Frau Otts endgültige Ablage, diesmal: Einfache Verhältnisse

Foto: Katrin Binner

Manchmal sind Euphemismen keine Beschönigung - sie sind eine Unverschämtheit!

Im Deutschunterricht meiner Kinder wurde neulich der „Euphemismus“ durchgenommen. Unangenehmes angenehm sagen, so erklärt der Duden dieses sprachliche Stilmittel. In der Schule wird dafür als Beispiel „Der Stechlin“ von Theodor Fontane zitiert, da kommt der Euphemismus „bescheidene Verhältnisse“ vor. Das unangenehme Wort wäre „arm“. Das angenehmere eben: „bescheidene Verhältnisse“. Daran muss ich jetzt immer denken, wenn ich von den vielen Politikern lese, die aus einfachen oder bescheidenen Verhältnissen kommen. Als sei die Welt nach wie vor ein großer Bildungsroman des 19. Jahrhunderts, beschwören Prominente selber ihren Aufstieg von ganz unten. Frank-Walter Steinmeier erwähnt stets, dass er „ohne Bibliothek und Klavier“ aufwuchs in Brakelsiek, eben in „einfachen Verhältnissen“, so seine Autobiografie.

Noch viel häufiger sind es die Journalisten, die zum Euphemismus greifen. Sigmar Gabriel kommt wahlweise, für die Schlagzeilenmacher der „Welt“, „aus einfachen Verhältnissen“ oder, für die Kollegen der „Märkischen Allgemeinen“, gar „aus sogenannten schwierigen Verhältnissen“. Und Frankreichs neue Première Dame Valérie Trierweiler hat weniger Glamour als ihre Vorgängerin Carla Bruni. Damit stammt sie für den „Spiegel“ „aus einfachen Verhältnissen“. Ich finde diese Formulierung verhältnismäßig peinlich. Und sie sagt mehr aus über die Verhältnisse der Schreiber als über die der Beschriebenen. Trierweiler hat fünf Geschwister, der Vater war Kriegsinvalide, die Mutter Kassiererin. Für eine Französin, in den 60er Jahren geboren, ein relativ durchschnittliches Schicksal.

Was also soll diese Arroganz der Berichterstatter? Ach ja, Trierweiler hat zwar keine Designerkleider, „trotzdem sah sie heute gut aus“, weiß der „Spiegel“. Trotzdem! Dieses Aschenbrödel-Deutsch, das geht mir wirklich auf die Nerven. Und, liebe Deutschlehrer, das geht auch nicht mehr als Euphemismus durch. Bescheidene, kleine, einfache Verhältnisse – das macht die Dinge im Jahr 2014 nicht angenehmer. Es ist keine Beschönigung. Es ist eine Unverschämtheit.

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