Ursula Ott über konstruktive und negative Nachrichten

Formeln
Als Journalistin nach jeder schlechten Nachricht drei positive drucken? Solche Vorgaben gehen nicht immer gut

Als Mutter soll ich mein Kind für jeden Tadel dreimal ­loben. Als Journalistin soll ich nach jeder schlechten Nachricht drei positive drucken. Als Ehefrau bei einem Streit jeder negativen Äußerung fünf positive hinterherschicken. Als Angestellte an drei von fünf Tagen morgens leidenschaftlich zur Arbeit gehen. Und sollte ich an einem dieser drei Wow-Tage bei der Arbeit eine Innovation starten, muss die zehnmal besser sein als die vorhandene Lösung. Wer das ausgerechnet hat? In dieser Reihenfolge: eine Erziehungsberaterin, eine dänische Journalismusforscherin, ein amerikanischer Paartherapeut, eine deutsche Personalerin und der Innovationschef von Google.

Komisch, mein Leben hält sich selten an diese Formeln. Manchmal gehe ich fünfmal die Woche gerne zur Arbeit, manchmal sage ich schon montags viele böse Worte und lasse sie so stehen. Ich freue mich, dass mich die Innovation ­Carsharing doppelt so schnell zum Büro bringt – um das Zehnfache zu schaffen, müsste ich Überschall fliegen. Vielleicht schafft das ja das selbstfahrende Google-Auto. Das darf ich dann auch anschreien, denn ich will es ja nicht heiraten. Hätte ich einen Mann geheiratet, der nach jedem „Spinnst du?“ fünfmal ­„Danke“ sagt? Klingt extrem unerotisch.

Nein, so will man nicht lieben und nicht leben. Und übrigens auch nicht lesen. Leser freuen sich über „konstruktiven Journalismus“, für den auch chrismon Sympathien hegt: Wer nur Katastrophenmeldungen liest, schaltet ab. Aber Schreiben nach Formeln ist wie Malen nach Zahlen. Wie neulich bei „Spiegel online“, wo der Amnesty-Jahresbericht vermeldet wurde: Die Zahl der Hinrichtungen ist 2015 im Vergleich zum Vorjahr um die Hälfte gestiegen. 1600 tote Menschen. Die Zahl ist so grässlich, dass sie auch nicht glücklich macht, wenn im Vorspann steht: „Aber es gibt auch gute Nachrichten.“ Ist nicht konstruktiv, ist dämlich konstruiert. Ein Toter ist tot. Und seine Liebs­ten werden um ihn weinen. Das muss man stehen lassen. Für diesen Tadel, liebe Kollegen, gibts jetzt auch kein Lob hinterher. Nächstes Mal wieder. Ihr haltet das schon aus.

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