Samariterinnen mit und ohne Kopftuch

Draußen auf dem Rasen genießen türkische Familien ihr Picknick, drinnen kann man am christlichen Stundengebet teilnehmen. In der St.-Thomas-Kirche in Berlin-Kreuzberg ist für die Dauer des Ökumenischen Kirchentags ein "Begegnungszentrum Christen und Muslime" eingerichtet, das erste seiner Art. Bei den Diskussionen geht es allerdings weniger entspannt zu. Da äußern Muslime, wie sehr sie seit dem 11. September 2001 unter Fundamentalismusverdacht leiden ­ Kopftuch oder Bart genügen bereits, um verdächtig zu erscheinen. Kirchentagsbesucher ihrerseits verlangen energisch Anpassung an die in Deutschland geltenden Sitten. Im Vorfeld des Verfassungsgerichtsurteils über die kopftuchtragende Lehrerin ist das Stück Stoff endgültig zum Symbol geworden ­ für das Verhältnis von Staat und Religion, für den Streit um kulturelle Vielfalt.

Zum Beispiel bei der Entwicklung der sozialen Dienste. Die sind hierzulande von den Kirchen geprägt. Nach der Umfrage "Perspektive Deutschland" wünschen immerhin 53 Prozent der Bevölkerung, dass dies auch so bleibt. Nächstenliebe ist ein Kennzeichen des christlichen Glaubens ­ daran erinnert nicht nur die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Jeder, der sich der Kranken annimmt, ist auf der Spur Jesu, der uns in den Schwächsten begegnen will, sagt die Bibel. Sicherlich: Vielen Engagierten ist nicht bewusst, dass ihr Handeln eine religiöse Seite hat. Dass es mit unserem Gottesbild zusammenhängt, wenn wir für die Würde behinderter oder sterbender Menschen eintreten. Aber war das dem Samariter bewusst, als er den Verletzten sah und seine Wunden verband? Hat es eine Rolle gespielt, dass er einer religiösen Minderheit angehörte?

Längst tun in diakonischen Einrichtungen muslimische Schwestern Samariterdienste, mit oder ohne Kopftuch. Sie folgten den muslimischen Reinigungskräften, die die Kirche schon länger als Dienstleister nutzt. Wegen des Bekenntnis-charakters der Diakonie sind für Muslime Spitzenjobs in der Regel tabu ­ genauso wie die Arbeitsfelder, in denen es um Glaubens- und Identitätsfragen geht, zum Beispiel in Kindergärten. Wo aber an Sterbebetten oder in Geburtskliniken Gespräche über den Glauben aufkommen, da ist zu spüren: Uns verbindet der Glaube an die Barmherzigkeit Gottes, die allen Menschen gilt. Zugleich trennen uns Kulturen und Traditionen, vor allem aber verschiedene Vorstellungen von der Organisation sozialer Dienste. Die Emanzipation der Diakonie aus dem Umfeld der Kirchengemeinden, die gesellschaftliche Öffnung für alle Benachteiligten, die bei uns schon im 19. Jahrhundert stattfand, hat bislang kaum eine Entsprechung im Islam. Es gibt kaum Vereine und Verbände, die sich an weitere Kreise als an die eigenen Glaubensgenossen richten. Unser Subsidiaritätssystem böte Raum dafür. Es rechnet mit der Pluralität der Weltanschauungen, und bei gleichen professionellen Standards soll auch die öffentliche Förderung für christliche und muslimische Einrichtungen gleich sein ­ wenn der Bedarf vorhanden ist. Und das ist der Fall.

Damit Integration gelingt, sind muslimische Träger mit eigenem Profil gefragt. So kann Gottes Menschenfreundlichkeit in vielfältiger Gestalt sichtbar werden.

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