Frau Otts endgültige Ablage. Diesmal: das Konzept

Deutschland spricht 2019

 

Als neulich eine Rundmail der Schulleitung an alle Eltern kam, man möge sich bitte an der Abstimmung beteiligen über das neue Toilettenkonzept, hat keiner gelacht. Obwohl wir von einer Kölner Schule reden, obwohl wir mitten im Karneval sind. Toilettenkonzept. Ja, warum nicht, wir haben ja in den letzten Jahren so einiges unterschrieben, was die Erziehung unserer Kinder betraf. Krippenkonzept, Kita-Konzept, Hortkonzept.

Wir haben alles unterschrieben, denn stets war es so: Es herrscht in der Kinderbetreuung in Deutschland das, was Immobilienmakler einen Anbie­ter­markt nennen. Die Anbieter diktieren die Bedingungen, weil sie auf der Mangelware Krippenplatz sitzen oder Hortplatz oder guter Schulplatz. Und die Anbieter reden gerne lange mit Eltern darüber, ob sie den Situationsansatz oder mehr die Reggio-Pädagogik befolgen. Die Eltern denken: Solang das Konzept nicht aus Prügel und Nahrungsentzug ­besteht, wird es schon o. k. sein. Hauptsache, Platz! Aber alle Eltern ­heucheln Interesse, sie sind die Nachfrager. Und die haben es schwer im Angebotsmarkt.

Noch ärger wird es, wenn man in eine Einrichtung gerät, die gerade ihr Konzept entwickelt. Man nennt das einen Prozess, und der kann dauern. Denn, so heißt es bei „Horte-online“, „der Weg ist genauso wichtig wie das Resultat“. Für die Eltern heißt das im Zweifelsfall, dass der Hort viele Tage geschlossen bleibt, dass die Erzieherin, mit der man gerne über das Kind reden würde, wahrscheinlich gerade auf „Konzept-Tagen“ ist. Und hat der Hort sein Konzept mit vielen bunten Kärtchen erarbeitet, verklumpt und verschriftlicht, heißt es für die Eltern wieder: Samstagnachmittag oder
-abend in den Hort kommen. Dort wird das Konzept, so empfiehlt ein Professor für Erziehungswissenschaften, „an Elternabenden mit ver­teilten Rollen spielerisch übersetzt“. Man kann es sicher auch tanzen.

Schon klar, warum keiner gelacht hat, als die Mail mit dem Toilettenkonzept kam. Man musste nur die Gender-Frage klären – soll die Reini­gungs­kraft künftig Mann oder Frau sein – und zwei Euro im Monat bezahlen. Wie, kein Elternabend? Keine Diskussion? Wir unterschreiben sofort!

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