine Angst durch den Blick in die Weite besser bewältigt?

Andererseits darf man den Gangplatz behalten, wenn man sich selber dort wohler fühlt und niemand Panik hat. Es ist nicht unanständig, selber etwas zu wollen. Man braucht sich auch nicht dafür zu rechtfertigen und immer Gründe für die eigenen Wünsche anzuführen. Manchmal reicht es zu sagen: „Ich würde gern auf dem Beifahrersitz Platz nehmen“, oder: „Ein Stück Pizza nehme ich noch mit Vergnügen.“

Es muss eine Balance geben: Dazwischen, zugunsten anderer mal einen Schritt zurückzutreten – und dann wieder selbst den Vortritt zu bekommen. Dazwischen, etwas gerne herzugeben – und beim nächsten Mal ebenso freudestrahlend etwas zu bekommen. Jedem seins und mir das Meine.

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