Was ein Obdachloser in Indiens Boomtown Chennai mit den großen Fragen der Globalisierung zu tun hat

Mir geht manches Mal ein Bild durch den Sinn. Es war nur ein kurzer Moment. Wir fuhren in einer dieser dreirädrigen Taxen zu dritt auf eine Rückbank gequetscht durch das enge und stickig heiße Chennai in Südindien. Die Stadt brodelt und boomt, stolz heißt es, hier zeige sich die grandiose Wirtschaftsentwicklung Indiens. Mitten im tosenden Verkehr mussten wir an einer Ampel halten. In der Gosse, im wahrsten Sinne des Wortes, also am Bordstein zwischen Müll und Dreck, lag ein Mann. Ich dachte, er sei tot. Als wir anfuhren, hob er den Kopf etwas und sah mich an ...

Profiteure ohne Verantwortungsbewusstsein

Der barmherzige Samariter hätte wohl den Taxifahrer gebeten, anzuhalten, und geschaut, ob er den Mann versorgen kann. Wir sind weitergefahren. Für mich ist dieses Erlebnis ein Sinnbild dafür, wie wenig wir, die wir in den reichen Ländern des Nordens von der Globalisierung profitieren, bereit sind, Verantwortung für die katastrophale Verarmung im Süden dieses Globus zu übernehmen.

O ja, wir lesen in den Zeitungen, dass es Hungeraufstände gibt von Kolumbien bis Indonesien. Aber unsere Reaktion ist weniger, gegen den Hunger anzutreten, als zu fragen, ob unsere Grenzen sicher genug sind, damit die Armen der Welt sie nicht überschreiten können. Im Süden der USA wird gerade für sehr viel Geld eine gigantische Mauer gebaut, damit die Grenze "sicher" wird. Und auch Europa schottet sich ab, so gut es kann. Die Zahl der im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlinge aus dem Elend Afrikas ist unbekannt.

In Äthiopien kostet einheimisches Getreide inzwischen mehr als importiertes. Und was zunächst als ökologisch sinnvolle Lösung für die Krise unserer Landwirtschaft erschien, der Anbau von Pflanzen zur Energiegewinnung, erweist sich als weiterer Dreh in der Spirale der Welternährungsunordnung. Nun wird auch in Brasilien Mais für Bioenergie angebaut, während Menschen im Land hungern. Und gleichzeitig wird zum Beispiel in Wien jeden Tag ebenso viel Brot vernichtet wie gegessen. Da klingt das Gebet "Unser täglich Brot gib uns heute" geradezu zynisch.

Der Markt beherrscht die Welt

Wen solche Ungerechtigkeit umtreibt, der oder die wird schnell als naiver Gutmensch abgetan, der begreifen muss, dass der Markt die Welt beherrscht und wir daran nichts ändern können. Aber ist das nicht eine entsetzlich resignative Haltung? Es sind doch Menschen, die Märkte gestalten, und es kann nicht nur Weltwirtschaft alles beherrschen, es muss doch auch so etwas wie Weltethik geben.

Sicher, zum einen ist die Politik gefragt, für Gerechtigkeit über Grenzen hinweg einzutreten. Zum anderen sind die Manager dieser Welt aufgerufen, Verantwortung zu übernehmen, nicht nur Profit, sondern auch das Leben der Menschen im Blick zu haben. Aber ich denke, auch als Einzelne können wir zumindest kleine Schritte gehen, vom Einkauf fair gehandelter Ware bis zur Unterstützung von Entwicklungsprojekten wie etwa des Evangelischen Entwicklungsdienstes, die einheimische Landwirte fördern. Wir können in der öffentlichen Meinungsbildung deutlich machen, dass "billig" eben nicht gut ist, weil es bedeutet, dass Lebensmittel nicht angemessen bezahlt werden. Und wir können als Bürgerinnen und Bürger Einfluss nehmen, indem wir fragen, ob Entwicklungspolitik bei Parteien ein Nischenthema ist oder Welthandelsbeziehungen tatsächlich die angemessene Aufmerksamkeit haben.

Der Mann in der Gosse in Chennai ist unser Nächster. Auch das ist eine Form der Globalisierung - nicht nur der Wirtschaft, sondern der Mitmenschlichkeit und der Verantwortung.

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