Frau Otts endgültige Ablage, diesmal: Glück

Glückstraining? Das hat gerade noch gefehlt. Ich bin montags unglücklich und lege großen Wert darauf

 stellvertretende Chefredakteurin Ursula Ott - Foto: Katrin Binner

Meine U-Bahn fährt morgens an einem Plakat vorbei mit der maximal dämlichen Zeile: „Ständiges Glück durch Meditation.“ Hilfe! Wie soll das denn gehen? Mich macht schon die Art unglücklich, wie das Glück vermessen und berechnet wird. Ständig! Die Nieder­sachsen sind laut „Glücksatlas“ der Post glücklicher als die Mecklenburger, teilzeitbeschäftigte Eltern mit Kindern unter vier Jahren sind laut Wissenschaftszentrum Berlin glücklicher als Kinderlose ohne Job. Und alles, was wir in diesen neueren Studien noch nicht gefunden haben, erzählt uns bestimmt die ARD in der Themenwoche „Glück“ im November. Die hat ja gerade noch gefehlt, nachdem bereits das Schulfach „Glück“ bundesweit Furore macht, der ansonsten verehrte Eckart von Hirschhausen ein 7-Wochen-Glückstraining ins Netz gestellt hat und das Königreich Bhutan, dessen Existenz mir vorher weitgehend unbekannt war, sich mit seinem „Brutto­sozialglück“ in alle Hochglanzmagazine gelächelt hat.

Eine Woche Glück? Sieben Wochen Glück? Bei mir läuft die Woche so: Wenn ich montags an dem dämlichen Meditationsplakat vorbeifahre, macht es das Gegenteil von Omm. Weil der Montag an sich ein Blödmann ist. Kinder kommen nicht aus dem Bett, weil am Wochenende zu spät eingeschlafen; ­Arbeit nervt, weil alle Konferenzen montags sind. Montags bin ich unglücklich und lege großen Wert darauf. Der Dienstag hat glückliche Momente, eben weil der Montag vorbei ist, alle Nervensägen schon ­montags angerufen haben und die Kinder infolge ihres Schlaf­defizits in der nächsten Nacht genug geschlafen haben. Glück –  welch eine Binsenweisheit – gibt’s immer nur im Kontrast zum Unglück. Das wird in Bhutan nicht wesentlich anders funktionieren als in Mecklenburg. Bei der ARD nicht anders als beim ZDF. Brutto wie netto. Und, ja, auch mit Kindern über vier Jahren. Die machen erstens unglücklich, müde und schlechte Haut. Manchmal machen sie, zweitens, schweineglücklich. Aber drittens ist es gar nicht ihre Aufgabe, Eltern glücklich zu machen. Dafür sind wir schon selber zuständig, fürs Glück. Und fürs Unglück. Ständig!

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Lesermeinungen

Das Lebensziel der Chinesen soll Glück sein. Deshalb wohl auch der Glaube an Glückssymbole und die manische Versuchung an den Casinoautomaten. Konfuzius war und ist für das Reich der Mitte immer noch sehr wichtig. Wer aber konfus mit Glück verbindet, ist in diesem Blog gut aufgehoben und hat wahrlich Glück.

Plödes Leben, was Sie da beschreiben. Ständig auf Sendung immer unter Strom . Viel Glück noch ;) und ach so:

" Was man selber an Glück nicht erlernt hat, kann man auch nicht weitergeben."

Wie der Hamster im Rad:-) , "und immer wieder/ die selben Lieder..." ,
und manchmal findet sich eine Antwort...

viel Glück,