Gelassen älter werden

Alterserscheinung
chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott erklärt, warum "Lebensspuren" mehr aufmuntert als "Alterserscheinungen"
Ursula Ott, Chefredakteurin von chrismon

Foto: Katrin Binner

Ursula Ott, Chefredakteurin von chrismon

Neulich im Winter. Es ist bitterkalt, auf dem Rad pfeift der Fahrtwind, meine Augen tränen. Tränen so dolle, als sei gerade die krebskranke Ali MacGraw in der „Love Story“ gestorben. Ich zur Apothekerin: Haben Sie Augentropfen? Apothekerin zu mir: Tränende Augen? Das ist bestimmt eine Alterserscheinung. Aua. Isses schon so weit? Stimmt, das mit dem „Love Story“-Film ist auch schon paar Tage her. Richtig jung bin ich nicht mehr. Gleich kommen mir wirklich die Tränen.

Was Liebe aushält

 Ein Mann verknallt sich mit Haut und Haaren, und nach einem Jahr fällt seine Freundin in eine schwere Depression. Eine Frau macht eine steile Karriere mit liebevoller Unterstützung ihres Mannes, und dann wirft er sich vor einen Zug. Das ist ja nicht zum Aushalten! Sieben Reportagen über Liebe und Leidenschaft, Trauer und Abschied. Von der preisgekrönten Autorin und chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott. Zum chrismonshop.

Was ist das für ein hässliches Wort. Alterserscheinung. Streng genommen ist das Leben ab 20 eine einzige Alterserscheinung. Das ­sagen die Alternsforscher von Max Planck. Ab 20 gehts bergab mit den Zellen, und wie das zu verhindern wäre, da muss noch viel geforscht werden. Bei Mäusen hilft, wenn man ihnen ­konsequent die Nahrung wegnimmt, und zwar immer kurz bevor sie satt sind. Dann altern sie nicht. Aber soll ich 120 Jahre lang Salatblätter inhalieren? Dann lieber altern. Mit trockenen Augen und den anderen, nun ja, Lebensspuren. Auch kein gutes Wort. Klingt nach Gedichten, im Selbstverlag herausgegeben. Verschleißerscheinungen. Klingt nach Autoscout24. Ja, gibt es denn gar kein charmantes Wort für die Tatsache, dass der Körper mit 50 ein biologisch anderer ist als mit 20?

Eine Kollegin erzählt, ihre Sehkraft habe nachgelassen, schon wieder müssen neue Gleitsichtgläser her. „Das steht Ihnen zu mit 58!“, sagt die Augenärztin. Klingt auf jeden Fall aufmunternder als Alterserscheinung. Aber ist ein Euphemismus – denn seit der letzten Gesundheitsreform steht uns gar keine Brille mehr zu. Insofern gilt hier ­die Gelassenheit des Alterns auch nur für ­Menschen, die sich mal eben 500 Euro für neue Gläser leisten können.

Ich veranstalte hiermit einen Wettbewerb: Wer mir ein schöneres Wort schenkt, kriegt eine Schachtel belgische Pralinen. Hilft ­gegen schlaffe Haut. Und gegen die Tränen half übrigens Berberil. Ein Taschentuch. Und die Aussicht auf wärmere Tage. 

Leseempfehlung

Eine Schachtel Pralinen für ein schöneres Wort als "Alterserscheinung“. Ursula Ott hat einen Gewinner

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Ich sage dazu "Materialermüdung" allerdings erst seit ich ca. 70 bin - und dann noch etwas, für 500 Euro kriegt man vielleicht neue Gläser, aber keine neue Brille - weil die neuen Gläser nicht ins alte Gestell reinpassen.
Brigitte Klein

Hallo Frau Ott,
Ihre Kolumne lese ich immer als erstes im neuesten Chrismon - mit dem größten Vergnügen. Vielen Dank dafür.
Als Alternative für den negativen Begriff "Alterserscheinung" könnte ich anbieten:
Lebensmerkmale, Lebenskennzeichen, Lebenszeichen, Lebensmarker
Herzliche Grüße
Jakob Unterforsthuber

Hallo Frau Ott,
ich bewerbe mich für die belgischen Pralinen mit dem Vorschlag statt Alterserscheinung das Wort Silberstreif(en) zu verwenden.
Mir gefällt es, silberne statt graue Haare zu haben, mir gefällt es, beim Silberstreifen, den Horizont mitzudenken. Er wurde über die Jahre des Lebens erweitert- aber er reicht auch weiter als unsere Lebenszeit. Auch das Wort "reif" ist im Silberstreif verborgen- und die Streifen, die man in der Schwangerschaft vielleicht nicht bekommen wollte- die aber dennoch Zeichen für etwas sehr Schönes, nämlich gewachsenes Leben sind.

In Ihrer Kolumne könnten Sie, ein Vorschlag zuletzt, auch das unschöne Wort "Anti-Aging-Produkt" einmal erledigen.
Mit herzlichem Gruß
Heinke Willms

Liebe Frau Ott,

statt Alterserscheinung verwende ich gerne "fortschreitende Jugend".
Das hört sich viel besser an und führt bei den Angesprochenen garantiert zur Erheiterung.
Mit besten Grüßen
Engelbert Raaf

Sehr geehrte Damen Kurschus (Herausgeberin) und Ott (Redakteurin),
 
das im Betreff genannte Heft von Chrismon fiel mir heute in die Hände (ich lese ja neuerdings Chrismon plus, weil ich das Abo bei der FAZ gekündigt habe und deshalb deren Beilage nicht mehr bekomme). Beide Beiträge haben mir sehr gefallen.
 
Zu I: Frau Ott beschäftigt sich mit Veränderungen, die als Umbrüche oder deren Unterstellung empfunden werden. Es gibt deren zwei: Pubertät und „Wechseljahre“. Weitere eigentlich nicht. Ich habe volles Verständnis dafür, dass Frau Ott den Begriff „Alterserscheinung“, auf sie ange-wandt, als unangenehm empfindet, wird man doch mehr oder weniger als „Schrott“ qualifiziert. Frau Ott bittet um Vorschläge für eine freundlichere Bezeichnung. Wie wäre es mit „Übergangs-erscheinung“? Das kann den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt bedeuten oder etwas Vorübergehendes bezeichnen – wie man will.
 
Mit freundlichen Grüßen
Ulrich von Heyl

 

Hallo Frau Ott,

In chrismon 01/2016 bitten Sie um Vorschläge für ein schönes Wort für "Alterserscheinung". Dazu eine kleine Geschichte:

Mit Mitte 30 kam ich in eine sehr dynamische IT Firma. Die suchten Leute mit einer gewissen "Seniorität" was uneingeschränkt positiv gemeint war und Aspekte wie Wissen, Erfahrung, Abgeklärtheit, Durchsetzungsfähigkeit etc. umfasste. Ich hatte in dem Alter schon graue Haare an den Schläfen was ein

Senioritätsbeweis

war. Und dieses Wort benutze ich seitdem gerne.

Viele Grüße und herzlichen Dank für zahlreiche erfrischende Kolumnen!

Hartmut Haubrich, Aachen

Bei Deutschen ,die aus Russland zu uns kamen, hörte ich kurz und knapp: " das ist die Ält"
Mit freundlichen Grüßen
Marlise Mickler

Liebe Frau Ott, es sind nicht die Alterserscheinungen unter denen wir leiden (selber bin ich auch schon bald 68 Jahre), sondern es sind die "Folgen der Jugend". Alles Gute und Gesundheit im Neuen Jahr mit vielen Ideen für weitere endgültige Ablagen.

Hallo Frau Ott,
wie wäre es denn mit dem Begriff „Entwicklungsblüten“ statt Alterserscheinung?
Hat genau so viele Silben und hört sich viel spannender an…
 
Viele Grüße aus Bonn
Therese Geulen 

Liebe Frau Ott,
statt sich über Alterserscheinungen zu grämen, sollten Sie stolz sein auf Ihre Reife-Zeichen.
(Und bitte kein Berberil, wenn die Augen tränen. Lieber Tränenersatztropfen,trotzdem. Ihr Augenarzt erklärt Ihnen, warum.)
Ihr Dr. W. Lackner

Es gibt etwas, das sicher hilft.
Aber ich verrate es nicht.
Alles Gute und viel Glück im Neuen !

P.S.

Das Alter ist bei manchen Gegenständen Qualitätsmerkmal, Gebrauchsspuren erwünscht. Grobmaschigkeit und Derbheit in der Mode kann super wirken, z.B. als Kombination mit Strick !
Retro, Nostalgie sind Begriffe, die kommen in schöner Regelmässigkeit.
Alterslose Schönheit wird einem nicht nur geschenkt.