Über Krankheiten sprechen

"Mir geht es noch schlechter als dir!"
Wie soll man über Krankheit reden? Zu viel ist furchtbar. Aber gar nicht wäre schlimmer
Theologin Susanne Breit-Keßler

Monika Höfler

Die Theologin Susanne Breit-Keßler antwortet auf Fragen, die uns bewegen

Deutschland spricht 2019

Im Wartezimmer erzählen manche ausführlich von ihrer Erkrankung. Stumm sind meist nur die, denen es wirklich schlecht geht. Von den anderen erfährt man alles, was man nie wissen wollte. Man horcht in sich hinein, ob man ähnliche Symptome zeigt, oder ist genervt, weil man mit sich selbst zu tun hat. Wie gut, wenn man dann aufgerufen wird und mit Arzt oder Ärztin ein vernünftiges Gespräch über die eigenen Beschwerden führen kann.

Auch die Frage „Wie geht es dir?“ mag man manchen nicht mehr stellen. Jedes Mal, wenn man sich nach dem Wohlergehen erkundigt, ergießt sich ein Schwall dramatischer Beschreibungen über einen. Der Rücken, die Nerven, die Augen, der Hus­ten... Man ist voller Mitgefühl. Aber es strengt an, wenn der Gesprächspartner stets munter wie ein Fisch im Wasser scheint und trotzdem permanent klagt. Ob er einfach mehr Aufmerksamkeit braucht? 

Auf die Dauer auch schwer erträglich: immer übertrumpft zu werden. Eine Bekannte von mir hat das in schöner Regelmäßig­keit gemacht. Hatte ich Zahnweh, ist ihr beinahe eine ganze ­Brücke herausgebrochen. Spürte ich mal Herzrasen, war sie nahe am Infarkt. Ich habe ein bisschen gebraucht, um herauszufinden, dass diese Frau sehr viel Zuwendung nötig hatte. Und die konnte ich ihr durch Zuhören und Gespräche viel besser geben als durch Mitleid.

Natürlich ist es wichtig, über eine Krankheit zu sprechen – etwa, wenn man mit eigenen Erfahrungen Mut machen möchte. Ich selber habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich vor Jahrzehnten eine bösartige Erkrankung samt Operation und Chemotherapie hinter mich gebracht habe. Es kann anderen Hoffnung geben, wenn sie nicht nur vom tödlichen Ausgang solcher Krankheiten hören, sondern auch davon, dass man sie überleben und mit ihnen leben kann.  

Wirklich krank ist es, Gesundheit für selbstverständlich zu halten

Es ist gut, in Familie und Freundeskreis nicht stumm zu ­bleiben, ­sondern einen offenen Umgang mit dem eigenen Zustand zu pflegen. Denn wenn man Ängste unterdrückt, anderen mühsam vorenthält, wie es einem geht, wird man womöglich noch kränker. Die Energie, die man eigentlich bräuchte, um gesund zu werden, wird aufgezehrt vom Versuch, permanent Haltung und Schweigen zu bewahren.

Und alle Kommunikation gerät in eine Schieflage: Man ist nicht mehr aufrichtig miteinander, spielt eine heile Welt vor, die nicht existiert. Man sollte lieber etwas von sich preisgeben – um zu spüren, dass die anderen Anteil nehmen. Die Einsamkeit wird dadurch geringer, die Kraft größer.

Und wer sich scheut, auf Kranke zuzugehen, mit ihnen auch über großes Leid zu reden? Der muss sich klarmachen: Wirklich krank ist es, Gesundheit für selbstverständlich zu halten. Kleine Wehwehchen, richtige Beschwerden und schwere Krankheiten gehören zum Leben dazu. Sie sind der Normalfall. Das bei sich und anderen nicht wahrhaben zu wollen oder Kranke gar zu ­stigmatisieren, macht unmenschlich.  

Jeder soll die Zuneigung und die Fürsorge bekommen, die nötig sind. Globuli, Wadenwickel, Hühnersuppe, verdunkelte Zimmer und Ruhe, ausgefeilte Therapien und neue Medikamente, die Hand halten, streicheln, umarmen... Hauptsache, es sind alles Mittel und Wege, die neben Heilung auch das Gefühl schenken: Ich werde geschätzt und geliebt – auch mit dem, ­was mich schwach macht.

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Lesermeinungen

Lieber Roberto, hier findest du die Telefonnummern zu Schulen für Hörgeschädigte: http://www.gehoerlosen-bund.de/index.php?option=com_content&view=article&id=1770

Viele Grüße

Echt krass. Jeder , der mit solch schlimmen Kranken zu tun hat, hat mein Mitgefühl.
Andererseits...
Was hat das alles mit dem Glauben zu tun ? !!!
Ich "warte lieber auf Godot ", als dass ich den Neurosen der Wohlstandsgesellschaft auf den Leim gehe !
Frau Bischöfin, wo war Ihre geschätzte Unterstützung, als man den katholischen schwarzhäutigen Bischoff aus seinem Amt herausmobbte ???
Wussten Sie nichts davon ?
Dort wären Sie nötiger als im Wartezimmer bei all den eingebildeten Kranken, von denen Sie berichten.
Echt jetzt.